Londons cleverster Medaillenanwärter

Geschickt nutzt Bürgermeister Boris Johnson die Olympischen Spiele zur Selbstdarstellung – und stiehlt Premierminister David Cameron die Show. Kein anderer britischer Politiker weiss sich so in Szene zu rücken wie er.

Gibt sich stets volksnah: Bürgermeister Johnson mit Fans an den Olympischen Spielen. (31. Juli 2012)

Gibt sich stets volksnah: Bürgermeister Johnson mit Fans an den Olympischen Spielen. (31. Juli 2012) Bild: Keystone

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Im Hyde Park findet er sich von Zehntausenden umjubelt. In Stratford plaudert er mit einer offenbar belustigten Königin. Als sportlicher Radtyp präsentiert er sich vor dem olympischen Stadion. Und zeigt sich mächtig stolz auf «seine» Stadt, die «eine so fantastische Veranstaltung» für die Welt zu inszenieren weiss. Boris Johnson, der Bürgermeister von London, hat gut lachen. Der blonde Wuschelkopf der Konservativen braucht keine Drogen, um unablässig high zu sein. Die Spiele haben ihm eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung geboten, von der andere nur träumen können.

Selbst ein erfahrener PR-Experte wie David Cameron, der Premierminister, versteht diese Chance nicht in gleicher Weise in persönliche Popularität umzumünzen. Cameron kann sich nicht lösen vom Schatten der Regierungsverantwortung und der Wirtschaftskrise. Johnson ist schlicht und einfach Mayor «der besten Stadt der Welt».

Keine drei Monate ist es her, dass er wiedergewählt wurde. Und das in einer Stadt, die sonst beharrlich für Labour stimmt. In einer Zeit auch, in der das Vereinigte Königreich tief in die Rezession gerutscht ist und seine eigene Partei sich immer mehr den Unmut der Wähler zuzieht. Das alles aber hat Boris Johnson nicht angefochten. In nützlicher Entfernung zu Westminster und Downing Street, ein Stück die Themse hinunter im Bürgermeisterbüro, hat er sich als eine Art unabhängige Gegenfigur zu Kabinettsgrössen und Oppositionssprechern positioniert.

Hüter der alten Tory-Werte

Er hat die Unzufriedenen nicht zuletzt im eigenen Lager hinter sich versammelt. Hat sich als Hüter traditioneller Tory-Werte präsentiert, der aber auch geschickt ein weiteres Publikum zufriedenzustellen vermag. Die von Camerons Kompromissen frustrierte Tory-Rechte hat er mit dem Verlangen nach einem EU-Austritt-Referendum für Grossbritannien begeistert. Und mit seinem Ruf nach Steuersenkungen oder nach einer neuen Streikgesetzgebung.

Viele seiner Parteigänger, die die Koalition mit den Liberalen leid sind, sehen in Johnson den potenziellen Retter. Ein Drittel des Parteivolks hält ihn für den rechten Nachfolger von David Cameron. Kein anderer Spitzenkandidat verzeichnet einen solchen Rückhalt. Schatzkanzler George Osborne, der eigentlich als Camerons «Ersatzmann» galt, ist in einem tiefen Loch verschwunden. Gleichzeitig gerät Camerons eigene Position immer mehr ins Wanken. Nicht einmal die Hälfte aller Tories möchte von ihm noch in die nächsten Wahlen im Mai 2015 geführt werden.

Witzig, anarchisch, beliebt

Natürlich hat es «Boris», wie sie ihn alle nennen, vergleichsweise leicht auf seiner separaten Bahn. Aber es ist auch Johnsons witzig-anarchische Ader – das Grinsen, das Albern, die farbige Rhetorik –, die ihn derart beliebt macht. Wenn er sich «mehr Gold, Silber und Bronze» wünscht, «als nötig wäre, um Griechenland und Spanien gleichzeitig aus der Bredouille zu helfen», dann kann er sich lautstarken Beifalls sicher sein. Wenn Johnson sich den US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner vorknöpft und erklärt, «ein Mann namens Mitt Romney» habe doch tatsächlich die erfolgreiche Ausrichtung der Spiele durch London bezweifelt: Dann schallt es ihm aus 60'000 Kehlen dankbar «Boris, Boris» zurück.

Kein anderer britischer Politiker hat einen solchen Touch, weiss sich so unbekümmert (und so wohlkalkuliert) in Szene zu setzen. Mag auch umstritten sein, wie er es bewerkstelligen will, 2015 Cameron zu beerben – wenn seine eigene Amtszeit als Mayor noch bis 2016 läuft. Die Angst vor «Boris» ist seinen Parteirivalen in diesem Sommer längst anzumerken. Noch ein paar olympische Runden, und Johnson darf sich zu den Siegern dieser Spiele zählen. Viele sehen ihn schon jetzt mit der Goldmedaille um den Hals.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.08.2012, 13:09 Uhr

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