Im Pott brodelt es wieder

Duisburg ist auch 50 Jahre nach dem Abschied von Kohle und Stahl noch ein Sozialfall. Nun bringt die Armutsmigration neue Probleme, just vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen.

Ein stillgelegtes Hüttenwerk stilvoll in Szene gesetzt: Der Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Berthold Steinhilber (Laif)

Ein stillgelegtes Hüttenwerk stilvoll in Szene gesetzt: Der Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Berthold Steinhilber (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Duisburg ist eine eigenartige Stadt. Nicht gewachsen, eher wie ein Teppich aus Flicken. Zwischen Stadtteilen breiten sich kleine Wälder aus, gewaltige Hochöfen, Schuttberge, Autobahnen, die sich kreuzen. Die Ruhr fliesst in Kanäle und Hafenbecken, schliesslich in den weiten Rhein. Den Horizont bevölkern Fabrikschlote, manche still, aus anderen faucht weisser Dampf. Willkommen in Duisburg – Abraumhalde von 200 Jahren Industriegeschichte.

1957 war Duisburg noch die reichste Stadt Deutschlands, heute ist sie eine der ärmsten. Erst begann in den 70er-Jahren der Abschied von der Kohle, dann stürzte der Stahl in die Krise, weil er anderswo billiger war. 1993 schloss das Krupp-Werk, es wurde zum Symbol für das Ende einer Epoche und den ­Anfang eines gewaltigen Umbruchs. 25 Jahre danach leidet Duisburg noch immer. Jeder fünfte Bewohner hat die Stadt verlassen, jeder Sechste, der blieb, ist ohne Arbeit. Keine Stadt türmt pro Kopf mehr Schulden auf. Noch immer leben hier eine halbe Million Menschen, noch immer gibt es Stahlwerke und Industrie. Aber Duisburg wirkt wie ein Dinosaurier, der nicht recht weiss, ob er sich noch ein letztes Mal aufraffen mag.

Die Stadt läuft Gefahr, ihr Gesicht zu verlieren

Die Stadt ist zerrissen, gleichzeitig widersprüchlich. Niedergang und Wiedergeburt, Wagemut und Tristesse grenzen oft direkt aneinander. Die Histori­kerin Katrin Gems fährt den Reporter durch den Stadtteil Bruckhausen. Die blonde Mittvierzigerin ist im Duisburger Norden aufgewachsen, hat ihn erforscht, für ihn gekämpft, lebt immer noch hier und will auch nicht weg. Im Schatten des neuen Stahlwerks von Thyssen standen bis vor kurzem Siedlungen für die Arbeiter, 125 prächtige, aber sanierungsbedürftige Häuser aus der Gründerzeit. Anstelle der Häuser, in denen bis zuletzt viele junge Menschen lebten, breitet sich nun ein Grünstreifen aus, den man lieber nicht Park nennen möchte, durchschnitten von einer albernen Betonmauer.

Ostdeutsche Städte wie Leipzig oder Dresden haben nach der Wende häufig neu gebaut oder begrünt, daneben aber das historische Erbe mit viel Liebe restauriert. Duisburg neige zum Totalabriss, meint Gems, aus Mangel an Vision und Wertschätzung. Alles, was nach altem Ruhrgebiet rieche, könne offenbar weg, lieber suche die Stadt Investoren, um schicke Shoppingcenter zu bauen. Gegen eine Erneuerung sei nichts einzuwenden, aber Duisburg stehe in Gefahr, darob sein Gesicht zu verlieren. «Eine Stadt muss eine Geschichte erzählen, sonst ist sie nichts.» Die alten Bauten, für deren Erhalt Gems erfolglos gekämpft hat, seien für die Identität Bruckhausens von unschätzbarem Wert gewesen: «Hier konnte man sehen, wie das Ruhrgebiet entstanden ist.»

Park mit Schloten

Wie man aus Geschichte Zukunft schaffen kann, lässt sich zwei Kilometer östlich besichtigen. Der Landschaftspark Duisburg-Nord setzt ein stillgelegtes Hüttenwerk in einer Art in Szene, die einem den Atem raubt. Alles scheint von Riesenhand gebaut. 80Meter ragen die Hochöfen in den Himmel, versorgt von Stahlrohren, gross wie U-Boote. Die Kessel mahnen an Schiffsrümpfe, die Kräne an Autobahnbrücken, die Schlote könnten Monde verschlucken. Darum herum Grün und Wasser – ein Park unserer Zeit.

Viele der Urriesen kann man besteigen, nachts sind sie spektakulär beleuchtet, blau, grün oder rot. Inmitten der untergegangenen Industriekultur hat sich eine neue Kultur eingenistet. Werkshallen wurden zu Theater- und Musikbühnen umgebaut, im alten Gebläsehaus lockt ein Festsaal, im Sommer werden im Freien Filme projiziert. Der englische «Guardian» zählte den Park kürzlich zu den zehn besten der Welt. Katrin Gems findet es typisch, dass die Stadt Duisburg ihn im Grunde nie wollte. Ohne die Internationale Bauausstellung Emscher Park, die in den 90er-Jahren dem Ruhrgebiet neue Impulse verlieh, würde es ihn nicht geben.

