Wenn Viktor nicht hilft, dann vielleicht Wladimir

Der verurteilte Ex-Premier Nikola Gruevski sucht Unterschlupf bei alten Freunden.

Nikola Gruevski ist offenbar nach Ungarn geflohen. Foto: Keystone

Nikola Gruevski ist offenbar nach Ungarn geflohen. Foto: Keystone

Peter Münch@SZ

Bei Nacht und Nebel hat sich Mazedoniens früherer Regierungschef Nikola Gruevski aus dem Land geschlichen. Offenbar ist er nach Ungarn geflohen, wo er nach eigenen Angaben nun Asyl beantragen will. Der nationalkonservative Politiker, der das Balkanland bis 2016 zehn Jahren lang zunehmend autoritär geführt hatte, will sich damit einer Gefängnisstrafe entziehen, zu der er wegen Korruption verurteilt wurde. Die nun von Sozialdemokraten geführte Regierung in Skopje lässt ihn mit internationalem Haftbefehl suchen und fordert von Ungarn die Auslieferung des 48-Jährigen.

Ein Lebenszeichen kam von Gruevski via Facebook, wo er seine Flucht nach Ungarn damit begründete, dass er in den vergangenen Tagen angeblich «zahlreiche Todesdrohungen» erhalten habe. Nicht ohne Pathos versicherte er, dass er auch aus der Ferne Mazedonien «immer treu bleiben» werde. Zunächst aber muss er auf die Treue des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban hoffen, der in früheren Zeiten ein enger Verbündeter gewesen war. In den Medien wurde spekuliert, Orban könnte dem gestolperten Gefährten das Asyl angeboten haben.

Allerdings droht diese politische Kriminalgeschichte den ungarischen Machthaber in eine Zwickmühle zu bringen. Gewährt er dem Verurteilten Asyl, dürfte dies europäische Partner verstimmen. Verweigert er das Asyl, könnte man ihm im rechten Lager Verrat vorwerfen. Überdies dürfte Russlands Präsident Wladimir Putin verstimmt sein, zu dem Gruevski enge Bande geknüpft hatte.

20'000 Bürger sollen bespitzelt worden sein

Die Flucht ist die vorerst letzte Etappe des tiefen Falls, den Gruevski nach dem Machtverlust erlebte. Mit seinem zähen Abschied hatte er in Mazedonien eine regelrechte Staatskrise ausgelöst. Später dann wurde er zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen Unregelmässigkeiten bei der Beschaffung einer Mercedes-Dienstlimousine verurteilt. Zudem sollen in seiner Regierungszeit widerrechtlich rund 20'000 Bürger bespitzelt worden sein.

Politisch wird ihm vorgeworfen, einen Ausgleich mit Griechenland und die Einbindung Mazedoniens in Nato und EU durch seine nationalistische Politik behindert zu haben. Die neue Regierung hat ein Abkommen mit Athen geschlossen, um das derzeit im Parlament gerungen wird. Nach seinem Verschwinden wurden nun zwei ­seiner Mitangeklagten wegen Fluchtgefahr in Haft genommen. Gruevski muss Helfer gehabt haben: Sein Reisepass war im Sommer eingezogen worden.

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