«Ich sehe kein Licht»

Der kurdische Schriftsteller Burhan Sönmez sagt, die Mächtigen in der Türkei glaubten nicht an liberale Werte. Sie würden mit Lügen, Korruption und Tod die Macht erhalten.

Türkische Soldaten bewachen das grosse Silivri-Gefängnis. Foto: Chris McGrath (Getty Images)

Türkische Soldaten bewachen das grosse Silivri-Gefängnis. Foto: Chris McGrath (Getty Images)

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In Ihrem nun auf Deutsch vorliegenden Roman «Istanbul Istanbul» beschreiben Sie vier Häftlinge, die sich in einem unterirdischen Gefängnis durch das Erzählen von absurden, frivolen und auch todtraurigen Geschichten die Zeit zwischen Verhör und Folter vertreiben. Das Buch ist in der Türkei schon 2015 erschienen – haben Sie geahnt, dass die Gefängnisse in Ihrem Land 2018 wieder voll sein würden?
Ja, ich habe vorhergesehen, dass wir in eine dunkle Periode geraten würden. Nicht weil ich ein so talentierter Autor wäre, nein. Dunkle Zeiten sind leider etwas Normales in der Türkei. Wir hatten andere unglückliche Perioden in unserer jüngeren Geschichte, in den 1980er- und in den 1990er-Jahren, als der Kurdenkonflikt einen Höhepunkt erreicht hatte.

Und was erwarten Sie jetzt?
Eine noch dunklere Zeit. Ich sehe kein Licht vor uns.

Warum?
Weil die Mächtigen in der Türkei nicht an liberale Werte und die Demokratie glauben. Sie glauben an die Macht und nutzen alle Mittel, um sie zu erhalten. Auch Lügen, Korruption und Tod. Weil sie wissen, wenn sie die Gewalt stoppen, dann wird es neuen Widerstand geben. Die Eskalation, die wir in der Türkei sehen, dient dazu, die Menschen ruhig zu halten. Das ist gefährlich für alle, auch für die Regierung.

Was hat die Regierung zu fürchten?
Nicht nur Journalisten und Schriftsteller wurden verhaftet, auch schlichte Leute. Zuletzt sogar nur wegen ihrer Facebook-Shares. Wir wissen nicht, wie viele das sind, nach offiziellen Angaben aber ­ungefähr 2000. Das verursacht Angst in der Gesellschaft. Das heisst aber auch, dass sich die Regierung vor diesen Menschen fürchtet, deshalb übt sie Druck aus.

Aber wieso muss sich eine Regierung fürchten, die 50 Prozent der Wähler auf ihrer Seite weiss?
In einer Demokratie werden Wahlen gewonnen, indem die einen 50 Prozent die anderen 50 Prozent respektieren – bei uns aber wird der Hass auf die anderen geschürt. Das ist gefährlich für alle.

Seit die türkische Armee gegen die Kurden im syrischen Afrin marschiert, haben aber auch die oppositionellen Sozialdemokraten die nationalistische Rhetorik von Präsident Erdogan übernommen.
Das ist die Macht von Erdogan, er hat die Opposition geteilt. Die meisten Sozial­demokraten sind wie die offizielle Linie ihrer Partei antikurdisch. Die kurdische und die sozialdemokratische Opposition haben es nie geschafft, eine Allianz zu bilden.

«Wenn du unter der Erde bist,  verlierst du  den Sinn für Zeit.»

Im Juni 2015 wählten doch viele Nicht-Kurden erstmals die kurdische HDP, um einen erneuten Sieg Erdogans zu verhindern. Warum ist von dieser kurdischen Versöhnung nichts geblieben?
Der HDP-Vorsitzende Selahattin Demirtas war ein Hoffnungsträger, seine Sprache war moderat. Nun ist er in Haft. Erdogan hat seinen grössten Rivalen ins Gefängnis gesteckt. Das ist das eine. Der zweite Fehler war, dass die PKK einen neuen Bürgerkrieg begonnen hat, mit Strassenkämpfen im Südosten. Das führt zu nichts. Wir müssen Druck auf beide Seiten ausüben, sie sollten eine friedliche Lösung finden. Nicht nur für die kurdische Frage, für alles.