Das «Schandmal» der Nation

Auf halbem Weg zwischen Park und Bruckhausen liegt ein Stadtteil, den ganz Deutschland kennt: Marxloh. Wann immer TV-Teams ein Viertel suchen, das heruntergekommen ist und zu kollabieren droht, fahren sie hierher. Die Polizei warnte vor zwei Jahren, das Quartier entgleite dem Staat. Danach kam sogar die Kanzlerin, um sich dem Unmut zu stellen. Marxloh ist kein Name, sondern ein Stigma. Ein «Schandmal» nennt es der Boulevard. Histori­kerin Gems empört sich: «Wer Marxloh und seine Menschen kennt, kann das nur als schrecklich ungerecht und herabwürdigend empfinden.»

Für einen Besuch sind Weseler und Kaiser-Wilhelm-Strasse ein guter Ausgangspunkt. Vor 60 Jahren zählten sie zu den feinsten Einkaufsmeilen Deutschlands. Mit dem Niedergang der Industrie verliessen viele Deutsche Marxloh, die türkischen Arbeiter blieben. Heute sind die Strassen ganz in türkischer Hand. Unternehmerische Initiative hat sie wieder in ein lebendiges, florierendes Einkaufsparadies verwandelt: für orienta­lische Brautkleider. Dutzende von Geschäften quellen über vor weiss glitzernden Hochzeits- und farbig schillernden Abendkleidern, prinzenhaften Anzügen, edelsteinbesetzten Kopftüchern und goldenen Armreifen. Die Käufer kommen teils von weit her, aus Belgien, Holland, Frankreich, halb Deutschland. Es ist die grösste Brautmodenmeile Europas.

Eine Moschee mit 34 Meter hohem Minarett

Eine andere Sehenswürdigkeit liegt ganz nah, die Ditib-Merkez-Moschee, das «Wunder von Marxloh»: ein Bau mit prächtigen Kuppeln und einem 34 Meter hohen Minarett, eine der grössten Moscheen Deutschlands. Jeden Freitag beten hier 1000 Menschen. Ein Wunder war es, dass die Moschee unter viel Wohlwollen erbaut und 2008 eröffnet wurde, unterstützt von einem christ­demokratischen Bürgermeister. Heute wäre das undenkbar.

Viele, die über Marxloh schimpfen, beklagen im Grunde nur, dass der Stadtteil heute türkisch ist statt deutsch. Nun zetern aber auch die Türken, sie sogar am lautesten. Weil unweit der Braut­modenmeile viele Häuser halb leer standen, sind dort seit 2012 Tausende von armen Einwanderern aus Südosteuropa eingezogen. Von 20'000 Einwohnern in Marxloh stammt heute ein Viertel aus Rumänien und Bulgarien. Viele von ihnen sind Roma, viele von ihnen sind bitterarm, krank, die meisten haben viele Kinder, die Eltern können oft weder lesen noch schreiben.

«Eine reine Vertreibungsstra­tegie»

Laut Polizei wird die Armutsmigration von skrupellosen Schleppern professionell organisiert. Erst kaufen diese baufällige Häuser billig auf, dann werben sie Auswanderer gezielt an, stellen sie zum Schein «geringfügig» an, was ihnen ermöglicht, «legal» in Deutschland zu bleiben, Sozialhilfe und Kindergeld zu beziehen – und «Miete» an die Schlepper zu zahlen. Die Stadt begegnet dem kriminellen Tun, indem sie die Häuser für unbewohnbar erklärt, beschlagnahmt und abreisst. Die Migranten sind derweil längst ein paar Strassen weitergezogen. «Eine reine Vertreibungsstra­tegie», kommentiert Katrin Gems. Was diese Menschen bräuchten, wären Notquartiere der Stadt, wo sie verteilt in kleinen Gruppen wohnen könnten, damit sie nicht so negativ auffielen. Eine richtige Lösung wäre auch das nicht.

Der Unmut im Quartier ist enorm. Ein deutsch-türkischer Unternehmer Ende 50, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, ereifert sich: «Der Lärm, der Müll, der Schmutz, das ganze Elend, das diese Menschen mitbringen, empört mich. Ich habe zwar Mitleid mit ihnen. Aber wir können doch nicht allen helfen!» Er empfindet es als ungerecht, dass sie Unterstützung des Staates beanspruchten, ohne sie sich verdient zu haben. «Ich war mein ganzes Leben nicht auf dem Arbeitsamt. Und die kommen nur her, um Kindergeld und Hartz IV abzugreifen.»

