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Ab drei Uhr tut es weh: Die schwere Geburt der Griechenland-Rettung

Bis in die Morgenstunden sickerte nur wenig aus den Verhandlungssälen der Euro-Gipfel-Teilnehmer. Um 3.54 Uhr kam schliesslich die Erlösung. Das Protokoll einer langen Verhandlungsnacht.

Der Verhandlungsmarathon ist zu Ende: Ein müder Nicolas Sarkozy verlässt Brüssel. (27. Oktober 2011)
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Reuters
Auch er hat genug: Italiens Premierminister Silvio Berlusconi in den Morgenstunden. (27. Oktober 2011)
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Reuters
«Occupy Brüssel» nimmt erst in den Morgenstunden ein Ende.
«Occupy Brüssel» nimmt erst in den Morgenstunden ein Ende.
Reuters
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Wie lange am Stück können Spitzenpolitiker eigentlich konzentriert um Milliardenbeträge feilschen? Wie viele Stunden rinnen am Verhandlungstisch dahin, bis den Sarkozys und Merkels und Berlusconis langsam die Gesichtszüge entgleisen? Wann lassen sich selbst hartgesottene Staatenlenker aus Müdigkeit zu fatalen Zugeständnissen beim Gezerre um Schuldenschnitte, Bankenkapital und Kredithebel hinreissen? Im Foyer des Brüsseler Ratsgebäudes schiessen in der Nacht zum Donnerstag die Spekulationen ins Kraut, während hinter verschlossenen Türen der Krisengipfel tagt.

Hunderte Journalisten aus aller Welt belagern seit Tagen die gefühlte Hauptstadt Europas und hoffen auf Historisches. Kommt nun endlich der ersehnte Befreiungsschlag, der die EU aus der Finanz- und Schuldenkrise führen soll? Amerikanische Nachrichtenagenturen, japanische TV-Teams, spanische Radiosender – sie alle wollen als Erste die Einigung verkünden. Aber aus den Verhandlungssälen sickert zunächst wenig nach aussen, dann kaum noch etwas und schliesslich überhaupt nichts mehr. Um drei Uhr früh ist es still geworden an den Reihentischen im Foyer. Später wird klar: Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Wortbrocken vor die Pressemeute

Begonnen hatte der Tag wie üblich mit den sogenannten Doorsteps. Bei strahlendem Sonnenschein fahren die EU-Spitzen vor dem Ratsgebäude vor und werfen der lauernden Pressemeute auf dem Weg zur Eingangstür strategisch platzierte Brocken vor die Mikrofone und Kameras. Im Minutentakt werden die Wort- und Satzfetzen vom roten Teppich in den Äther gesendet, die Nachrichtenmaschinerie brummt. Dann ziehen sich die Staatenlenker in ihre Beratungsräume zurück. Der Informationsfluss ebbt ab, Details zu den Zwischenetappen der Verhandlungen sind jetzt nur noch auf indirektem Wege zu bekommen.

An den schmucklosen Reihentischen im Foyer des Ratsgebäudes beginnt jetzt Phase zwei. Quellen werden angefunkt, Gerüchte abgeklopft, Verhandlungsspielräume analysiert. In den Meldungen tauchen nun immer öfter die beliebten «Verhandlungskreise» und namentlich nicht genannten «EU-Diplomaten» auf. Als auch diese Quellenströme versiegen, verabschieden sich immer mehr Journalisten an die Bar. Die roten Ziffern der Digitaluhr zeigen nun Mitternacht.

Erinnerungen an frühere Verhandlungsmarathons werden wach. In Nizza bekriegten sich die Staatsspitzen einst fünf Tage lang, bis sie einen Kompromiss präsentierten. So viel Zeit haben sie diesmal nicht, die alles verschlingenden Märkte verlangen nach einer schnellen und entschlossenen Lösung. Aber die lässt weiter auf sich warten.

Kaffeeautomat am Anschlag

In der hauseigenen Cafeteria gehen langsam die Vorräte zur Neige: Bananen gibt es jetzt nur noch in Grün statt Gelb, die Sandwichs werden knapp und der Kaffeeautomat brummt am Anschlag. Auf den Computerbildschirmen der Korrespondenten sind nun immer seltener Nachrichtenseiten zu finden. Stattdessen laufen Youtube-Videos, Solitär und Fussballmanager. Was immer hilft, um wach zu bleiben. Trotz der Ablenkung sinken entlang der Reihen immer mehr müde Köpfe auf die Journalistenbrust. Unter den Augen graben sich tiefe Furchen ins Gesicht. Drei Uhr früh: Jetzt geht es im Fussballjargon dahin, wos weh tut.

Doch plötzlich kommt Unruhe in den Saal. Gerüchte kursieren, es soll eine Einigung gegeben haben! In die müden Glieder schiesst neue Energie. Aus den Gerüchten werden Fakten: Die Verhandlungen sind beendet. Aber was wurde entschieden? Um 3.54 Uhr brandet Jubel im Foyer auf: Über den riesigen Bildschirm am Ende der Halle flackert die erlösende Ankündigung: «Pressekonferenz in wenigen Augenblicken.» Acht Minuten später wird Angela Merkels Schritt vor die Mikrofone in einer SMS angekündigt: «PK der Bundeskanzlerin JETZT im DEU Pressesaal.»

«Occupy Brüssel ist vorbei»

«JETZT» geht es um Fakten und Zahlen. Schuldenschnitt für Griechenland? 50 Prozent! Bankenrekapitalisierung? Ist im Sack! Die Feuerkraft des Euro-Rettungsschirms? Wird auf eine Billion gehebelt! Um fünf Uhr sind die Nachrichten verarbeitet und auf dem Draht. «Occupy Brüssel ist vorbei», feixt ein Journalist. Den letzten Gute-Nacht-Gruss aber liefert Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker. Eine Reporter-Bitte um ein Interview bescheidet der Luxemburger knapp: «Ganz schnell, weil ich muss schlafen.»

Marc Kalpidis / dapd/jak

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