Sie sind in einem kurdischen Dorf aufgewachsen, haben Türkisch in der Schule gelernt. Was bedeutet es für Sie, Kurde zu sein?
Wenn wir als Kinder Soldaten auf der Strasse gesehen haben, dann haben wir uns gegenseitig gewarnt, leise zu reden, oder wir haben uns besonders laut angeschrien, auf Türkisch natürlich. Wirklich Angst aber hatte ich nicht. Erst später als Jugendlicher habe ich mich gefragt, warum darf ich meine Muttersprache eigentlich nicht sprechen. Dann sagt man sich, ich muss gegen diese Unterdrückung kämpfen, nicht weil ich Kurde bin, sondern weil es ein Menschenrecht ist, die eigene Sprache zu sprechen. Ich würde genauso das Recht eines Türken in Westeuropa verteidigen oder eines syrischen Migranten in England, seine Sprache zu sprechen.

Sie wurden in den 90er-Jahren von Sicherheitskräften misshandelt, und Sie leben immer noch in Istanbul. Haben Sie keine Angst?
Natürlich bin ich sehr beunruhigt, meinetwegen, wegen der Menschen, die ich liebe, wegen meines Landes. Aber deshalb sage ich mir auch, ich muss etwas tun, und eigentlich müsste ich noch mehr tun. Ich habe jüngst einen Brief an die Abgeordneten des Parlaments unterzeichnet, zusammen mit 170 Intellektuellen, gegen die türkische Militäroperation in Afrin. Wir wurden danach zu Verrätern erklärt, Recep Tayyip Erdogan hat uns zur Zielscheibe gemacht. Ich erhielt Todesdrohungen. In den 90er-Jahren kamen sie, um mich zu töten. Ich habe danach zehn Jahre im Exil verbracht, und ich bin als neuer Mensch zurückgekehrt – dorthin, wo man mich als toten Mann liegen gelassen hat. Das Leben geht weiter, und man sieht erst, wer gewinnt, wenn der Film zu Ende ist.

Der Roman lässt offen, in welcher Zeit er spielt. Häftlinge wie der deutsche Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner haben nach ihrer Entlassung auch solche unterirdischen Zellen beschrieben. Wussten Sie, dass es die gibt, sogar unter dem Justizpalast?
Ich beschreibe meine Erfahrungen aus den 80er-Jahren, als ich Student war. Damals war das Polizeihauptquartier noch an einer anderen Stelle, aber auch da gab es diese Zellen unter der Erde. Womöglich wissen die Verantwortlichen, dass das, was sie tun, böse ist. So tun sie es lieber in der Dunkelheit, nicht im lichtdurchfluteten obersten Stockwerk eines Gebäudes. Wenn du unter der Erde bist, verlierst du jeden Sinn für Raum und Zeit. Ich habe eine Zeichnung des Zellentraktes, in dem ich war, an den Anfang meines Buchs gestellt und die Zeichnung anderen gezeigt, die auch dort waren. Jeder hatte eine andere Erinnerung. Der eine sagte, Zelle Nummer 46 war nicht dort, die war an der Ecke, ein anderer wiederum meinte, nein, die war da nicht.

«Die Eskalation dient dazu,  die Menschen  ruhig zu halten.»

Die Häftlinge im Kerker, von denen man nicht weiss, was ihnen vorgeworfen wird, schwärmen von der Stadt oben, von Istanbul. Sie träumen sich in die Stadt am Bosporus, die in ihrer Abwesenheit ihre «quicklebendige Existenz in Saus und Braus» fortsetzt. Istanbul – immer noch ein grosses Fest?
Ich bin das erste Mal mit 17 Jahren nach Istanbul gekommen, aber die Stadt hatte sich mir schon aus Filmen, Liedern und Romanen tief eingeprägt. Sie hat sich besonders in den letzten 60 Jahren dramatisch verändert. Interessanterweise haben vor allem konservative Parteien immer wieder stark in die historische Bausubstanz eingegriffen. Und Leute wie ich, die sich als progressiv bezeichnen und als verwestlicht gelten, wir kämpfen für ihre Bewahrung. So gibt es sogar einige Linke, die sagen, wir sind die wahren Konservativen, was die Rettung Istanbuls betrifft. Wir dürfen diese Stadt nicht zerstören. Aber der einzige Weg dazu ist, sie den konservativen Politikern und den grossen Konzernen wieder wegzunehmen. Denn grosse finanzielle Interessen und eine konservative Politik gehen in der Türkei Hand in Hand.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 20:35 Uhr

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Burhan Sönmez
Der 53-jährige Schriftsteller wuchs in einem kurdischen Dorf auf und arbeitete in den 90er-Jahren als Anwalt. Sein Roman «Istanbul Istanbul» ist im Verlag btb erschienen.

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