Hinter dem Zaun kippt die Stimmung

Europa beginnt in Nordafrika, in der spanischen Exklave Ceuta. Bislang reagieren die Einwohner freundlich auf junge Afrikaner. Doch die Verunsicherung wächst.

Lange zerstreuten sich Polizei und Asylbewerber zusammen beim Sport – nun sind die Spielfelder besetzt. Foto: Jesus Moron (Reuters)

Lange zerstreuten sich Polizei und Asylbewerber zusammen beim Sport – nun sind die Spielfelder besetzt. Foto: Jesus Moron (Reuters)

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Auf der Plakatwand am Fremdenverkehrsamt gleich neben der alten Festung prangen ein Kreuz, ein Halbmond, ein Davidstern und mehrere hinduistische Sanskritzeichen. «Wir sind die Stadt der vier Religionen, die hier friedlich miteinander leben», diesen Satz wiederholen Lokalpolitiker und die Lokalpresse bei jeder Gelegenheit.

Dass die spanische Exklave am Nordrand Afrikas gegenüber von Gibraltar nun in den Fokus der europäischen Politik geraten ist – im ­Alltag ist dies nicht zu spüren. Jedermann, vom Kioskbesitzer bis zum Bürgermeister, betont: «Die Subsaharianos stören uns nicht!» Gemeint sind die Afrikaner aus den Ländern südlich der Sahara, denen es gelungen ist, den sechs Meter hohen Grenzzaun zu überwinden.

Allerdings ist die Spannung, die über der 85’000 Einwohner zählenden Stadt liegt, durchaus in den Amtsstuben zu spüren. Es herrscht grosse Unsicherheit, seitdem vor zwei Monaten eine neue Regierung in Madrid angetreten ist, die als Erstes verkündete, sie werde die scharfen Stahlklingen an den Grenzzäunen entfernen lassen. Jeder Regierungswechsel in Spanien bedeutet die Versetzung oder gar Ablösung Hunderter Beamter, die direkt Madrid unterstehen. Ceuta gehört dazu. Also möchte niemand seinen Namen mit kritischen Bemerkungen in der Presse stehen sehen.

Steine und Flammenwerfer

Dafür nehmen die Kommentatoren der beiden Lokalzeitungen kein Blatt vor den Mund. Es sei grundsätzlich falsch, wenn Madrid nun den Rückbau der Grenzzäune ankündige. Dann sei die Grenztruppe nicht mehr in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Ereignisse vom letzten Donnerstag im Juli drohen die Stimmung in Ceuta kippen zu lassen. Bislang reagierten die meisten Einwohner freundlich auf die jungen Afrikaner, die kleine Dienstleistungen anbieten, vom Einwinken in die Parklücke bis zum Verstauen der Einkaufs­taschen; meistens gab es ein bis zwei Euro dafür.

Video: Migranten in Ceuta

700 Flüchtlinge überwinden den Grenzzaun. Video: Reuters.

Doch seit an jenem Donnerstag mehrere Hundert junge Afrikaner von der marokkanischen ­Seite aus die Grenzschützer mit Steinen, Molotowcocktails und selbst gebauten Flammenwerfern angriffen, herrscht Verunsicherung. Das Lokalfernsehen zeigte immer wieder Bilder von dieser Schlacht am Grenzzaun.

Auch im Sammellager für die Asylbewerber auf einer Anhöhe ganz im Westen der Stadt herrscht gespannte Stimmung. Auf dem Sportplatz stehen Zelte, die Wohneinheiten in Holzhäusern sind überbelegt. Einer der Wachposten berichtet von Schlägereien unter den jungen Männern: «Sie haben nichts mehr, um sich abzureagieren.» Bislang bestimmte Sport den ­Alltag, jedes Wochenende gab es Fussball- und Basketball­turniere, an denen sich auch die Guardia Civil, die für den Grenzschutz zuständige nationale Polizei, beteiligte. Doch nun sind die Spielfelder belegt.

