Wo Googles Streben nach Verbesserung auf die Realität trifft

In Dublin hat sich die Politik verabschiedet, nun profitieren die Konzerne der Silicon Docks. Über einen Ort, wo untergeht, wer arm ist.

Obdachloser in Dublin. Seit 2012 sind die Mieten in der irischen Hauptstadt um 67 Prozent gestiegen. Foto: Kim Haughton (Dukas, Polaris)

Obdachloser in Dublin. Seit 2012 sind die Mieten in der irischen Hauptstadt um 67 Prozent gestiegen. Foto: Kim Haughton (Dukas, Polaris)

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Die Stadt der Zukunft liegt am Ende des Flusses. Vorbei an den dicht gedrängten Backsteinhäusern fliesst die Liffey durch das Zentrum Dublins in Richtung Hafen. Vorbei an Verladeterminals, Frachtern, Schiffscontainern. Die wichtigen Geschäfte werden in Irland aber nicht mehr auf dem Seeweg gemacht, sondern neben dem Hafen, in den Docklands oder Silicon Docks – eine Stadt in der Stadt. Vor ein, zwei Generationen war dieser Teil der Stadt noch ein Armenviertel, in dem sich Grossfamilien ein Zimmer teilen mussten. Heute haben hier die grossen Tech-Firmen und Steuervermeider ihre Europazentralen. Facebook, Google. Mit ihnen kamen Jobs und Geld nach Irland. Und die Probleme. Das Armenviertel ist verschwunden. Dublin, wie es einmal war, auch.

Mit dem Aufschwung sind die Wohnungspreise und die Lebenshaltungskosten explodiert. In Irland, vor allem aber in der Hauptstadt Dublin. Die Zahl der Obdachlosen hat sich in den vergangenen vier Jahren verdreifacht. Die Stadt ist eine Art Zukunftsort, hier zeigt sich schon heute, was anderen Städten in den nächsten Jahren droht.

Leuchtende Glastürme

Auf der einen Seite der Stadt leuchten die Glastürme des Wirtschaftswunders, zu ihren Füssen können viele nicht mal mehr ein WG-Zimmer bezahlen. Backsteinhäuser werden bis auf die denkmalgeschützte Fassade abgerissen, über die alten Mauern stülpen sie Stahlkonstruktionen, in denen die grossen Firmen ihre Büros haben.

Die Architektin George Boyle kennt sich damit aus – mit dem Bauen und den sozialen Problemen des irischen Wirtschaftswunders. Sie empfängt im Dachgeschoss ihrer Bürogemeinschaft. Im Besprechungsraum stehen ein altes Sofa und ein Stuhl. Wie viele andere hat es sie voll erwischt, als vor zehn Jahren die Finanzkrise das Land traf, Tausende Jobs vernichtete und den Immobilienmarkt zusammenbrechen liess. 2007 wollte George Boyle mit ihrer Familie ein Haus kaufen, der Verkauf der Eigentumswohnung sollte das finanzieren. Aber mit der Finanzkrise verlor Boyle nach zwanzig Jahren nicht nur ihren Job. Sie konnte weder das Haus bezahlen noch die Wohnung verkaufen. «Es gibt in Irland keine guten Strukturen, um wieder auf die Beine zu kommen.»


Bilder: Proteste in Dublin


Also ist sie aktiv geworden. Mit anderen Architekten, Programmierern und Designern, die wie sie zwangsläufig selbstständig arbeiten mussten, gründete sie den Co-Working-Space Fumbally Exchange. Das Ziel: Geld verdienen, aber gleichzeitig die Gesellschaft unterstützen. Es ist ein Gegenmodell zum Turbokapitalismus. «Social entrepreneurship» nennt sie den Ansatz und kommt damit so gut an, dass sie nun Kurse darüber am Dubliner Trinity College gibt. Ihre Idee: Unternehmen arbeiten nicht nur für die eigene Bilanz, sondern geben der Gemeinschaft etwas zurück. Gewinne sollen wieder investiert werden, um soziale Projekte zu fördern, auch andere Start-ups und Gründer. Boyle sorgt so für die sozialen Strukturen, die ihr gefehlt haben. Sie und ihr Team unterstützen Vermieter, die Probleme haben mit heruntergekommenen oder leer stehenden Immobilien, mit Gebäuden, die im Erdgeschoss ein Geschäft haben und darüber drei leere Stockwerke – weil der Besitzer sich die Feuerwehrleiter nicht leisten kann.

