Wie das FBI die Terrorpanik in Italien schürt

Plötzlich verschickt Matteo Renzi Nachrichten auf Whatsapp. Was soll das?

Italienische Soldaten beim Kolosseum in Rom. Foto: Alessandro Bianchi (Reuters)

Italienische Soldaten beim Kolosseum in Rom. Foto: Alessandro Bianchi (Reuters)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Und plötzlich ist Rom leer, wenigstens für römische Verhältnisse. Ein bisschen wie im August, wenn die Römer in die langen Sommerferien fahren, alle gleichzeitig. Vor dem Pantheon? Ein Strassengitarrist spielt vor sieben Zuhörern, man steht nicht mehr so gern in Menschentrauben. Vor der Fontana di Trevi? In normalen Zeiten kommt man da kaum vorbei an aufgeregt kichernden Japanern, die Münzen über ihre Schultern werfen. Nun geht das leicht. Der Petersplatz? Der Weihnachtsbaum steht schon. Doch zur Sonntagsmesse des Papstes kommt viel weniger Volk als sonst. Das Kolosseum und die Kaiserforen? Es steht da so viel Militär, dass vielen die Lust am Kontemplieren der Antike vergeht. In der Konditorei im jüdischen Viertel sagt eine übel gelaunte Angestellte beim ­Verpacken einer verbrannten Süssigkeit mit Mandeln und kandierten Früchten: «Gott weiss schon, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist.»

So viel Fatalismus war selten. Es ist, als habe Rom seine Leichtigkeit ver­loren, die schöne Leichtherzigkeit, die diese Stadt ausmacht. Als habe jemand mal schnell auf Pause gedrückt. Der Moment lässt sich ziemlich genau festmachen. Die Angst kam nicht direkt nach den Terroranschlägen von Paris. Sie kam mit einer Warnung aus den USA einige Tage später. Das FBI riet den Amerikanern, die nach Italien reisen wollten, davon ab, sich den Vatikan anzuschauen, das Kolosseum, die römische Synagoge. Und sollten sie nach Mailand fahren wollen, hiess es in der Unterweisung, dann möchten sie doch den Dom und das Opernhaus, die Scala meiden. Das FBI warnte also nicht kategorisch vor Reisen nach Italien. Es empfahl den Reisenden nur, sich dem Sog der berühmtesten Sehenswürdigkeiten zu entziehen. Den «obiettivi sensibili», wie die Italiener mögliche Terrorziele nennen – jenen mit besonders hohem Symbolwert, auch für Terroristen. Man könnte also meinen, das FBI habe eine Banalität verbreitet, zumal für die Römer selbst, die sich daran gewöhnt haben, auf einer besonders exponierten Bühne zu leben. Doch banal ist gerade gar nichts.

Der Ärger des Premiers

Italiens Premier Matteo Renzi soll sich fürchterlich geärgert haben über die ­offene Kommunikationspolitik des FBI. Die Amerikaner, sagt er, hätten mit ihren Ratschlägen nur die Panik genährt. Es sei richtig, wachsam zu sein, aber nicht alarmiert. Italien sei nicht mehr gefährdet als andere europäische Länder, nicht konkreter. Obschon der Islamische Staat Rom regelmässig droht.

Doch da hatte die Stadt schon eine neue Form der Psychose erfasst. Die ­römische Zeitung «La Repubblica» schreibt, die Angst sei erstmals richtig «greifbar», der Blick der Menschen habe sich verändert. Mehr noch als das plötzliche Gefühl der Leere in den Strassen und auf den Plätzen beeindrucken die Zahlen der Baristi und der Restaurantbesitzer. In den Kaffeebars, diesen Primärinstitutionen des italienischen Gesellschaftslebens, ist der Umsatz in der vergangenen Woche um dreissig Prozent zurückgegangen. In den Trattorie und den Ristoranti gar um sechzig Prozent. Es gab schon Versuche, das Phänomen mit der aufkommenden Winterkälte zu erklären, oder mit dem klammen Monatsende. Es sind Versuche der Selbstberuhigung und der Selbsttäuschung.

Trotzige Reaktionen

Mittlerweile hat Italien 1400 «obiettivi sensibili» ausgemacht und zusätzliche 300 Millionen Euro für deren Schutz veranschlagt. In Umfragen sagt jeder zweite Italiener, er passe sein Leben der neuen Gefahrenlage an, reise fürs Erste nicht mehr, gehe an keine Konzerte und an keine Fussballspiele mehr. Man ist bereit, Freiheiten zu opfern. 91 Prozent der befragten Italiener wären damit einverstanden, dass der Staat noch mehr Überwachungskameras montierte; 46 Prozent nähmen gar in Kauf, dass der Staat künftig ohne richterliche Zulassung jeden privaten Mailverkehr mit­lesen und bei jedem Telefongespräch mithören dürfe, wenn die Stärkung des «Grande fratello», des Big Brother, der Sicherheit diene.

Noch traut man ihm das nicht zu. Falschalarme in «industrieller Menge» gingen nun ein, sagt Franco Gabrielli, der Präfekt von Rom. Allein in den letzten Tagen musste er ein halbes Dutzend Mal die Metrolinien A und C schliessen. Grosse Aufregung löste eine besorgte Mutter aus, die ihrer offenbar sorglosen Tochter im Teenageralter Angst ein­flössen wollte und ihr eine Tonbotschaft aufs Handy schickte. Alles sei viel schlimmer, als die Behörden zugäben, sagte die Mutter mit zittriger Stimme, sie habe mit ihrer Freundin im Innenministerium gesprochen. Die Tochter, nunmehr besorgt, teilte die Botschaft mit ihren Chatgruppen, diese wiederum mit weiteren, so erreichte sie bald Hunderttausende. Und drängte Matteo Renzi dazu, seinerseits eine Tonnachricht aufzunehmen und ebenfalls über Whatsapp herumzuschicken: «Ragazzi», sagte der Premier, «Kinder, lasst euch nicht hinters Licht führen, die Botschaft ist falsch.» Später meldeten sich Mutter und Tochter bei der Polizei, um sich zu entschuldigen.

Es gibt aber auch trotzige, trüb ironisierende Botschaften. Als Mutmacher. In den sozialen Netzwerken kursiert der Spruch: «Isis, ihr wollt Rom einnehmen? Meidet dabei die grosse Ringstrasse, sonst bleibt ihr im Stau stecken.» Auf ­einer Mauer tauchte diese hingesprayte Inschrift auf, verfasst im römischen ­Dialekt: «Isis, wann immer ihr wollt – aber mit den Fäusten.»

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