Krieg der Araber-Clans

Die deutsche Polizei agiert härter gegen kriminelle Grossfamilien, die sich gegenseitig bekämpfen. Zuletzt wurde Berlins bekanntester Intensivtäter getötet.

Nach dem Mord in Berlin-Neukölln: Spurensuche am Tatort.

Nach dem Mord in Berlin-Neukölln: Spurensuche am Tatort.

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Es war eine Abrechnung unter Kriminellen, was sich am Sonntagabend in Berlin-Neukölln abgespielt hat. Vier Männer näherten sich Nidal R., der gerade mit Frau und Kindern am Spazieren war. Es fielen acht Schüsse, vier Kugeln trafen das Opfer am Oberkörper: Nidal R. erlag in einem Spital seinen Verletzungen.

Mit dem 36-jährigen Nidal R. starb Berlins bekanntester Intensivstraftäter, wie er von lokalen Medien bezeichnet wird. Der getötete Palästinenser, der elf Jahre hinter Gittern verbrachte, wird der Berliner Clan-Kriminalität zugeordnet. Zuletzt stand Nidal R. dem Clan von Arafat Abou-Chaker nahe. Abou-Chaker ist deutschlandweit bekannt, weil er viele Jahre geschäftliche Verbindungen mit dem Star-Rapper Bushido unterhalten hatte. Der Abou-Chaker-Clan sorgt regelmässig für negative Schlagzeilen.

Martin Hikel, Bezirksbürgermeister Neuköllns, zeigte sich in einer ersten Reaktion sehr schockiert über den Mord. Dass die Täter vor den Kindern des Opfers zuschlugen, gilt selbst im Milieu der kriminellen Clans als unüblich, wie Hikel dem «Tagesspiegel» erklärte. «Die Skrupellosigkeit hat eine neue Qualität erreicht.» Die Angehörigen deutsch-arabischer Grossfamilien halten die Fahnder der Berliner Polizei schon seit Wochen auf Trab. Nicht nur, weil die Polizei entschiedener gegen die organisierte Kriminalität vorgeht, sondern auch, weil sich die Clans blutige Auseinandersetzungen liefern. Es ist eine Eskalation der Gewalt in Gang.

Zunehmende Bewaffnung der Clans

«Es ist nicht das erste Mal, dass die Clans wie wild aufeinander losgehen und aufeinander schiessen», sagt Olaf Sundermeyer, Journalist und Experte für Clan-Kriminalität, in einem rbb-Interview. «Aber momentan laufen da harte Verteilungskämpfe.» Dabei geht es um Territorien und illegale Geschäfte, letztlich also um Geld und Macht.

Manche deutsch-arabische Clans sind seit Jahrzehnten in Berlin aktiv. Sie decken die ganze Palette der Kriminalität ab. An erster Stelle kommen die Drogen, dann die Prostitution. Es geht vor allem auch um Schutzgelderpressung. Raubüberfälle gehören ebenfalls dazu. Das grosse Geld kommt durch Drogen und Schutzgelder rein. Dass diese kriminellen Organisationen auch Geldwäscherei betreiben, versteht sich von selbst.

Sicherheitsexperten beobachten eine zunehmende Bewaffnung bei diesen Grossfamilien. «Bei allen Razzien werden immer auch Schusswaffen gefunden», sagt Sundermeyer. «Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Gewalt zuspitzt.» Die Täter müssten sofort festgenommen und verurteilt werden. «Sonst bleibt eine solche Tat in den Augen dieser Familien ungesühnt», erklärt Sundermeyer. «Sie sind sozusagen dazu gezwungen zu reagieren. So dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter.»

Die tödliche Attacke am Sonntag in Neukölln war «ein klares Ausrufezeichen, das bei allen Clans verstanden und garantiert nicht ungesühnt bleiben wird». Dies sagte der Vorsitzende der Berliner Polizeigewerkschaft, Norbert Cioma. Dass die Clans ihre Auseinandersetzungen gewalttätig und ohne Skrupel austrügen, sei die Folge dessen, «dass sie jahrzehntelang keinen durchsetzungsstarken Rechtsstaat gespürt haben».

Abgeschottete Parallelwelten

Aber auch unabhängig von den Clan-Kriegen gibt es einen neueren Trend, durchzugreifen gegen diese Form der organisierten Kriminalität. Im Zuge eines Geldwäscheverfahrens gegen eine Grossfamilie beschlagnahmte die Polizei in Berlin im vergangenen Juli vorläufig 77 Immobilien im Wert von rund 9,3 Millionen Euro. Die Ermittlungen laufen gegen 16 Personen. Mitglieder des Clans sollen unter anderem spektakuläre Straftaten begangen haben. So stehen drei Männer im Verdacht, im März 2017 die 100 Kilogramm schwere Goldmünze «Big Maple Leaf» aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen zu haben. 3,7 Millionen Euro ist die Münze wert. Möglicherweise wurde die Münze eingeschmolzen, um daraus Goldbarren herzustellen.

Arabische Grossfamilien in Deutschland: ARD-Dokumentation über Clans in Berlin. Quelle. Youtube/ARD

Polizei und Justiz gehen in Berlin von knapp 20 verdächtigen Grossfamilien aus. Einige Clans verfügen über 500 bis 700 Mitglieder, bei anderen bewegt sich die Zahl der Familienangehörigen im vierstelligen Bereich. Dabei sind keinesfalls alle Angehörigen dieser Grossfamilien kriminell. Ein zentrales Merkmal solcher Clans ist der Zusammenhalt nach innen und die Abgrenzungen nach aussen. Ihre Mitglieder leben häufig in abgeschotteten Parallelwelten. Im Visier der Strafverfolger stehen derzeit vor allem drei Familien in Berlin. Eine von ihnen ist der Clan von Abou-Chaker.

Berlin wird gelegentlich als Deutschlands Hauptstadt der Clan-Kriminalität bezeichnet. Ähnlich strukturierte Grossfamilien gibt es aber auch im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und in Bremen. Diese Clans sind mehrheitlich palästinensischer oder libanesischer Herkunft. Ihre Mitglieder leben teils schon lange in Deutschland. Sie durften nicht arbeiten, weil sie offiziell staatenlos waren und ihr Aufenthaltsstatus ungeklärt war. Auch darum wurde die Kriminalität zu einer Haupteinnahmequelle solcher Clans. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2018, 17:28 Uhr

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