Zu Gast in Shaqiris Heimatdorf

«Hajde Zvicër!», rufen die Albaner im Dorf, das der Stürmer vor langer Zeit verlassen musste. Wie leben die Bewohner heute?

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Die Verwirrung ist kurz nach der Ankunft in Kosovo gross. Man fährt in Richtung Zhegra, wo Xherdan Shaqiri geboren wurde, und es kommen einem sehr vertraute, sehr gelbe Postautos entgegen. Denner-Lastwagen am Strassenrand und Möbelhäuser mit dem Migros-Logo sind der ultimative Beweis dafür, dass Kosovo der 27. Kanton der Schweiz ist. Was in unserem Land bei der Fahrzeugprüfung nicht durchkommt, fährt noch viele Jahre in den Schluchten und Ebenen des kleinen Balkanlandes.

Wer in diesen Julitagen nach Zhegra kommt, der taucht in ein Fahnenmeer. Der Muezzin ruft zum Mittagsgebet, in der Luft flattern Schweizerkreuze, an den Wänden hängen Poster des in der Fremde zum Star gewordenen Landsmannes, auf der Hauptstrasse wird man sofort von jubelnden Kindern umzingelt. Der Grund des Besuchs ist allen klar. Shaqiri! Manche vergleichen ihn schon mit dem Albaner Konstantin Araniti, der im Mittelalter Kommandant der Schweizergarde im Vatikan war.

Natürlich ist das irrational, aber irgendwie typisch für die Denkweise der Underdogs. Als solche wurden die Albaner im alten Jugoslawien behandelt. 1991 bricht der gemeinsame Staat zusammen, im selben Jahr kommt Xherdan Shaqiri zur Welt. Die Schweizerinnen und Schweizer feiern 700 Jahre Eidgenossenschaft.

«Wir sind wieder wer»

Seither hat sich vieles geändert. «Wir sind wieder wer», jubelt Liburn Dema an der Center-Bar in Zhegra. Wie fast alle Kosovo-Albaner muss er zunächst seine Fluchtgeschichte erzählen: Die ersten Lebensjahre hat er in Deutschland verbracht, wo die Familie vor der Repression der serbischen Polizei Zuflucht suchte. Er wäre gern in Leipzig geblieben, das lässt der 28-Jährige durchblicken, aber die deutschen Behörden schickten die Familie zurück, nachdem die Nato 1999 Kosovo befreit hatte.

Beim Serbien-Spiel werden die Schweizer Fussballer von russischen und serbischen Fans ausgepfiffen. Video: Leser-Reporter.

Dema landete wieder in Zhegra, wo er mit Shaqiri Fussball spielte, wenn das junge Talent aus Basel in die alte Heimat kam. Beide sprachen Deutsch, beide hatten grosse Träume. Sie haben noch heute Kontakt. «Ich will ihn nicht ständig stören, aber manchmal schreibe ich ihm eine Nachricht auf Whatsapp», sagt Dema, der am Vormittag in Pristina als Geburtshelfer arbeitet und am Nachmittag für einen Zustupf in einem Callcenter Anrufe von deutschen Kunden entgegennimmt. Xherdan antworte immer.

Der Star hat in Zhegra ein Haus gebaut. Das machen fast alle Diaspora-­Albaner. Die Villen stehen meist leer, doch sie sind ein Statussymbol.

Bald kommen die «Schatzis», die Diaspora-Albaner, nach Zhegra.

Den Schülern von Zhegra schenkte Shaqiri vor ein paar Jahren 600 Rucksäcke. Dafür sind sie ihm sehr dankbar, aber von einem wie Shaqiri hätten sie mehr erwartet, zum Beispiel den Bau einer Sporthalle. Gerade haben die Handballer aus Zhegra den ersten Platz in der kosovarischen Liga erobert, doch trainieren müssen sie in der 15 Kilometer entfernten Stadt Gjilan. Die Leute von Zhegra waren schon immer sportbegeistert. Auch der Vater von Shaqiri sei fussballverrückt gewesen, sagen die jungen Männer auf der Strasse.