«Es ist nicht Rassismus, wenn hier das Unbehagen wächst.»Teilnehmer einer Fernsehdiskussion

Das Profil der Ankömmlinge aus Afrika hat sich im Prinzip in den vergangenen Jahren nicht geändert, wie die Auswertung der Fragebögen ergibt: Zwar wissen die meisten, dass politische Verfolgung ein entscheidender Grund ist, um als Flüchtling anerkannt zu werden. Doch auf detaillierte Befragungen durch die spanischen Spezialisten sind sie nicht vorbereitet; schnell kommt heraus, dass die meisten auswendig gelernte Geschichten vorbringen. Unter den Vertretern der Behörden herrscht Einigkeit, dass nur ein Bruchteil Chancen auf politisches Asyl hat.

Auch die lokalen Medien berichten immer wieder darüber. «Es ist nicht Rassismus, wenn hier das Unbehagen wächst», sagt der Teilnehmer einer Fernsehdiskussion. Er weist darauf hin, dass die islamischen Gemeinden von Ceuta gern und grosszügig den Kriegsflüchtlingen aus Syrien helfen, die es über Marokko bis hierher geschafft haben. Doch über die Subsaharianos sagt er: «Es sind keine Menschen in Not, die hier ankommen.»

Das Pepe-Syndrom

Nach dem Freitagsgebet in der Sidi-Sebta-Moschee am Nordstrand von Ceuta unterhält sich ein älterer Mann auf Französisch mit mehreren jungen Männern aus dem islamisch geprägten Norden Kameruns. Er sagt ihnen: «Allah hat jedem sein Land gegeben, es ist nicht richtig, dass ihr es verlassen habt.»

Die spanischen Experten haben festgestellt, dass die jungen Afrikaner glauben, mit dem Sprung über den Zaun, den sie auch als Mutprobe ansehen, seien alle ihre Probleme gelöst. Sie sähen in Europa ein Paradies und verdrängten alle Berichte darüber, dass auf sie Ausbeutung und rassistische Demütigung warten.

Spanische Soziologen reden vom Pepe-Syndrom. «Pepe, komm nach Deutschland!» ist ein Spielfilm von 1972, der unter spanischen Gastarbeitern in München spielt. Sie müssen bis zur Erschöpfung schuften, werden von den Deutschen schlecht bezahlt und herablassend behandelt – doch ihren Angehörigen zu Hause berichten sie, dass sie wie im Paradies leben. Ein Offizier der Guardia Civil meint, es habe keinen Zweck, mit ihnen darüber zu reden, dass in Europa niemand auf sie warte: «Keiner von ihnen will das glauben.»

Neuerdings melden marokkanische Stellen, dass immer mehr Subsaharianos mit dem Flugzeug nach Casablanca kommen, um von dort die Überfahrt über das Meer oder den Sprung über den Zaun in Angriff zu nehmen. Der Leitartikler der Lokalzeitung rechnet damit, dass in wenigen Wochen die Zahl der Ankömmlinge aus Afrika wieder stark zurückgeht. Die Regierung in Madrid werde es sich angesichts ihrer hauchdünnen Mehrheit im Parlament nicht leisten können, die Grenzanlagen zurückzubauen. Und das Meer sei im Herbst so stürmisch, dass niemand die Überfahrt wagen könne.

Marokko will nicht länger Musterschüler sein

Der Nervenkrieg um die aus der Seenot geretteten Migranten wird zum Dauerzustand: Seit Freitag kreuzt das Rettungsschiff Aquarius im südlichen ­Mittelmeer, mit 141 Migranten an Bord, die es vor Libyen auf­genommen hatte. Doch Italien sperrt seine Häfen.

