Nur noch für Proteste gut

Die Labour-Partei verzettelt sich in Streitereien. Und überlässt den Rechten die Macht.

Spaltet seine Partei: der frisch bestätigte Labourchef Jeremy Corbyn. Foto: Rob Stothard (Getty Images)

Spaltet seine Partei: der frisch bestätigte Labourchef Jeremy Corbyn. Foto: Rob Stothard (Getty Images)

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Was ist nur los mit Labour? Die Partei der britischen Linken und Linksliberalen hat sich in einen bitteren Bruderkrieg verstrickt, der die Partei lähmt und sie zunehmend unattraktiv macht für die meisten Wähler. Unterdessen befinden die Konservativen im Alleingang über das künftige Verhältnis Grossbritanniens zu Europa. Und sie modeln die britische Gesellschaft weiter nach ihrem Willen um.

Ein Paradox charakterisiert die Lage Labours. Die Partei zieht massenhaft Interessenten und neue Mitglieder in ihren Bann. Sie hat sich unter ihrem im Vorjahr angetretenen Vorsitzenden Jeremy Corbyn zur mitgliederstärksten politischen Partei Westeuropas entwickelt.

Gleichzeitig sinkt die Partei stetig in der Achtung der meisten Leute. Keine 30 Prozent der Briten würden mehr Labour wählen. Corbyn wird als miserabler Parteichef angesehen. Glaubwürdige Lösungen für die Zukunft hat die Partei – im Urteil der Wählermehrheit – nicht zu bieten. Den Konservativen oder Ukips Rechtspopulisten vertrauen dagegen über 55 Prozent.

Die Angst vor einer Spaltung

Die Spannungen, die das ausgelöst hat, liegen diese Woche auf dem Parteitag Labours in Liverpool offen zu Tage. Die Labour-Linke, die Corbyn repräsentiert, sucht die Partei zur Trägerin sozialistischer Ideen, zu einer Radikalalternative, zu einer neuartigen Volksbewegung zu erheben.

«Zentristen» und traditionelle Sozialdemokraten wehren sich erbittert gegen diese «Entwendung» der Partei, die sie für die ihre halten. Sie glauben, dass nur eine breite Koalition der «progressiven Mitte» Ukip und den Tories Wähler abspenstig machen und Labour wieder an die Regierung bringen kann. Vor allem sehen sie keine Chance, mit Corbyn an der Spitze Unterhauswahlen zu gewinnen. Der ewige Parteirebell vom linkssozialistischen Flügel hat sich seit seiner Wahl zum Vorsitzenden als denkbar ungeschickter Parteichef mit gelegentlich dogmatischen Anwandlungen erwiesen.

Dennoch hat ihn die Partei gerade als Vorsitzenden wiedergewählt und ihm, wie Corbyn es sieht, ein unangreifbares demokratisches Mandat ausgestellt. Das Problem in der Partei hat dieser persönliche Triumph eher noch verschärft. Mittlerweile fürchten «moderate» Labour-Leute, dass Corbyns Anhänger sie aus der Partei zu drängen versuchen. Corbyn wiederum verlangt «Respekt» für seine Führungsrolle, seine Ideen, seine Position.

Aus Angst vor der Spaltung Labours in zwei feindselige Lager – und womöglich in zwei separate Parteien – suchen Vermittler beider Seiten Brücken zwischen Corbyn und seinen zahlreichen Kritikern in der Unterhaus-Fraktion zu bauen. Die Kluft in der Partei ist allerdings schon sehr tief. Es gibt keine Garantie mehr dafür, dass sich Lösungen finden lassen.

Das hat keineswegs nur mit Persönlichkeiten und mangelnder Führungskompetenz zu tun. Wie andere Parteien der linken Mitte in Europa ist auch die Labour Party in eine existenzielle Krise geraten, aus der sie keinen offenkundigen Ausweg sieht. Die historische Labour-Koalition aus Industriearbeiterschaft und fortschritts­frohem, grossstädtischem Bürgertum droht sich unter den Folgen von Globalisierung und Austerität immer mehr aufzulösen. Das war schon beim EU-Referendum zu sehen.

In den alten Industriegebieten haben starke Anti-Migrations-Gefühle frühere Labour-Wähler direkt zu Ukip geführt. Ein Londoner Linksintellektueller wie Corbyn, finden missmutige Wähler im englischen Norden, habe doch keine Ahnung von der «wirklichen Welt».

In der Tat haben weder der Parteichef noch seine innerparteilichen Gegner bislang Antworten auf veränderte Arbeitsbedingungen, digitale Herausforderungen oder den neu erwachten englischen Nationalismus gefunden.

Dazu kommt der interne Streit, der den Konservativen nützt. Wenn Labour sich nicht bald zusammenraufe und überzeugende Programme entwickle, meinen Skeptiker in Liverpool, dann müsse man eine Zukunft befürchten, in der die Linke prinzipiell fürs Protestieren und die Rechte fürs Regieren zuständig sei.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2016, 22:36 Uhr

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