Mit dem Kardinal steht die Kirche vor Gericht

Philippe Barbarin, der Erzbischof von Lyon, muss sich wegen Vertuschung von Missbrauch verantworten.

Steht vor Gericht wegen Nichtverfolgung von Missbrauchsfällen: Philippe Barbarin. Foto: PD

Steht vor Gericht wegen Nichtverfolgung von Missbrauchsfällen: Philippe Barbarin. Foto: PD

Michael Meier@tagesanzeiger

Standesgemäss betete Kardinal Philippe Barbarin gemäss «Le Monde» am Vorabend des Prozesses gegen ihn zu Gott: Dieser möge die Justiz Gerechtigkeit üben lassen und die Herzen der Missbrauchsopfer heilen. Seit Montag steht der 68-jährige Kardinalerzbischof von Lyon daselbst wegen Nichtverfolgung sexueller Übergriffe an Minderjährigen vor Gericht: Er habe gegenüber der Justiz die pädophile Vergangenheit des Priesters Bernard Preynat vertuscht. Ja er habe selbst nach einer Anzeige im Jahr 2007 die Vorwürfe gegen diesen nicht weiterverfolgt und den Geistlichen sogar im Amt und in Kontakt mit Jugendlichen belassen. Immerhin soll sich der Priester früher an 85 Kindern vergriffen haben.

Beschwerdeführer gegen Barbarin sind zehn ehemalige Pfadfinder, die von besagtem Priester zwischen 1986 und 1991 missbraucht worden sind. Barbarin rechtfertigt sich, er habe den Priester nach der Anzeige im Jahr 2007 im Amt belassen, weil dieser beteuert habe, dass seit 1991 nichts mehr vorgefallen sei. In einem Interview räumte der Kardinal zwar Fehler ein, vertuscht aber habe er nichts. Seit 2015 dürfe der Priester nicht mehr arbeiten.

Philippe Barbarin ist nicht irgendein Kirchenmann. Kraft seines Amtes als Kardinal von Lyon ist er der Primas der französischen Kirche. Der wortgewaltige Würdenträger erhebt gern seine Stimme für Flüchtlinge und bedrängte Christen im Nahen Osten. 2012 vor der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare warnte er vor einem Dammbruch, der das Verbot von Polygamie und Inzest aufheben könnte. Und löste damit einen Proteststurm aus.

Gegen den sittenstrengen Kardinal ermittelte die Staatsanwaltschaft bereits 2016 wegen Nichtanzeige sexueller Übergriffe. Damals stellte sie das Verfahren wieder ein, weil sie keinen Hinweis auf Straftaten fand.

Diesmal könnte es für den Kardinal schlecht enden. Mit ihm stehen die Kirche und ihr System des Vertuschens vor Gericht. Der Fall ist längst auch zum Politikum geworden. Der frühere Premier Manuel Valls rief den Kardinal auf, Transparenz in die Missbrauchsgeschichte zu bringen. Eine im Sommer lancierte Onlinepetition hat über 10'000 Unterschriften für den Rücktritt Barbarins gesammelt. Die Opfer des Missbrauchspriesters haben die Gruppe «La Parole Libérée» gegründet, um den Kardinal vor die Richter zu bringen und öffentlich über die Vergehen zu reden. Regisseur François Ozon hat die Opfer interviewt und den ganzen Fall im Film «Grace a dieu» aufgerollt, der im Februar anlaufen soll. Das Buch zum Skandal gibt es bereits und trägt den Titel «Geschichte eines Schweigens».

Brisant auch: Zusammen mit Barbarin und fünf Mitarbeitern der Diözese Lyon sitzt der vatikanische Glaubenspräfekt Luis Landaria auf der Anklagebank. Vielmehr: Er sässe dort, hätte nicht der Vatikan dessen diplomatische Immunität geltend gemacht. Landaria soll Barbarin geraten haben, den Missbrauchspriester nur intern zu bestrafen, um den Skandal abzuwenden. Papst Franziskus hatte sich schon im Herbst 2017 bei einer Audienz schützend hinter Barbarin gestellt. Zu wessen Nutzen? Eine Verurteilung des Kardinals nur kurz vor dem vatikanischen Missbrauchsgipfel im Februar wäre für den Vatikan blamabel.

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