Schon im Juni hatte Italien dem gleichen Schiff untersagt anzulanden. Erst nach langer Irrfahrt konnten die Migranten in Valencia von Bord gehen, nachdem sich Spanien zur Aufnahme bereit erklärt hatte. Doch auch die neue sozialistische Regierung in Madrid rückt inzwischen von ihrer vor zwei Monaten verkündeten «Willkommenskultur» ab. Spanische Häfen blieben vorerst für die Aquarius geschlossen, das unter spanischer Flagge fahrende private Rettungsschiff Open Arms hingegen darf nicht aus dem Hafen von Algeciras auslaufen. Die Behörden gaben an, die Papiere der Besatzung überprüfen zu wollen, die vergangene Woche 87 vor Libyen aufgenommene afrikanische Migranten in den Hafen gebracht hatte.

2018 kamen bisher rund
26 000 Menschen in Ceuta an.

Die Gegend um Algeciras gerät jedoch vor allem aus anderen Gründen zunehmend in den Fokus der Migrationsdebatte: Hier endet die sogenannte westliche Mittelmeerroute über die teilweise nur 14 Kilometer breite Meerenge von Gibraltar, die immer stärker von Migranten genutzt wird. Schleuser verlangen hier für die Plätze in den überfüllten Schlauchbooten zwar deutlich mehr als in Libyen – bis zu 3700 Dollar –, dennoch kamen 2018 bisher etwa 26 000 Menschen hier an. Spanien ist damit das Zielland Nummer eins in Europa. Und Tausende Migranten warten an der Grenze zu Ceuta, hoffen, über den Zaun in die auf afrikanischem Boden liegende spanische Exklave zu gelangen.

Die Opposition und inner­parteiliche Gegner beschuldigen Spaniens Premierminister Pedro Sánchez, diesen Anstieg mitausgelöst zu haben. Er hatte angekündigt, dass bis zu ihrer Abschiebung geduldete Migranten ins staatliche Gesundheitssystem aufgenommen würden. Die andalusische Regionalregierung in Sevilla protestierte, man habe für so etwas keine ­Mittel. Und Madrider Medien wiesen darauf hin, dass sich in Westafrika nun die Information verbreite, Spanien biete allen Migranten kostenlose medizinische Behandlung an.

Feilschen um besseren Deal

Dass Marokko schon unter Sánchez’ Vorgänger Mariano ­Rajoy dabei war, Libyen als wichtigsten Startpunkt in Richtung Europa abzulösen, geht in dieser Diskussion unter. Das Königreich auf der anderen Seite der Meerenge von Gibraltar galt der EU lange als Musterschüler im Kampf gegen die illegale Migration: Schon vor zwölf Jahren hatte Rabat mit Madrid erste Abkommen geschlossen. Für die Rücknahme von Flüchtlingen und bessere Kontrollen der eigenen Grenzen kassierte das Land in den vergangenen zehn Jahren etwa 100 Millionen Euro Hilfsgelder – doch diese Zusammenarbeit klappte zuletzt nicht mehr so gut.

Afrikanische Migranten flüchten von Marokko in die spanische Enklave. Bild: Reuters.

Marokko scheint zunehmend unzufrieden: Zum einen hat der milliardenschwere Flüchtlingsdeal der EU mit der Türkei gezeigt, dass Europa im Zweifelsfall deutlich mehr zu zahlen bereit ist als die 55 Millionen Euro, die Brüssel jüngst Marokko und Tunesien für den Grenzschutz bewilligte. Diese Summe entspreche «nicht unseren Anstrengungen und Opfern», sagte ein Regierungssprecher in Rabat. Gleichzeitig hegen Beobachter den Verdacht, dass Marokko die Flüchtlingsfrage nutzen will, um politische Zugeständnisse in anderen Bereichen zu erzwingen.

Italiens Transportminister brachte derweil einen ganz ­neuen Vorschlag in den Streit um die Migration im Mittelmeer ein: Danilo Toninelli von den Cinque Stelle forderte, Grossbritannien solle die Flüchtlinge von der Aquarius aufnehmen. Das Schiff fahre unter der Flagge Gibraltars, deshalb solle es das britische Überseegebiet anlaufen.

Am Dienstagnachmittag dann die internationale Lösung: Die Migranten werden auf Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Portugal und Spanien verteilt, die Aquarius durfte deshalb auf Malta anlegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2018, 22:40 Uhr

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