Zwangsheirat auf Französisch

Das Elsass wehrt sich gegen die Fusion mit Lothringen und Champagne-Ardenne. Was sind die Beweggründe?

Es geht auch um regionale Identität: Die Stadt Colmar im Elsass (8. August 2014). Foto: Pascallj (Flickr)

Es geht auch um regionale Identität: Die Stadt Colmar im Elsass (8. August 2014). Foto: Pascallj (Flickr)

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Ein Thema beherrscht die politischen Diskussionen in Frankreich seit Monaten: die Verwaltungsreform, die Präsident François Hollande und sein Premier Manuel Valls verwirklichen wollen. Aus 22 Regionen sollen 13 werden. Am vehementesten ist der Widerstand gegen die Neuorganisation im Elsass, das mit Lothringen und der Champagne-Ardenne zusammengehen soll. Über alle Parteigrenzen hinweg wehren sich die Elsässer gegen die geplante Vereinigung. Eine Demonstration jagt die nächste, seit Wochen schon.

Genützt hat es nichts: Die französische Nationalversammlung hat der neuen Verwaltungskarte am Dienstag mit 277 gegen 253 Stimmen zugestimmt. Ihrer Enttäuschung machten die Elsässer in Paris lautstark Luft. «Mariage forcé, divorce assuré», rief Jean-Luc Reitzer, Abgeordneter in der Assemblée Nationale und Bürgermeister des Städtchens Altkirch: Der Zwangsheirat werde mit Sicherheit die Scheidung folgen.

Eigene Reform gescheitert

Dabei ist eine Verwaltungsreform gerade im Elsass überfällig. Das ist auch der betroffenen Bevölkerung bewusst. Im April 2013 haben sich 58 Prozent der Elsässer in einem Referendum für die Zusammenlegung der beiden Departementsräte (Haut-Rhin und Bas-Rhin) mit dem Regionalrat ausgesprochen. Eine einzige Elsässer Verwaltungseinheit sollte geschaffen werden. Die Gebietsreform scheiterte jedoch am Nein im Oberelsass und an der insgesamt zu niedrigen Stimmbeteiligung.

Die Angst vor einem Um- und Abbau des aufgeblähten Verwaltungsapparats war schon damals gross. Auch die Regionalpolitiker, die meisten von der Union pour un Mouvement Populaire (UMP), gaben Steuergelder lange Zeit mit beiden Händen aus. Der Conseil Régional etwa leistete sich in Strassburg einen ultramodernen Amtssitz. Die von Paris jetzt angeordnete Neuorganisation der Regionalverwaltung ist auch eine Antwort auf die verpasste eigene Reform.

Das Diktat ist freilich auch Ausdruck dessen, dass es in Paris an Sensibilität für die regionale Identität fehlt: Die Elsässer glaubt man – im Gegensatz zu den Korsen und Bretonen – übergehen zu können. Ein Grund dafür liegt in der wechsel- und leidvollen Geschichte der Grenzregion, die seit 200 Jahren zwischen Anpassung und Abgrenzung von Paris pendelt. Im Vergleich zu den Korsen oder Bretonen sind die Elsässer politisch weniger selbstbewusst, eher obrigkeitsgläubig und vor allem nostalgisch. Die Dorftheater erfreuen sich im Elsass grosser Beliebtheit. Gleichzeitig verschwindet das Alemannische immer mehr aus dem Alltag.

Die Sprache geht verloren

Das französische Bildungswesen hat hier ganze Arbeit geleistet. Und die Eltern halfen kräftig mit: Wer seine Kinder fördern wollte, sprach mit ihnen Französisch. Zur erträumten Karriere auf den Champs-Elysées passte das Elsässische nicht.

Ein Beispiel: Die Eltern des Schreiners Jean-Louis Perrin in Saint Bernard, meinem Sundgauer Wohnort, der bis vor drei Jahrzehnten noch Brinnighofen hiess, sprachen besser Elsässisch als Französisch. Der Schreiner selber spricht es bis heute gut, seine drei Söhne bloss noch mit Mühe und deren Kinder gar nicht mehr. Heute bedauert man das im Elsass. Die nur noch Französisch sprechenden jungen Elsässer finden in Basel und im Badischen immer schwerer einen Job.

Am Volk vorbeigeplant

Um diese für die Elsässer Kultur zentrale Entwicklung kümmerten sich die meisten Politiker bis vor kurzem nicht. Dass sie jetzt auf die kulturelle Eigenständigkeit pochen, ist deshalb nur halbwegs glaubwürdig. Die Angst vor einem Abbau der Verwaltung und einer Beschneidung ihrer Macht dürfte eine mindestens so grosse Antriebskraft sein. Und trotzdem: Es ist verständlich, dass das relativ wohlhabende, an Deutschland und die Schweiz grenzende Elsass nicht mit ärmeren Regionen zusammenspannen will. Eine Nivellierung nach unten wird befürchtet.

Wie die französische Regierung die Verwaltungsreform angeht, ist aus Schweizer Sicht unverständlich: Nichts von Mitsprache der Direktbetroffenen, nirgendwo eine Volksabstimmung zur Neuorganisation. Wie die Reform im Elsass angesichts des heftigen Widerstands umgesetzt werden soll, ist schleierhaft. Es mag auf dem Papier ohne Volk gehen, nicht aber im politischen Alltag.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2014, 20:10 Uhr

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