Oh, wie schön ist Britzerland!

Im Wahlkampf diente die Schweiz einmal mehr als Sehnsuchtsort der britischen Euroskeptiker. Ums Praktikable ging es nie.

Scheinbar geeint: Die «befreundeten Inseln» Schweiz und England. Foto: Tobia Keckel

Scheinbar geeint: Die «befreundeten Inseln» Schweiz und England. Foto: Tobia Keckel

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Es mag ein Zeichen der Provinzialität sein, aber internationale Schweiz-Fans faszinieren uns. Befriedigt hat man hierzulande zur Kenntnis genommen, wie Grossbritanniens EU-Gegner im Wahlkampf der letzten Monate wieder einmal von der Schweiz geschwärmt haben: Vom «Schweizer Weg» fürs Königreich, von der «bilateralen Option», ja von der «befreundeten Insel Schweiz» im europäischen Sumpf.

Zugegeben, da sprach nicht die erste politische Liga. Weder Premierminister David Cameron noch sein Labour-Kontrahent Ed Miliband sind durch Helvetophilie aufgefallen. Aber immerhin: Der konservative Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der seiner Partei als Hoffnungsträger gilt, forderte «Britzerland», eine britisch-schweizerische Freihandelszone abseits der überregulierten EU. Und Nigel Farage, Chef der antieuropäischen Ukip-Partei, lobte den Schweizer Alleingang in praktisch jeder zweiten Rede. So unabhängig und wohlhabend müsse auch Britannien sein wollen.

Selbst Politberater und Wissenschaftler denken dieser Tage über Lehren nach, welche die Briten bei einem allfälligen EU-Austritt aus der Schweizer Erfahrung ziehen könnten. Sollte das Land die Union verlassen, so wäre der Schweizer Umgang mit Brüssel sicher «das Modell» für die Zukunft, befand am Wochenende der Leiter der britischen Denkfabrik Open Europe, Pieter Cleppe, in einem Beitrag für die «NZZ am Sonntag».

Ein Lob auf die Hirten

Daran darf gezweifelt werden. Erstens wegen Brüssel: Nach einem Austritt der Briten wäre die EU verstimmt und sicher nicht darauf aus, mit einem flotten Paket an bilateralen Verträgen Werbung für den Ausstieg zu machen.

Zweitens wegen Bern: Auch die glühendsten britischen Alpenfreunde werden feststellen, dass der bilaterale Weg schlingert. Die Unverträglichkeit von Personenfreizügigkeit und Zuwanderungsbegrenzung etwa sorgt derzeit für Zerreissproben. «Die Schweiz könnte ein Beispiel für die Grenzen jenes Wegs werden, den manche britischen Euroskeptiker für gangbar halten», schreibt der Politologe Christian Nünlist von der ETH Zürich.

Das dritte Problem liegt in London. Britische Euroskeptiker haben ein ganz anderes nationales Selbstverständnis als ihre Schweizer Kollegen. Sie sind meist Empire-Nostalgiker, verstehen Britannien also als ebenbürtige Alternative zum Kontinent. Das Königreich soll sich neben Europa zu alter Grösse erheben, nicht unauffällig abseitsstehen. Der Schweizer Weg dürfte ihnen nicht breit genug sein.

Aber egal. Ums Praktikable geht es bei der britischen Schweiz-Schwärmerei nicht. Eher um ein Sehnen nach Eigenständigkeit und Identität, wie es derzeit überall in Westeuropa umgeht. Die Schweiz wird angerufen als stolzes Land der Widerborstigen.

Dies nicht zum ersten Mal: Während der Industrialisierung besang man im 19. Jahrhundert in vielen Hauptstädten das Volk der Hirten – auch wenn dieses in Wahrheit längst selbst am Webstuhl sass und in der Fabrik stand. Nur die Schotten wurden ähnlich intensiv verklärt: freie Bergler alle beide, Bewahrer des Alten, Eigenen.

Spätestens hier hört für die meisten Briten die Lust am Stacheligen auf. Von der Schweiz träumen ist das eine, die schottischen Nationalisten erstarken sehen etwas anderes. Widerborstigkeit gefällt vor allem aus der Distanz.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2015, 06:15 Uhr

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