Schweden übt den Krieg

Obwohl das skandinavische Königreich nicht zur Nato gehört und auch nicht an Russland grenzt, bereitet es sich auf eine russische Intervention vor. Warum eigentlich?

Eigentlich sollten immer zwei Gripen-Jets startklar sein, um den schwedischen Luftraum gegen Eindringlinge zu verteidigen und Präsenz zu markieren: Präsentation eines Gripen in Linköping, Mai 2016. Foto: Anders Wiklund (Reuters)

Eigentlich sollten immer zwei Gripen-Jets startklar sein, um den schwedischen Luftraum gegen Eindringlinge zu verteidigen und Präsenz zu markieren: Präsentation eines Gripen in Linköping, Mai 2016. Foto: Anders Wiklund (Reuters)

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Es geht Schlag auf Schlag: Während Moskau diese Woche sein Grossmanöver Sapad 2017 beginnt, hat Schweden die Kriegsspiele Aurora 17 bereits eröffnet – die grössten in dem Land seit 23 Jahren. Während sich Moskau in offizieller Leseart gegen die Gefahr aus dem Westen verteidigt, rüstet Schweden gegen eine russische Intervention. Obwohl das Land im Frieden allianzfrei und im Krieg neutral ist, machen bei den Manövern Soldaten aus mehreren Nato-Staaten mit. Allein die USA stellen 1000 der insgesamt rund 20'000 Mann. Warum dieser massive Aufmarsch in einem Land, das noch vor wenigen Jahren für UNO-Friedensmissionen probte statt für den Krieg?

«Russland ist die grösste Herausforderung», sagt der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist. «Russland hat die europäische Sicherheitsordnung herausgefordert. Das destabilisiert auch Nordeuropa.»

Offizielles Videoporträt von Aurora 17. Video: Youtube

Schweden hat die letzten Jahre deutlich aufgerüstet und damit die Konsequenzen gezogen aus einem russischen Scheinangriff auf die Hauptstadt Stockholm. Kurz vor den letzten Sapad-Manövern 2013 erfasste das schwedische Radar in der Nacht zum Karfreitag zwei russische Langstreckenbomber und vier Kampfflugzeuge. Sie waren in St. Petersburg aufgestiegen und schienen auf dem Weg in die russische Exklave Kaliningrad zu sein. Doch statt abzudrehen, nahmen die Jets Kurs Richtung Schweden. Nur wenige Kilometer von der schwedischen Insel Gotland entfernt, führten sie Angriffsübungen durch. Ziele waren neben Gotland auch strategische Objekte in der Nähe der Hauptstadt Stockholm. In einem Nato-Bericht hiess es später, die Angreifer hätten einen Atomschlag gegen Stockholm simuliert.

Solche Planspiele kannte Schweden aus dem Kalten Krieg. Doch Schockwellen löste in dem Land aus, dass die eigene Abwehr komplett versagt hatte. Eigentlich sollten immer zwei Gripen-Jets startklar sein, um den schwedischen Luftraum gegen Eindringlinge zu verteidigen und Präsenz zu markieren. Doch waren sie in jener Nacht offensichtlich nicht auf Posten. Die russischen Jets hätten die schwedische Hauptstadt im Ernstfall ungehindert attackieren können. Schliesslich stiegen im Nato-Land Litauen zwei dänische Kampfjets auf und behielten die russischen Flugzeuge im Auge.

Wiedereinführung der Wehrpflicht

Ziel des Scheinangriffs war neben Stockholm vor allem Gotland, eine grosse Insel in der Ostsee, die zwischen Schweden und dem Baltikum liegt. Ein US-General hat das Gebiet einmal treffend als unsinkbaren Flugzeugträger bezeichnet. Denn Strategen sind sich einig, dass Gotland eine zentrale Rolle zukäme, sollte es je zu einer Konfrontation zwischen der Nato und Russland um die baltischen Staaten kommen – das Szenario, für welches letztlich beide Seiten mit ihren Manövern derzeit üben. Im Falle eines Angriffs könnte Russland den schmalen Landzugang von Polen zum Baltikum (Suwalki-Korridor) leicht abriegeln.

«Gotland ist entscheidend für die Kontrolle von Luft- und Wasserstrassen in der Region», sagt der schwedische Sicherheitsexperte Jacob Westberg. «Das heisst, es wäre sehr schwierig für Schweden, sich aus einem Konflikt zwischen Russland und der Nato in der Ostsee herauszuhalten.» Deshalb habe Schweden wieder Soldaten auf der Insel stationiert. Auch bei den derzeitigen Manövern wird auf Gotland intensiv geübt, beteiligt sind auch amerikanische Soldaten und Helikopter.

Schweden hatte sein Militär nach dem Untergang der Sowjetunion massiv heruntergefahren und für Friedenseinsätze im Ausland umgerüstet. Doch nach dem russischen Scheinangriff und vor allem der Demonstration der eigenen Verwundbarkeit kam es vor vier Jahren zu einem scharfen Kurswechsel. Das Land hat die letzten Jahre massiv aufgerüstet und sucht die Nähe zur Nato, auch wenn ein Beitritt derzeit nicht zur Debatte steht. Dieses Jahr wurde die allgemeine Wehrpflicht wieder eingeführt, die erst 2010 abgeschafft worden war. Er habe die fehlende schwedische Verteidigungsbereitschaft damals scharf kritisiert, sagt Verteidigungsminister Hultqvist. Doch vier Jahre später sei man organisiert und vorbereitet. «Das wird uns nicht mehr passieren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2017, 17:04 Uhr

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