«Valon, du Zigeuner»

Das Dorf hat sich herausgeputzt. Es ist WM in Russland, der Blutdruck der jungen Nation steigt. Kosovo ist zwar nicht dabei, aber vier albanischstämmige Schweizer: Xherdan Shaqiri, Valon Behrami, Granit Xhaka aus Kosovo und Blerim Dzemaili aus Mazedonien. Das sei gut so, meint Dema. Als die Nati vor ein paar Jahren in Luzern auf Albanien traf, da waren die Fussballer noch Verräter. Albanische Horden brüllten: «Valon, du Zigeuner».

«Die Adlergeste ist keine nationalistische Provokation, sie ist in der Subkultur entstanden, um an die albanische Identität zu erinnern.»Ibrahim Kadriu, Schriftsteller

«Die Albaner sind manchmal sehr euphorisch, das kann die rational denkenden Schweizer irritieren», meint der Schriftsteller Ibrahim Kadriu. Die Freude der Underdogs ist grenzenlos, da kommt es vor, dass sie den Adler machen, um vor aller Welt die eigene Freiheit zu feiern. Reiseschriftsteller aus dem deutsch­sprachigen Raum haben die Albaner als Adlersöhne beschrieben, die während der osmanischen Herrschaft isoliert von der Aussenwelt lebten. «Die Adlergeste ist keine nationalistische Provokation, sie ist in der Subkultur entstanden, um an die albanische Identität zu erinnern», sagt der 73-jährige Kadriu, der in Zhegra geboren wurde und in Pristina lebt.

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Grenzenlos sei auch die albanische Gastfreundschaft, erklärt der Schriftsteller in den Dorfgassen Zhegras, wo er viele Hände schüttelt, Freunde umarmt, und die Kinder ermahnt, nicht nur an Fussball zu denken. Die albanische Gastfreundschaft wirkt für viele Schweizer wie eine überfallartige Umarmung. «Das Haus des Albaners gehört Gott und dem Gast», heisst es im mittelalterlichen Gewohnheitsrecht. Das bedeutet: Der Albaner hegt und pflegt den Gast rund um die Uhr. Zu Hause tischt er ihm die ganze Vorratskammer auf, im Restaurant hat er das Portemonnaie immer griffbereit, um die Rechnung zu bezahlen. So ist es auch in Zhegra, in Xherdan Shaqiris Heimatdorf, das sich in diesen Tagen nicht nur wegen der WM herausgeputzt hat.

Böse Zungen in der urbanen Szene Pristinas behaupten, Anfang Juli beginne in Kosovo immer das BMW-Red-Bull-Trainerhosen-Festival.

Bald kommen die «Schatzis» hierher, so werden die Diaspora-Albaner in Kosovo genannt. Allein in Genf leben etwa 400 Familien aus Zhegra, sie schicken Geld nach Hause und stellen in den Ferien den Reichtum zur Schau. Böse Zungen in der urbanen Szene Pristinas behaupten, Anfang Juli beginne in Kosovo immer das BMW-Red-Bull-Trainerhosen-Festival. Die «Schatzis» fallen auf mit ihren Goldkettchen, ihrem Gockelgang und diesem vielleicht unbewussten ­Herumkneten zwischen den Beinen.

Sommerzeit ist Paarungszeit in Kosovo. Den konservativen Eltern ist es wichtig, dass ihre in Wil, in Winterthur oder in Genf aufgewachsenen Söhne und Töchter jemanden «dort unten» heiraten oder in der Diaspora fündig werden, Hauptsache, Albaner. Die Liebe kommt dann schon, meinen die Eltern. Nein, die Liebe funktioniert nicht auf Knopfdruck, entgegnen die Kinder, die sich immer mehr vom Patriarchat emanzipieren. Die arrangierten Ehen beginnen mit einer patriotischen Hochzeit in Kosovo und scheitern nicht selten in der Schweiz.

