Rumänische Rebellion

Hintergrund

Internationale Konzerne wittern in Siebenbürgen das grosse Rohstoffgeschäft. Die Bürger wehren sich.

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Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Wie riesige Reptilien wälzen sich die schweren, weiss gestrichenen Baufahrzeuge durch die Täler Siebenbürgens. Kein Feldweg ist ihnen zu eng, kein Hügel zu steil. Irgendwo auf Wiesen oder im Wald machen sie halt, dann entsteigen ihnen Männer in knallroten Arbeitsanzügen, die mit mächtigen Bohrern die Erde bearbeiten oder sie mit kleinen Explosionen zum Erzittern bringen.

Was wie eine Szene aus einem Science-Fiction-Film wirkt, ist ein Prestigeprojekt der rumänischen Regierung. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Victor Ponta möchte den Staatshaushalt durch Einnahmen aus Rohstoffexporten sanieren und forciert deshalb die Suche nach Bodenschätzen und Energieträgern.

Grössere Erdgasfelder in drei Gebieten

Während die Erdölfelder in der Walachei weitgehend erschlossen sind, vermuten Geologen grössere Erdgasfelder an der Schwarzmeerküste, in der Provinz Moldau und unter den pittoresken Hügeln Transsylvaniens (Siebenbürgens). Allerdings könnte das im Gestein eingeschlossene Gas nur durch die in ganz Europa höchst umstrittene Methode des Fracking gefördert werden.

Beim Fracking wird eine chemische Flüssigkeit mit Hochdruck in den Boden gepumpt, die das Gas aus dem Gestein löst. Die langfristigen geologischen Folgen sind allerdings unbekannt. Kritiker warnen vor der Verschmutzung des Grundwassers sowie der Gefahr von Erdbeben. In Frankreich und Bulgarien wurde Fracking verboten, in Österreich das einzige Projekt nach Bürgerprotesten abgeblasen. In der Schweiz planen mehrere Unternehmen Erdgasförderungen durch Fracking.

Grosse Versprechen des US-Konzerns Chevron

In Rumänien forderten Pontas Sozialdemokraten ein Verbot, als sie noch in der Opposition waren. An der Regierung aber vollzogen sie eine Kehrtwende und erteilten dem US-Konzern Chevron die Erlaubnis zur Erdgasförderung mit Fracking an zwei Orten an der Schwarzmeerküste sowie in der Gemeinde Pungesti in Ostrumänien. Chevron verspricht Rumänien durch die Förderung «Energieunabhängigkeit, zusätzliche Einnahmen für die Regierung, neue Jobs und Wirtschaftswachstum».

Das wollen nicht alle glauben. In Bukarest und in Pungesti protestierten im Oktober Tausende Menschen gegen die Gasförderung. Sie blockierten Strassen und forderten von Chevron: «Go home!» Der Aufforderung zum Abzug kommen die Amerikaner zwar nicht nach, aber sie erklärten im Oktober, auf Fracking vorläufig zu verzichten. Wie lange, wollen sie nicht sagen.

Bürgerinitiative gegen Geologie-Firma

In anderen Teilen des Landes geht inzwischen die Suche nach Rohstoffen weiter. Auch gegen den Willen der Bevölkerung. Die weissen Baufahrzeuge und ihre Besatzung in roten Arbeitsanzügen sind von der Firma Prospectiuni, die im Auftrag von Regierung und privaten Unternehmen nach Rohstoffen sucht. Dabei werden durch Sprengungen und Bohrungen kleine Erdbeben ausgelöst und Schallwellen gemessen.

Prospectiuni gehört dem umstrittenen rumänischen Oligarchen Ovidiu Tender, der als Informant für den kommunistischen Geheimdienst Securitate gearbeitet haben soll. Seine Geologen gehen auf der Suche nach Bodenschätzen nicht zimperlich vor und zerstören dabei Privatgrund, den sie gar nicht hätten betreten dürfen. Das betraf auch den bekannten Ökobauer Willy Schuster in der Gemeinde Mosna, zwischen Sibiu und Medias. Er hat jetzt eine Bürgerinitiative gegen das Unternehmen gegründet.

Goldrausch mit Nebenwirkungen

Weit stärker als gegen Fracking ist der Widerstand der Rumänen gegen das Projekt der Goldgewinnung in der Gemeinde Rosia Montana in Siebenbürgen. Seit über zehn Jahren plant der kanadische Konzern Gabriel Resources, den dort seit dem Mittelalter bestehenden Bergbau stark auszubauen. Die Firma spricht vom grössten Goldvorkommen in Europa und verspricht Rumänien umgerechnet 17  Milliarden Franken direkten oder indirekten Profit aus der Förderung sowie die «Erhaltung des kulturellen Erbes».

Obwohl das Unternehmen noch immer nicht alle Genehmigungen hat, wurden viele Bewohner von Dörfern rund um Rosia Montana in neue Häuser übersiedelt, der historische Ortskern ist zwar saniert, aber verwaist. Kritiker warnen, dass Rosia Montana eine ähnliche Umweltkatastrophe drohe wie Baia Mare vor 13 Jahren. Damals brach ein Damm, hochgiftiges Zyanid gelangte in die Flüsse Theiss und Donau.

Senat stoppt Goldförderungsprojekt

Letzte Woche erlitt das Projekt einen schweren Rückschlag: Der Senat, das Oberhaus des rumänischen Parlaments, lehnte einen Gesetzesentwurf der Regierung Ponta ab, der die Goldgewinnung erlaubt hätte. Gleichzeitig folgte der Senat der Empfehlung einer Sonderkommission des Parlaments und erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Korruption. Auch die Abgeordneten von Pontas sozialdemokratischer Partei stimmten gegen den Gesetzesentwurf.

DerBund.ch/Newsnet

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