Zeitungen schreiben, wie man im Auto leben kann, wenn man einen Job hat, aber keine Wohnung.

Seit 2012 sind die Mieten in Dublin um 67 Prozent gestiegen, unter 1200 Franken pro Monat ist nicht einmal ein WG-Zimmer zu bekommen. Der Durchschnittspreis für eine Einzimmerwohnung lag Ende 2017 bei 1800 Franken. Einigen bleibt da nur noch ein Zelt am Ufer der Liffey.

Europäisches Silicon Valley

Irische Zeitungen drucken Reportagen, die zeigen, wie man im Auto leben kann, wenn man einen Job gefunden hat, aber noch keine Wohnung. Das Wichtigste: Im Büro das Handy voll auf- und einen Film bei Netflix herunterladen, immer eine leere Plastikflasche im Auto haben, falls man aufs Klo muss, morgens früh aufstehen, um im Fitnessstudio duschen zu können.

In Dublin kann man beobachten, was passiert, wenn sich Unternehmen ungebremst ausbreiten. Die Obdachlosen auf der Strasse sind genauso normal geworden wie die polierten Firmensitze. In den Docklands funkeln die Glasbauten der Technologieunternehmen neben ungenutzten Backsteinruinen. Die mehr als 1000 Jahre alte Stadt ist in kurzer Zeit zum europäischen Silicon Valley geworden. Im Hafenviertel stehen edel renovierte Altbauten mit Fussbodenheizung und Codeschloss am Eingang. Drumherum eröffnen die üblichen Restaurants, da stehen die üblichen Musical-Theater, in denen dieselben Shows laufen wie in jeder anderen europäischen Grossstadt. Dazu viele Zahnärzte, viele Banken. In den Hafenbecken liegen Privatboote. Auf einem gibt es ein Massagestudio.

Was es nicht gibt: Geschäfte. Ganz am Ende der Strasse wird ein Supermarkt halb von einer Baustelle verdeckt. Und es gibt keine Pubs, wie sie sonst so typisch sind für Dublin. Was es auch nicht gibt, ist öffentlicher Nahverkehr. Keine Trambahn, keine S-Bahn, irgendwo an der Hauptstrasse fährt ein Bus. Dafür stehen Tag und Nacht reihenweise Taxis bereit.


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Am Abend ist das Viertel tot, das Leben spielt ein paar Kilometer weiter im Zentrum. Wer hier wohnt, braucht keine Stadt mehr. Die grossen Technologieunternehmen bieten ihren Mitarbeitern Restaurants, Cafés, Ärzte und Friseure. Ein paar hippe junge Leute verbringen ihre Mittagspause in der Sonne. Männer in Anzügen, Frauen in Kostümen. Viele fahren Velo.

Hier sitzen die Konzerne, die dabei sind, Dublin und die ganze Welt umzubauen: Facebook bietet das grösste soziale Netzwerk an und bemüht sich, seine Datenskandale zu vertuschen. Google weiss wahrscheinlich mehr über jeden seiner Nutzer als alle Geheimdienste der Welt. Beide Firmen verdienen ein Vermögen mit dem gezielten Ausspielen von Werbung. Es sind dann auch exakt diese Firmen, die kaum Steuern auf ihre Umsätze bezahlen.