Auf Brautschau für Shaqiri

Es gibt Bilder von Xherdan Shaqiri in einem Restaurant in der Stadt Gjilan, sie zeigen ihn bei der Hochzeit seines Bruders. Ein Muskelpack mit Krawatte. Vielleicht begeben sich seine Eltern nach der WM auf Brautschau für ihn. Die Suche könnte in Zhegra beginnen – zum Beispiel im Restaurant Geneva oder im Katana, wo im Sommer die Dorfschönheiten entlangstolzieren.

Ein Kind macht den Doppeladler. Bild: Hazir Reka.

Katana ist ein japanisches Langschwert, aber die Kosovo-Albaner assoziieren das Wort mit Agim Ramadani. Es war sein Kampfname. Ramadani wurde 1963 in Zhegra geboren, hier besuchte er die Grundschule, dann absolvierte er die Militärakademie der jugoslawischen Volksarmee in Zagreb. Als die Auflösung Jugoslawiens begann, flüchtete Ramadani in die Schweiz. In Zürich leitete er ein Kulturzentrum der Kosovo-Albaner, malte, schrieb Gedichte – und eines Tages verschwand der hagere Mann spurlos. Er zog in den Krieg gegen die serbische Armee. Kurz vor dem Nato-Einmarsch fiel er auf dem Schlachtfeld.

Heute tragen Schulen, Strassen und Boulevards in Kosovo seinen Namen. Er ist der gute Held, seine Familie hat nach dem Krieg das Land nicht ausgeplündert, wie es andere sogenannte Kommandanten der kosovarischen Befreiungsarmee UÇK gemacht haben.

Diaspora als Sozialamt

Der Krieg ist immer noch präsent in Zhegra. Liburn Dema, der Freund von Xherdan Shaqiri, zeigt die Bilder seines Onkels. Er liegt blutüberströmt im Bett eines notdürftigen Spitals. Aus Norwegen sei er gekommen, um für die Freiheit zu kämpfen. Seit zehn Jahren ist das Land unabhängig, aber viel hat sich nicht bewegt. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, ohne finanzielle Unterstützung der Ausland-Albaner würde das Land kollabieren. Die Diaspora sei ihr Sozialamt, sagen die Dorfbewohner etwas verlegen.

Verglichen mit anderen Teilen Kosovos, ist Zhegra während des Krieges glimpflich davongekommen: 13 tote Zivilisten, 410 zerstörte Häuser. Als der Konflikt zu Ende ging, kamen die Opfer zurück und rächten sich an den verbliebenen Serben. In Zhegra lebt heute kein einziger Serbe. «Wir haben sie nicht angegriffen. Wir haben ihnen nur klargemacht, dass sie verschwinden müssen», sagt einer in der Dorfkneipe.

Shaqiri ist auch mit solchen Kriegs­erzählungen gross geworden. Wenn serbische Nationalisten ihm im Stadion «Töte, töte die Albaner» zurufen, zeigt er ihnen den Vogel, also den Doppeladler, das Nationalsymbol aller Albaner. Aber eines vergisst Shaqiri nicht: Er klopft mit seiner Faust auf die mit dem Schweizer Kreuz versehene Brust.

Die Schweiz hat mit ihrer Aufnahmepolitik viele Träume wahr gemacht. Vielleicht geht heute noch ein Traum in Erfüllung, und das Land erreicht den Viertelfinal erstmals seit 1954. «Die Schweden müssen wir wegputzen», sagt Dema in der Lieblingskneipe. Schriftsteller Kadriu warnt: «Wir müssen aufpassen, dass unser Jubel die Schweizer nicht überfordert.» Und dann sagen sie alle: «Hopp Schwiiz. Hajde, Zvicër!»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2018, 21:48 Uhr

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