Tröster der Versinkenden

Der mit der Titanic untergegangene Dorfpfarrer Thomas Byles soll heilig gesprochen werden.

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Zweimal wurde er gebeten, in einem der Rettungsboote Platz zu nehmen. Doch Pfarrer Thomas Byles lehnte ab, blieb auf der Titanic. «Er half den Frauen und Kindern in die Boote, flüsterte ihnen Worte des Trosts und der Ermutigung zu», berichtete eine Überlebende. Als keine Beiboote mehr da waren, begann Byles letzte Beichten abzunehmen. Und gegen zwei Uhr früh, als der Schiffsrumpf barst und sich das Heck im Wasser aufrichtete, erteilte er mehr als hundert knienden Männern und Frauen die Absolution. Pfarrer Byles ertrank vor genau 103 Jahren, am 15. April 1912, so wie 1500 weitere Passagiere. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Ein Held, dieser Pfarrer. Und vielleicht noch mehr, glaubt man in der kleinen katholischen Kirchgemeinde St. Helen’s im ostenglischen Essex. «Wir hoffen und beten, dass er bald als Heiliger anerkannt wird», sagte Pfarrer Graham Smith, Byles’ Nachfolger, dieser Tage der BBC. Er habe beschlossen, eine Kampagne zur Heiligsprechung des Titanic-Pfarrers zu lancieren.

Es ist nicht so, dass Pfarrer Byles bisher keine Wertschätzung vom Vatikan erfahren hätte. Gleich nach seinem Tod im Meer lobte ihn Papst Pius X., nannte ihn einen «Märtyrer der Kirche». Dies während einer Audienz für Byles’ jüngeren Bruder William. Zu diesem war der Pfarrer unterwegs: Er hätte in New York die Hochzeit seines Bruders begleiten sollen. In Essex erinnert ein Fenster in der Kirche von St. Helen’s an den verun­glückten Pfarrer. Nicht genug, so scheint es, es braucht eine Heiligsprechung.

Ein Teil des Mythos

Die Figur des Priesters, der auf dem Deck der Titanic ausharrt und predigt, gehört zum Mythos dieses Unglücks – so wie die weiterspielende Schiffskapelle. Auch in James Camerons «Titanic»-Film ist Pfarrer Byles kurz zu sehen, laut betend im sich ausbreitenden Chaos. Eine Figur der Standhaftigkeit, das Gegenteil eines fliehenden Kapitäns. Dass der Geistliche im Film ein Priestergewand trägt, scheint im Übrigen korrekt: Als die Titanic den Eisberg rammte, hielt Byles gerade eine Predigt für die Passagiere Zweiter und Dritter Klasse. Überlebende berichteten, er sei in vollem Staat auf dem Oberdeck gestanden.

Wie gesagt, Byles’ Heldenmut ist unbestritten. Reicht das aber für einen Platz unter den Heiligen? Die katholische Kirche verlangt mindestens zwei belegte Wunder. Kein Problem, sagt Pfarrer Graham Smith von der Kirche St. Helen’s. Diese Wunder werden erst noch geschehen: «Wir hoffen, dass die Menschen nun überall auf der Welt zu ihm beten, wenn sie ihn brauchen. Und wenn dann ein Wunder geschieht, können Seligsprechung und Kanonisierung voranschreiten.» Offensichtlich geht es bei der geplanten Kampagne weniger um ein Aufscheuchen des Vatikans als um die Mobilisierung der Gläubigen. Posthume Wundertätigkeit, tausendfach eingefordert.

In welcher Lebenslage man sich an den Titanic-Pfarrer wenden soll, bleibt derweil offen. Schutzheilige der Seefahrer und Schiffbrüchigen gibt es ja bereits: Petrus, Andreas, Nikolaus von Myra. Vielleicht könnte Thomas Byles ein Tröster der Versinkenden sein. Das aber müsste eigentlich das Gebiet eines jeden Kirchenmenschen sein. In seiner letzten Predigt sprach Byles von der «Rettungsleine des Gebets». Die müsste auch ein einfacher Dorfpfarrer auswerfen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2015, 18:39 Uhr

«Wir hoffen und beten, dass er bald als Heiliger anerkannt wird», sagte Pfarrer Graham Smith, Byles' Nachfolger. Foto: PD

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