Mailand – die bessere Hauptstadt

Oft belächelt als hässlich und neblig, gilt Mailand nun als lebenswerteste Stadt Italiens. Das Duell mit Rom gewinnt sie mit Überlegenheit.

Freie Sicht auf die Alpen – und auf Hochhäuser: Blick von der Turmspitze des Mailänder Doms. Foto: Marco Brivio (Getty Images)

Freie Sicht auf die Alpen – und auf Hochhäuser: Blick von der Turmspitze des Mailänder Doms. Foto: Marco Brivio (Getty Images)

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Wenn sich der Nebel auf Mailand legt, kalt und feucht, und alle Sinne wattiert, dann ist der Süden schon sehr weit weg. Im Winter gibt es Tage, da sieht man vom einen Ufer des Naviglio Grande, des grossen Kanals, kaum das andere, obschon es nur einige Meter entfernt ist. Ganz zu schweigen von den Alpen, die bei heiterem Wetter zum Greifen nahe sind. Anflüge auf Milano Linate, den Stadtflughafen, sind wie Gestochere im Grau. Sogar die «Madonnina», die Stadtheilige auf dem Dom, die sonst prächtig über allem steht, verschwindet das halbe Jahr im Nebel. Mailand ist dann ganz für sich, da oben im Norden Italiens, entrückt in seiner eigenen Welt.

Es gibt ja Italiener, die behaupten, Mailand sei gar nicht Italien. Italien, das geliebt barocke und belächelt chaotische, beginne erst nach dem Po. Andere sagen, Mailand sei ein Mix aus Nord und Süd, es zeige den Italienern, was alles möglich wäre, wenn sie nur wollten. Immer einen Schritt voraus, immer Avantgarde, in allem. «La locomotiva», die Lokomotive des Landes: dynamisch, rigoros, streng auch mit sich selbst, beinahe protestantisch – die Madonnina möge die Häresie überhören. Nur Mailand nutzt das grandiose kreative Potenzial, das in Italien steckt, diesen Sinn für alles Schöne und Köstliche, mit System und macht sich auch reich damit.

Ein schwacher Trost

Im südlicheren Teil des Landes tröstete man sich bisher mit dem besseren Klima, mit der Sonne, da und dort auch mit dem Meer. In den italienischen Fussballstadien ab Florenz südwärts, werden die beiden Mannschaften aus Mailand und deren mitreisende Anhänger jeweils mit dem Chor empfangen: «Solo la nebbia, avete solo la nebbia.» Nur Nebel, ihr habt nur den Nebel. Es ist einer der wenigen hübschen Chöre, die so durch die verruchten Arenen des Calcio hallen. Im Süden sagt man sich auch gern, Mailand sei nicht schön, nicht im klassischen Sinn, so wie die Kunststädte schön seien: Venedig, Florenz, Rom. Und leidenschaftlich und lebensprall wie Neapel und Palermo sei die Stadt auch nicht.

«Nur Nebel, ihr habt nur den Nebel», singen sie in den Fussballstadien ab Florenz südwärts.

Alles wahr, und doch ist das nur ein schwacher Trost. Nun hat sich Mailand ein weiteres, lange Zeit für unmöglich gewähntes Primat geholt. Die Zeitung «Il Sole 24 Ore» erkor es zur italienischen Stadt mit der höchsten Lebensqualität, und das zum ersten Mal überhaupt, seit sie diese Rangliste erstellt, seit 29 Jahren also. Vor Bozen und Aosta. Über den Wert solcher Rankings lässt sich bekanntlich immer schön streiten. Natürlich hängt die Lebensqualität der Menschen nicht unwesentlich davon ab, ob sie genug Geld besitzen, um an allen tollen Dingen teilzuhaben, die ihre Stadt bietet.

