Wo die Toten ruhen

Zwischen Falco, Udo Jürgens und Beethoven: Neuerdings kann man für den Zentralfriedhof in Wien auch Nachtführungen buchen. Am lebhaftesten interessieren sich die Besucher für die Ehrengräber.

Beethovens letzte Ruhestätte, erleuchtet von den Handys seiner Bewunderer. Foto: Joe Klamar (AFP)

Beethovens letzte Ruhestätte, erleuchtet von den Handys seiner Bewunderer. Foto: Joe Klamar (AFP)

Peter Münch@SZ

Die Luft ist angemessen feucht und kalt, unter den Sohlen knirscht das Laub, flackernde Kerzen stehen vor finsteren Kreuzen. War dieser Knall vielleicht ein Schuss? Was raschelt da hinten im Gebüsch? Und wohin flieht der Schatten dort drüben in der Dunkelheit? Es bleiben viele Fragen offen bei Nacht auf dem Zentralfriedhof.

Dass in Wien der Hang zum Morbiden besonders herzlich gepflegt wird, ist hinlänglich bekannt. «A schene Leich» erfreut sich bisweilen grösserer Beliebtheit als ein Lebender. An Georg Kreisler ist zu denken, der noch postum dafür verehrt wird, dass er in einem Lied den Tod zum Wiener erklärt hat. Und gerade hier, zwischen all den Gräbern, natürlich auch an Wolfgang Ambros: «Es lebe der Zentralfriedhof und alle seine Toten, der Eintritt ist für Lebende heut' ausnahmslos verboten.»

Anno '74 hat er das gesungen, zum 100-Jährigen des viel geliebten Gottesackers – doch jetzt stimmt plötzlich die Prämisse nicht mehr. Denn seit Neuestem haben die Lebenden auch in den langen Nächten Zutritt zum Zentralfriedhof, zumindest jene, die bei Gabriele Saeidi eine «Tour zum Fürchten» gebucht haben.

Wackelige Grabsteine

Die Friedhofsbegehung bei Finsternis ist gewissermassen die jüngste Attraktion des Wiener Nachtlebens. Treffpunkt ist nach Einbruch der Dunkelheit am fest verschlossenen Tor 2. Es sind dem Anschein nach vor allem die Jüngeren, die sich hingezogen fühlen zum Totenreich. Bevor sie das schwere Eisentor aufschliesst und öffnet, ohne Quietschen sogar, gibt Gabriele Saeidi der Gruppe noch eine Mahnung mit auf den Weg: «Bitte nicht an die Grabsteine lehnen», sagt sie, «manche sind wackelig.» Zur Beruhigung fügt sie noch an: «Keine Angst, niemand, der hier bestattet worden ist, hat es aus eigener Kraft wieder aus dem Grab geschafft.»

Von Wiedergängern und blutsaufenden Vampiren ist dann trotzdem viel die Rede beim Rundgang, auch von abgetrennten Köpfen und gepfählten Herzen. Schliesslich ist das labyrinthartige Gräberfeld ein Reich voller bizarrer Geschichten, die vielleicht nicht immer wahr sind, aber stets wahrscheinlich erscheinen. Vieles ist da zusammengekommen, seit der Zentralfriedhof 1874 eröffnet wurde, vor den Toren der Stadt, aus Angst vor Seuchen und vielleicht auch geisterhaften Umtrieben.

Mehr als tausend Prominente haben hier ihre Ruhestätte gefunden.

Heute nutzen viele Wiener den 2,5 Quadratkilometer grossen Friedhof bei Tag gern auch als Naherholungsgebiet. Ein jüngst eröffnetes Café bietet den Besuchern für den Strudelgenuss sogar eine Sonnenterrasse. 80 Kilometer Wege laden zum Flanieren ein, ein Teil von ihnen wird auch von Autos und Bussen befahren, da kann es lebensgefährlich werden auf dem Friedhof. Mit seinen 330'000 Gräbern wird er gern als Wiens grösster Bezirk bezeichnet. Bei drei Millionen Menschen, die hier bereits bestattet wurden, übersteigt die Einwohnerzahl des Zentralfriedhofs die des lebendigen Wiens mit seiner Bevölkerung von knapp zwei Millionen. Aber zumindest nachts kommt man bestimmt nicht zur Erholung und auch nicht zum Verwandtenbesuch auf den Friedhof, sondern zum erbaulichen Gruseln. Hinter dem Tor wird es sehr schnell sehr dunkel. Im Lichtkegel der Taschenlampe von Gabriele Saeidi zeichnen sich die Kuppel der Friedhofskapelle oder die Konturen mächtiger Grabmäler ab, bis man zum Herzstück des Zentralfriedhofs gelangt: den Ehrengräbern.

Rund 300 davon gibt es hier, dazu noch «ehrenhalber gewidmete Gräber». Insgesamt haben mehr als tausend Prominente auf dem Zentralfriedhof ihre Ruhestätte gefunden – in jüngerer Zeit zum Beispiel Udo Jürgens in einem Grab mit weissem Marmorflügel oder etwas früher bereits Falco, dem seine Fans gern mit einer Flasche Whiskey die Ehre erweisen. Als Besuchermagnete haben diese beiden heute längst die altehrwürdigen Musikerkollegen übertrumpft, die hier begraben liegen.

Beethovens falscher Schädel

Zur Mythenbildung allerdings taugen die Klassiker doch immer noch weit besser als die Musikhelden der Moderne. Mozart zum Beispiel kann hier nicht mit einem Grab-, sondern nur mit einem Denkmal geehrt werden, weil seine sterblichen Überreste irgendwo in einem Schachtgrab auf dem Sankt Marxer Friedhof verschollen sind. Beethoven dagegen liegt hier leibhaftig, allerdings mutmasslich mit dem falschen Schädel, den man bei der angeordneten Umbettung ins Ehrengrab 1888 auf dem Währinger Ortsfriedhof vorgefunden und eingepackt hatte.

Verglichen damit hat Johann Strauss (Sohn), den der Donauwalzer unsterblich gemacht hat, noch Glück gehabt. Ihm soll ein Grabräuber nur das Gebiss gestohlen haben.

Das sind die Geschichten, die das Sterben so schreibt und die von Gabriele Saeidi gern erzählt werden bei Nacht auf dem Zentralfriedhof. Nach zweistündigem Rundgang schliesst sie wieder das Tor, ohne Knarzen und ohne Quietschen. Die Toten haben nun wieder ganz und gar ihre Ruhe.

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