Was der Ölpreissturz mit Norwegen macht

Für das von seinem Erdölreichtum verwöhnte Norwegen war der Zerfall der Weltmarktpreise ein Schock. Mittlerweile sehen aber manche darin eine Chance.

In Norwegen hängen 330'000 Jobs von der Öl- und Gasindustrie ab: Ölplattform vor Stavanger im Nebel. Foto: Magnus Pictures, Alamy

In Norwegen hängen 330'000 Jobs von der Öl- und Gasindustrie ab: Ölplattform vor Stavanger im Nebel. Foto: Magnus Pictures, Alamy

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Man kann es auch so sehen: Vieles wird einfacher in Stavanger. Die Strassen seien nicht mehr so überfüllt, sagt Bürgermeisterin Christine Sagen Helgø. Es ist leichter geworden, eine Wohnung zu bekommen. Die Preise waren zuletzt ­extrem hoch, die Menschen verdienen dank der Ölindustrie mehr als in anderen norwegischen Städten. Für ihre Lehrer hat die Stadt extra Wohnungen gebaut, damit sie sich Stavanger bei ihrem Gehalt leisten können.

Jetzt verändert der tiefe Fall des Ölpreises die Stadt. Der Immobilienmarkt kühlt ab. Plötzlich finden auch Arbeitgeber anderer Branchen neue Mitarbeiter. Solange sie mit den Rekordlöhnen der Ölindustrie konkurrieren mussten, war das unmöglich. Nach hektischen Jahren «unglaublich grossen Wachstums» hätten Menschen und Firmen nun wieder Zeit, über andere Dinge als Öl nachzudenken, sagt die Bürgermeisterin.

Alles dreht sich ums Öl

Dabei dreht sich in Stavanger immer noch alles genau darum. Norwegen ist Europas grösster Erdöllieferant, Stavanger Sitz des grössten norwegischen Produzenten Statoil, der zu 67 Prozent dem Staat gehört. Allein in der kleinen Küstenstadt sind etwa 840 Firmen im Erdölgeschäft, bei gerade 130'000 Einwohnern. In Norwegen mit seinen 5 Millionen Menschen hängen 330'000 Jobs von der Öl- und Gasindustrie ab – ebenso ein Viertel der gesamten norwegischen Wirtschaftsleistung und zwei Drittel der Exporte.

Es war ein Schock für Land und Stadt, als vor einem Jahr der Absturz begann. Jahrelang hatte der Preis für Rohöl der Sorte Brent stabil bei um die 110 Dollar pro Barrel (159 Liter) gelegen, innerhalb von nur sechs Monaten fiel er auf weniger als die Hälfte. Inzwischen liegt er bei etwas mehr als 60 Dollar. Trotzdem sitzt Bürgermeisterin Christine Sagen Helgø, eine zierliche blonde Frau, in Stavangers Rathaus und erklärt, warum es nicht so schlimm ist, wie es aussieht.

Eine schwarze Woche

«Natürlich mag ich es nicht, wenn Menschen ihre Jobs verlieren, und es tut mir wirklich leid für sie», sagt Helgø. Doch im Vergleich zu den hohen Preisen von früher sei dies eine «Rückkehr zur Normalität». An dieses Motto klammern sich viele: Normalisierung statt Krise. Mehr als 21'000 Jobs hat die Ölindustrie in Norwegen gestrichen. Erst Mitte Juni kündigte Statoil an, weitere 2000 Jobs abzubauen. Einen Tag später wurde ­bekannt, dass der texanische Konzern National Oilwell Varco 1500 Stellen in Norwegen streichen will. Eine weitere schwarze Woche für die Branche.

