Rechtsliberale Feminismusvariante

Treffen sich ein paar Frauen in Chemnitz auf der Strasse und lassen sich zitieren: Warum Alice Schwarzers feministisches Magazin «Emma» Zuspruch von rechts bekommt.

Sieht «Linke, Liberale» als Realitätsleugner: Alice Schwarzer. (Foto: Archiv/Reto Oeschger)

Sieht «Linke, Liberale» als Realitätsleugner: Alice Schwarzer. (Foto: Archiv/Reto Oeschger)

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Es gilt in dieser aufgewühlten Zeit als Tugend, den Leuten einfach mal zuzuhören, die womöglich zu lange kein Gehör gefunden haben. Das Magazin Emma nimmt sich von diesem Auftrag nicht aus. Seit 41 Jahren erscheint es in Köln, und berichtet laut Herausgeberin und Chefredaktorin Alice Schwarzer im Sinne der Frauenrechte über alles, «was sie relevant findet (...) in der Tradition der Aufklärung». Wie viele andere Redaktionen schickte also auch Emma vergangene Woche eine Reporterin nach Chemnitz, sie sollte aufklären, wie es den Frauen dort ergehe. Das Ergebnis, ein Artikel namens «Frau W. und Nesrin in Chemnitz», ist nun online nachzulesen und bringt dem feministischen Magazin Punkte bei einer wachsenden rechts orientierten Leserschaft.

Der Text berichtet vom Gespräch einiger Frauen auf der Strasse, eine Chemnitzerin, die von der Reporterin offenbar angesprochen worden war, sagt, sie habe «Angst, als Nazi zu gelten», deshalb erhält sie ein Pseudonym. Es folgen Zitate, in denen Lehrerin W. erklärt, das Leben in Chemnitz sei für Frauen «gefährlicher geworden», vor allem wegen der geflüchteten Männer. Diese « haben ein sehr abwertendes Frauenbild, sind sexuell aufgeladen, und es gibt für sie kein Korrektiv». Mehrere ihrer Schülerinnen seien belästigt worden.

Ein umstrittener Artikel aus Chemnitz zitiert besorgte Frauen

Auch eine Deutsch-Türkin kommt im Text vor, die die Lage genau so sieht. Eine andere Frau sagt, die Linksintellektuellen trieben Menschen mit ihren Verharmlosungen in die Arme der Rechten. Zum Schluss sagt W.: «Jetzt ist der Hitlergruss wieder schlimmer, als wenn ein Mädchen vergewaltigt wird.»

Das Einsammeln von Stimmen ist ein verdienstvoller Rechercheschritt. Nur findet der zwingende nächste in dem Fall nicht statt, die journalistische Einordnung. Keine Kriminalstatistik aus Chemnitz, kein Überblick über sexualisierte Gewalt und deren Entwicklung. Dabei hatte praktischerweise der sächsische Landtags-Abgeordnete Rolf Weigand (AfD) im Juli die Aufschlüsselung sexueller Straftaten in Chemnitz nach Täternationalität erwirkt: Ein Drittel wurde in den letzten drei Jahren von Tätern nicht-deutscher Herkunft verübt, die stammten etwa zur Hälfte aus den klassischen Fluchtzonen.

Die Vermutung, dass die AfD mit dem Interesse an sexualisierter Gewalt in Kombination mit Herkunft ein Narrativ anschieben wollte, liegt nahe. Das weisse weibliche Vergewaltigungsopfer als Vorwand für Aggression gegen dunkle Fremde ist ein gern bemühtes Instrument im rassistischen Rechtfertigungsdiskurs, der sich sonst kaum um Frauenrechte schert. Bemerkenswerter ist, dass dieses Narrativ nun gerade von einem feministischen Magazin ungeprüft verbreitet wurde. In den sozialen Medien wurde der Artikel von rechtskonservativen Bloggern begrüsst und von Rassismusgegnerinnen kritisiert.

Und die Redaktion twitterte in die Diskussion hinein: «Mitdiskutieren!» Das passiert nicht zum ersten mal. Der Datenanalyst Luca Hammer wertete im Auftrag des Fachmagazins uebermedien die Beliebtheit von Tweets aus der Emma-Redaktion nach politischen Sphären aus und stellte einen beachtlichen Zuwachs bei solchen Lesern fest, die sich mit der AfD und anderen rechten Organisationen identifizieren. Und Leser kann Emma gut gebrauchen. Die verkaufte Auflage liegt unter 30'000 Exemplaren, die grösste Konkurrenz für die feministisch interessierte Leserschaft kommt aus dem Netz, tendenziell linksliberal. Zugleich hat das politische Ideal der Gleichberechtigung medial eine grosse Normalisierungskarriere hingelegt. Analysen und Kommentare aus feministischer Perspektive werden in den bürgerlichen Medien selbstverständlicher veröffentlicht als noch vor einigen Jahren. Mag also sein, dass Emma ihre rechtsliberale Feminismusvariante für eine Art Sonderqualifikation hält.

Chefredaktorin Schwarzer äussert sich regelmässig dazu, dass ihr zufolge vom Islamismus «eine politische Gefahr im Weltmassstab» ausgehe. Dieses Feindbild deckt sich mit dem derjenigen, die in Chemnitz zuletzt viel mehr zum Ausdruck brachten als nur Sorge. Schwarzer sieht vor allem «Linke, Liberale» als «Realitätsleugner, die Menschen, denen bisher Rassismus fern war, in die Arme der Rechten treiben». Sie klingt damit wortwörtlich wie die anonyme Frau in Chemnitz, vielleicht klingt die Frau in Chemnitz aber auch einfach nur wie Alice Schwarzer (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2018, 12:54 Uhr

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