«Oligarch Achmetow stellt sich deutlich gegen die Separatisten»

Die Ukraine wählt bald einen neuen Präsidenten. Korrespondent David Nauer sagt, wie die Lage in der «Volksrepublik Donezk» ist.

Er steht ein für die Einheit der Ukraine: Rinat Achmetow, milliardenschwerer Unternehmer aus Donezk.

Er steht ein für die Einheit der Ukraine: Rinat Achmetow, milliardenschwerer Unternehmer aus Donezk.

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Wie erleben Sie die Stimmung in Donezk wenige Tage vor der ukrainischen Präsidentenwahl?
Ausserhalb der Stadt gibt es regelmässig Feuergefechte, am Donnerstag starben mindestens 13 ukrainische Soldaten bei einem Angriff der Separatisten. In Donezk selber herrscht auf den ersten Blick normaler Alltag; Cafés sind gut besucht, Geschäfte haben geöffnet. Es kann aber passieren, dass einem mitten in der Stadt bewaffnete Gestalten entgegenkommen – die Kalaschnikow lässig umgehängt. Richtig Ausnahmezustand herrscht rund um die von den Separatisten besetzte Gebietsverwaltung. Dort patrouillieren kräftige Männer, die Stimmung ist zum Teil aggressiv. Dazu kommt, dass derzeit eine gezielte Terrorkampagne läuft gegen alle, die für eine vereinigte Ukraine sind: Sie werden eingeschüchtert und bedroht. Auch mehrere Entführungen sind aktenkundig. Betroffen sind vor allem Politiker, Journalisten und Beamte.

Inwiefern kann in Donezk eine reguläre Präsidentenwahl stattfinden?
Die Stadtverwaltung hofft, dass zwei Drittel der Wahllokale offen sein werden. Ich bin aber skeptisch. Denn die Separatisten stören die Wahlvorbereitungen mit Gewalt. Sie setzen Mitarbeitende der Wahlkommission unter Druck, besetzen deren Büroräume und zerstören Wahlunterlagen.

Gibt es in der Stadt Ansätze eines normalen Wahlkampfs?
Nicht wirklich. Es sind Plakate des lokalen Präsidentschaftskandidaten Michail Dobkin aufgehängt. Dobkin kandidiert für die Partei der Regionen des früheren Präsidenten Wiktor Janukowitsch, er hat allerdings landesweit keine Chance. Die anderen Bewerber sind im Stadtbild so gut wie nicht präsent.

Sie waren schon vor drei Wochen in Donezk. Inwiefern hat sich die Stimmung verändert?
Das Image der Separatisten hat sich eindeutig verschlechtert, nach meiner Einschätzung aus zwei Gründen. Erstens können sie keine politische Perspektive aufzeigen. Russland macht derzeit nicht den Anschein, als würde es die Ostukraine annektieren wollen, und als unabhängiger Staat, das sehen inzwischen viele ein, ist das Gebiet nicht überlebensfähig. Zweitens hat sich ein Gefühl der Unsicherheit in die Stadt geschlichen. Neben politischen Einschüchterungen häufen sich Diebstähle und Überfälle – und die Täter sind oft Separatisten oder Leute, die sich als solche ausgeben. Das krasseste Beispiel: Kürzlich haben Bewaffnete mehrere Autogaragen überfallen und Fahrzeuge entwendet. Zynisch sprachen sie vom Diebesgut als «Spende» für die «Volksrepublik Donezk».

Wie stark ist der Rückhalt der Separatisten in der Bevölkerung von Donezk?
Gerade einfache Leute hatten zunächst Sympathien für die Separatisten, inzwischen haben aber viele genug von der wachsenden Unsicherheit. Die «Volksrepublik Donezk» wird immer mehr als unfähige Organisation wahrgenommen, die Chaos verursacht oder es mindestens nicht verhindern kann. «Dann bleiben wir eben ein Teil der Ukraine. Ich will einfach meine Ruhe», sagte mir ein junger Familienvater. Geschlagen sind die Separatisten jedoch nicht: Ihre Anhängerschaft mag klein sein, sie ist aber militant und bewaffnet.

Gibt es Widerstand gegen die prorussischen Aktivisten?
Ja. Und das hat sehr viel mit dem Oligarchen Rinat Achmetow zu tun, der sich diese Woche erstmals deutlich gegen die Separatisten gestellt hat. Das verschiebt die Machtbalance in der Region beträchtlich. Für Achmetow arbeiten in der Ostukraine 300'000 Menschen, es gibt ganze Städte, die von seinen Betrieben abhängig sind. Ich war etwa in Jenakijewe, gut 50 Kilometer nordöstlich von Donezk, wo der Oligarch ein Stahlwerk besitzt. Dort patrouillieren seine Arbeiter zusammen mit der Polizei durch die Stadt. Sowohl der örtliche Gewerkschaftschef wie die Betriebsleitung sagen ganz klar: «Wir wollen weiter zur Ukraine gehören.»

Und in Donezk selber?
Auch hier wagen sich die Gegner der Separatisten aus der Deckung. Jeweils um 12 Uhr erschallt ein Hupkonzert auf den Strassen – eine Aktion, zu der ebenfalls Achmetow aufgerufen hat. Ich habe beobachtet, wie Separatisten die hupenden Autos mit Steinen bewarfen. Eine junge Frau in einem Offroader zeigte sich unbeeindruckt: Sie liess die Scheibe runter und streckte den prorussischen Aktivisten den Mittelfinger entgegen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2014, 11:33 Uhr

DerBund.ch/Newsnet-Korrespondent David Nauer berichtet aus Donezk.

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