Apple, das reichste Unternehmen der Welt, dessen irischer Firmensitz nicht Dublin, sondern Cork ist, soll das Spiel so weit perfektioniert haben, dass es bis vor Kurzem weniger als 0,1 Prozent Steuern gezahlt hat. Vonseiten der Unternehmen heisst es, man nutze lediglich legale Schlupflöcher. Das stimmt. Und trotzdem bleibt die Frage, wie sich dieses Verhalten verträgt mit dem regelmässig postulierten Anspruch auf Weltverbesserung. Wem nutzen die besten sozialen Medien und der beste Browser, wenn man seine Wohnung nicht bezahlen kann und der Staat kein Geld hat?

Stadt musss mit 3000 Grossfirmen konkurrenzieren

Der Dublin City Council sitzt in einem grauen Behördenbau am Flussufer. Ins Foyer haben sie einen kleinen Garten gesetzt. Die Angestellten arbeiten in engen Grossraumbüros. Dympna Farrell ist die leitende Sachbearbeiterin für die Beschaffung von bezahlbarem Wohnraum. Sie pendelt zur Arbeit. «Wir haben gerade 19'500 Menschen auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. Wir arbeiten noch immer hinterher, denn acht Jahre lang wurde gar nichts gebaut.» Das ist Teil des Problems. In den nächsten Jahren wird sich daran auch nichts ändern.

In diesem Jahr sollen 1500 Sozialwohnungen zur Verfügung gestellt werden, nächstes Jahr sind 2000 geplant. Viel zu wenig. Die Stadt muss mit 3000 internationalen Firmen und deren Preisen konkurrieren. Das Angebot ist so knapp, dass jeder Interessent die Probleme weiter verschärft. Für Anbieter sind das glückliche Tage. «Wir können mit so viel Geld, wie es manche Firmen haben, nicht mithalten. In den Docklands können wir uns nichts leisten. Wir konzentrieren uns auf kleinere Käufe und Bauprogramme», sagt Farell.


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Man muss kein Sozialist sein, um festzustellen, dass Dublin die Steuermilliarden der Tech-Firmen gut gebrauchen könnte. Dass da Firmen kommen, die die Stadt aussaugen – ihr aber nichts zurückgeben. Dympna Farrell sieht das anders. Sie findet, dass weder die Firmen noch die Regierung eine Schuld an den Problemen haben. «Die Firmen bringen Geld ins Land und schaffen Arbeitsplätze. Das ist gut. Wir haben ein Defizit auf dem Wohnungsmarkt und bei der Infrastruktur.» Aber diese Probleme gibt es nicht nur in Irland.

Firma ersetzt Staat

Dublin boomt, weil es nicht nur bei Firmen beliebt ist, sondern auch als Universitätsstadt. Zwei grosse Unis, das University College Dublin und das Trinity, haben Tausende Studenten, dazu kommen viele kleine spezialisierte Hochschulen wie die Dublin Business School oder das Royal College of Surgeons. Viele, die hier einen Abschluss machen, wollen später bei einer der grossen Tech-Firmen arbeiten. Die Unternehmen haben einen guten Ruf bei den Absolventen, die Einstiegsgehälter könnten etwas besser sein, dafür klingt das Arbeiten bei Google in den Erzählungen vieler Studenten wie ein Pauschalurlaub: Essen, Fitnesscenter, Unterhaltung, manchmal sogar eine Wohnung, all inclusive. Das Unternehmen wirbt damit auf seiner Website, die Rundumversorgung gehört zum Grundkonzept. Sie bauen Gemeinschaften auf, aber nach eigenen Vorstellungen.

Auch das ist eine Zukunftsvision: die Firma anstelle des Staats. Man muss für sie arbeiten, wenn man profitieren möchte. George Boyle von Fumbally Exchange ist trotzdem zuversichtlich, dass die Unternehmen aus dem Silicon Valley eines Tages bereit sein werden, etwas zurückzugeben. Es ist alles eine Frage der Verantwortung.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2018, 09:25 Uhr

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