Öl hat Norwegen reich gemacht und Stavanger noch reicher. Die Skandinavier neigen nicht zum Protzen, trotzdem ist das Geld in der Altstadt sichtbar. In den sorgsam restaurierten Holzhäusern, mal weiss, mal bunt gestrichen, sind die meisten Geschäfte Boutiquen und Juweliere. Ein Bier kostet um die 10 Euro, die Hotels haben oft vier Sterne. Nun bleibt die Lobby des Radisson Blue öfter leer als zu Boomzeiten. Erling Kvadsheim vom Industrieverband Norsk Olje & Gass sitzt einsam in einem der schweren Ledersessel und erklärt, warum es keine Krise gibt in Norwegens wichtigster Industrie. «Wir haben uns an sehr hohe Ölpreise gewöhnt, die Kosten haben daher nicht wirklich eine Rolle gespielt», sagt er. Es sei immer Geld da gewesen, um Neues zu probieren. Das habe die Branche zum «Spielplatz für Ingenieure» gemacht. Nach dem Motto: «Wenn wir 50 Millionen Dollar mehr für diese Ausrüstung ausgeben, können wir ein klein wenig mehr Öl rausholen.» Jetzt müsse die Branche eben sparen.

Vorbereitet auf den Kurssturz

Bei Statoil betont man, der Konzern habe damit schon vor dem Preissturz ­angefangen. Dieses Jahr möchte er seine Investitionen von 20 auf 18 Milliarden Dollar senken. «Statoil hat erwartet, dass der Ölpreis fällt», sagte Chefökonom Eirik Wærness. «Eine Überraschung war jedoch, wie lange er hoch blieb und wie schnell und tief er gefallen ist.» Dann spricht er von hohen Kosten, Anpassung und Normalisierung. Statoil hat einige Projekte gestoppt. Ein Ölfeld in Kanada lässt der Konzern drei Jahre ruhen. Die Entscheidung, mehr in das Johan-Castberg-Feld in der Barentssee zu investieren, wurde auf 2016 verschoben. Auch beim Snorre-Feld in der Nordsee wird über eine neue Plattform später entschieden.

Célia Resende tritt in die Hotellobby. Die 34-jährige Architektin kam vor zwei Jahren mit Mann und Kind aus Portugal. Erfahrungen in der Ölindustrie hatte sie keine, doch zu Hause bedrohte die Krise ihren Job. «Ich habe den Glauben in mein Land verloren», sagt sie. In Stavanger fand Célia Resende Arbeit beim Plattformbauer Aibel. Im Oktober erfuhr sie, dass die Krise sie wieder trifft. «Ich hätte nie gedacht, dass das passiert. Ich dachte, Norwegen sei ein stabiles Land.» Sie hatte Glück, fand schnell eine neue Stelle bei einer Baufirma. Doch: «Die meisten Ausländer fanden keinen neuen Job.»

Vor neun Jahren rechnete man in Stavanger aus, dass die Industrie weitere 6000 Ingenieure brauche. Viele kamen aus Spanien, Italien, Griechenland und Portugal. Heute sind ausländische Fachkräfte ein Grund, dass die Arbeitslosigkeit nicht stärker steigt. Sie tauchen in der Statistik nicht auf, müssen oft als Erste gehen. «Jeden Tag liest man jetzt, dass wieder ein Unternehmen 500 Leute entlassen hat, 100 vielleicht in Stavanger», sagt Inger Tone Ødegård von der Handelskammer. Das sei besorgniserregend. «Aber wir müssen uns daran erinnern, dass das Wachstum der vergangenen Jahre unmoralisch hoch war.» Das waren oft auch die Löhne. Laut Statistikamt lag das durchschnittliche Jahresgehalt in der Ölindustrie 2014 bei umgerechnet knapp 90'000 Euro. Einige Firmen gingen laut Gewerkschaft noch viel höher. «Jetzt werden sie wohl niedrigere Angebote machen, die mehr auf Vernunft ­basieren», sagt Ødegård.