Thomas Mielke ist in Marxloh aufgewachsen und wohnt immer noch gerne hier. Als einer der Leiter des «Runden Tischs» kennt er den Unmut der Eingesessenen und die Not der neuen Einwanderer genau. Aber auch er ist ratlos, wie Marxloh der Herausforderung begegnen soll: «Wir sind alle etwas überfordert.» Sein Verein engagiert sich in der Nachbarschaft, bietet Hilfe und Integration an, organisiert Ausbildungen, Feste im Quartier. Mielke weiss aber, dass sich viele Rumänen und Bulgaren gar nicht integrieren wollen, sondern nur auf Durchreise sind. Während der Flüchtlingskrise entfuhr dem Duisburger Bürgermeister Sören Link, einem Sozial­demokraten, der Satz, er würde gerne das Doppelte an Syrern aufnehmen, wenn er dafür einige Südosteuropäer loswerde. So wie Link dächten in Marxloh viele, sagt Mielke.

Neue Seidenstrasse endet hier

Der Duisburger Hafen, ein paar Kilometer im Süden, ist eine Art Gegenstück zu Marxloh, ein leuchtendes Beispiel des Gelingens – und so etwas wie Duisburgs Revanche an der Globalisierung, die der Stadt den Stahlreichtum erst gegeben und dann wieder genommen hat. Von seinem Bürohochsitz aus überblickt Erich Staake einen Teil des Hafenreichs. Morgens um halb zehn raucht der 63-jährige Chef von Duisport bereits eine dicke Zigarre. Staake hat Duisburg innert 20 Jahren zum grössten Binnenhafen der Welt gemacht. Früher als andere hatte er gemerkt, dass ein Hafen heute nicht mehr von seinen Quais und Schiffen lebt, sondern zu einer umfassenden Logistikdrehscheibe werden muss. Im Hinterland der grossen Seehäfen Rotterdam und Antwerpen spe­zialisierte sich sein Unternehmen in der Folge darauf, maritime und kontinentale Warenströme zu verbinden.

Auf verwaisten Industriearealen siedelte Duisport 100 Verteilzentren grosser Unternehmen an, von Daimler, Audi, Danone und Mitsubishi bis HP. Seit einigen Jahren endet die «neue Seidenstrasse» aus China hier, 24 Züge fahren bereits jede Woche. Vor drei Jahren war der chinesische Präsident Xi Jinping zur Eröffnung in Duisburg, seither ist die Stadt in China so bekannt wie Berlin. 27'000 Arbeitsplätze hat Duisport neu geschaffen, ohne sie betrüge die Arbeitslosigkeit in der Stadt nicht 13, sondern 20 Prozent. Unter anderem deswegen ist Nordrhein-Westfalen mittlerweile die wichtigste Logistikregion Europas. «Und ohne diese Stärke», sagt Staake, «hätte Deutschland auch nicht mehr die Industriekerne, die es noch hat.»

Mit dem Niedergang kam die Mutlosigkeit

Fragt man den Hafenchef, was, abgesehen vom Konzept, das Geheimnis des Erfolgs war, antwortet er mit einem Wort: «Einstellung.» Mit dem Niedergang habe sich Mutlosigkeit wie Mehltau über das Ruhrgebiet gelegt. Zu lange habe man sich selbst bedauert. Vielerorts fehle es an Mut, neu aufzubrechen, sich etwas zuzutrauen, weltweit mithalten zu wollen. «Du musst den Menschen Perspektive geben. Du musst sie begeistern, um sie für dich zu gewinnen.»

Duisport gehört zu zwei Dritteln dem Land Nordrhein-Westfalen, zu einem Drittel der Stadt. Es verwundert also wenig, dass Staake sich von der Politik immer gestützt gefühlt hat, egal, ob gerade die SPD oder die CDU regierte. Genauso wichtig ist ihm aber, dass sich die Politik um den Zusammenhalt der Gesellschaft bemüht. In der sozialen Marktwirtschaft sei dieser Aspekt zuletzt etwas verloren gegangen.

Thomas Mielke, den Sozialarbeiter aus Marxloh, stört es, dass die Menschen über die Politik nur schimpfen – vor den Landtagswahlen vom Sonntag besonders eifrig. Das sei billig und un­gerecht. «Es wäre nützlicher, sie würden selber etwas zu einem besseren Zusammenleben beitragen.» Katrin Gems, die Historikerin, hat die beiden letzten Male nicht gewählt – «aus reiner Verzweiflung über das Angebot». Diesmal tut sie es wieder. Wen sie wählt? Das möchte sie lieber für sich behalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.05.2017, 19:32 Uhr

Artikel zum Thema

Der nationale Sozialist

Porträt Nach 26 Jahren als Sozialdemokrat ist der Bergmann und Politiker Guido Reil zur AfD übergetreten. Nun kämpft er im Ruhrpott für deutschen Egoismus. Mehr...

Eine Art Vorentscheidung

Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gilt in Deutschland als kleine Bundestagswahl. Verliert Hannelore Kraft ihr Amt, hat die SPD ein Problem. Mehr...

Desaster für die deutschen Sozialdemokraten

In Schleswig-Holstein wird die rot-grüne Regierung überraschend abgewählt. Das Resultat ist auch für Kanzlerkandidat Martin Schulz eine harte Niederlage. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Die Welt in Bildern

Ganz schön hart: Zwei Männer trainieren am Strand von Vina del Mar in Chile (19. September 2017).
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...