Doch «Il Sole 24 Ore», ein seriöses Wirtschaftsblatt, geht bei seiner Studie ins Detail. Es schaut auf 42 Indikatoren, aufgeteilt in 6 Grossthemenbereiche: Wohlstand und Konsum, Geschäft und Arbeit, Umwelt und Dienstleistungen, Justiz und Sicherheit, Demografie und Gesellschaft, Kultur und Freizeit. Mailand gewinnt nicht in allen Sparten, bei der Umwelt zum Beispiel wird man nie Erster sein: Wenn sich Nebel und Abgase zum dicken Smog mischen, muss der Verkehr immer mal wieder tagelang ruhen, dermassen schlecht sind dann die Luftwerte. Aber sonst?

Unitalienisch hoch

Mailand hat sich in den vergangenen Jahrzehnten neu erfunden, man sieht es der Stadt von weitem an. Sie hat eine neue Skyline, wuchtig und hoch, sehr unitalienisch, ein neues Gesicht. Die Glas- und Stahltürme in den Vierteln City Life und Porta Nuova schreien nach Moderne, sie sind erst ein Anfang. Stararchitekten hat man geholt und Investoren aus dem Orient: In der langen Wirtschaftskrise fand sich nicht genügend italienisches Kapital für die grossen Würfe. Bosco Verticale, der total begrünte Hochhauskomplex des italienischen Architekten Stefano Boeri beim Bahnhof Porta Garibaldi, ist zum Sinnbild des Aufbruchs geworden.

Zentrum der Zukunft

Während die klassisch schönen Städte Italiens sich müde in ihrem alten Glanz wälzen und sich von Touristenmassen bestaunen lassen, baut Mailand neue Viertel, neue Untergrundbahn-Linien, macht aus verlassenen Fabriken Kulturzentren und Restaurants, es saniert auch das alte Kanalsystem der «Navigli», macht sie wieder verkehrstüchtig.

Rom und Mailand, «die beiden Hauptstädte Italiens», wie sie auch genannt werden, die politische und die wirtschaftliche Kapitale des Landes, bewegen sich immer weiter auseinander. Alles, was Rom kann, kann die Rivalin im Norden besser. Ausser natürlich: Antike. Mailand war mal eine Industriestadt, jetzt ist es das Zentrum der italienischen Mode, der Banken, der Medien, des Designs, der Start-ups. Der Zukunft. An den Mailänder Universitäten studieren viele junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen mit jungen Italienern, während der Rest des Landes ein Problem mit der «fuga dei cervelli» hat, wie man hier den Wegzug von Talenten nennt – der Flucht der Gehirne.

In Mailand leben fast zwanzig Prozent Ausländer, das sind zweimal so viele wie im nationalen Durchschnitt. Doch die Stadt integriert sie anscheinend leicht. Nirgendwo in Italien ist es für Ausländer einfacher, sich eine Existenz aufzubauen und Erfolg zu haben, als in Mailand. Und wer es nicht schafft, um den sorgen sich Zehntausende freiwillige Helfer.

Mailand hat die Wette gewonnen

Denn ja, die Metropole in der Lombardei ist nicht nur reich und snobistisch, sie ist auch die Hauptstadt des «volontariato», der Helfer. Regiert wird Mailand von einem früheren Manager. Bürgermeister Giuseppe Sala hatte davor die Expo 15 geleitet, die Weltausstellung. Sie war eine Wette, Mailand hat sie gewonnen. Der Sozialdemokrat Sala ist nun der populärste Bürgermeister in Italien, ein kompetenter und nüchterner Verwalter.

Unlängst schrieb die römische Zeitung «La Repubblica»: «Mailand ist nicht das Paradies, es gehört schliesslich zu Italien. Doch wenn wir neu anfangen wollen, müssen wir ja irgendwo beginnen, und Mailand ist ein guter Ort dafür.» Mehr Lob geht gar nicht, aus Rom dann noch. Solo la nebbia?

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.01.2019, 09:07 Uhr

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