Ole Fiskå (28), Ingenieur der Elektrotechnik, sitzt in der Cafeteria von Lyse Energi in Stavanger. Der Energieversorger hat einige frühere Ölarbeiter wie ihn übernommen. Er sei dankbar, sagt Fiskå. Viele Ex-Kollegen hätten nichts ­gefunden. Er kommt aus Stavanger, sein Ziel war stets die Ölindustrie. «Als ich aus der Schule kam, dachte ich: Wo immer ich arbeiten möchte, nehmen sie mich.» Nach dem Studium ging er zum Konzern Aker Solutions, befasste sich mit Wärmeversorgung für Ölplattformen. Freunde, die jetzt die Ausbildung beenden, müssten Stavanger verlassen. Es gibt keine Jobs. Ole Fiskå ist mit seiner Freundin zu deren Vater gezogen, hat sein teures Apartment verkauft. «Die Lage ist angespannt», sagt er.

Schon heute produziert Norwegen nur noch halb so viel Erdöl wie vor 15 Jahren. Mit einem fast 800 Milliarden Euro schweren Staatsfonds sorgt die Regierung für die Zeit nach dem Erdöl vor. Die kommt vielleicht schneller als gedacht. In Oslo wollen vor allem die kleineren Oppositionsparteien, Grüne und Linke, eine raschere Abkehr vom Öl. Die Regierung dagegen bemüht sich, nicht von Krise zu sprechen. Ministerpräsidentin Erna Solberg muss Konzerne wie Statoil, Shell und Conoco Phillips überzeugen, dass sich Investitionen in Norwegens Erdöl auch in Jahrzehnten noch auszahlen. Zugleich fordert sie die Norweger auf, neue Standbeine zu finden.

Politik und Öl sind in Norwegen untrennbar verbunden, ab und zu führt das zu Widersprüchen. So beschloss das Parlament kürzlich, dass der staatliche Ölfonds nicht mehr in Kohle investieren darf, weil die dem Klima schadet. Doch weil sich wegen des Klimawandels das Eis in der Arktis zurückzieht, kann die Regierung nördlicher nach Öl bohren. Im Januar hat sie die 23. Runde für Lizenzierungen von Ölfeldern eröffnet, vor allem in der Barentssee. Unternehmen können sich bewerben, nach Ressourcen zu suchen. Ob es so weit im Norden je Plattformen geben wird, hängt nicht nur davon ab, was man findet. Sie müssten auch lukrativ sein. Beim jetzigen Ölpreis wären sie es wohl nicht.

Instabiles Wachstum

Per Steinar Stamnes kam 1998 als Koch zu Statoil. Heute ist er Gewerkschafter und für 2100?Plattformmitarbeiter im Konzern zuständig. Sein kleines Büro liegt weit hinten im Labyrinth der riesigen Statoil-Zentrale. «Etwa alle sieben Jahre gehen die Preise nach unten, wie jetzt», sagt er. Die Gewerkschaft habe ­Industrie und Regierung aufgefordert, ihre Investitionen früher zu senken, umsonst. «Das Wachstum war zu schnell, war nicht stabil.» Stamnes spricht nicht von Normalisierung. Er erzählt von Treffen mit Zulieferern und deren Ärger auf Statoil. Wenn der Konzern Projekte auf Eis lege, verlieren sie Aufträge und ihre Angestellten ihre Jobs. Menschen, die das trifft, begegne er überall: «In der Stadt, in Konferenzen, am Flughafen.»

Ihre Hoffnungen ruhen auf Johan Sverdrup, dem neuen Ölfeld 150?Kilo­meter südwestlich von Stavanger in der Nordsee. Es ist eines der grössten Felder, die in Norwegen je entdeckt wurden. Es ist relativ leicht zugänglich, soll auch beim jetzigen Ölpreis profitabel sein und 51'000 Jobs schaffen. «Ich denke, die Lage wird 2016 besser als 2015», sagt Bürgermeisterin Helgø deshalb. Bis dahin könne es gut sein, dass sich die Stadt ihr Budget wieder genauer ansehen muss. Zuletzt war das vor zehn Jahren nötig, lange musste Stavanger nicht sparen. Doch wenn die Einnahmen sinken, sagt Helgø, sei das – na ja – doch eigentlich normal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.07.2015, 12:23 Uhr

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