Hier ist das Italien jenseits von Matteo Salvini

Millionen von Menschen engagieren sich freiwillig für Arme und Flüchtlinge. Zum Beispiel in der Gemeinschaft von Sant’Egidio.

Wider den polternden Zeitgeist: Eine von Sant’Egidio organisierte Weihnachtsfeier für Bedürftige in der Basilica Santa Maria in Rom. Foto: Matteo Nardone (Imago, Pacific Press Agency)

Wider den polternden Zeitgeist: Eine von Sant’Egidio organisierte Weihnachtsfeier für Bedürftige in der Basilica Santa Maria in Rom. Foto: Matteo Nardone (Imago, Pacific Press Agency)

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Es gibt auch ein liebliches, leises Italien. Ein Italien jenseits der groben Parolen, der geschlossenen Häfen und hart gewordenen Herzen. Ein Italien jenseits von Matteo Salvini, dem rechten Aufsteiger, und seinen Anhängern. Man ­findet es zum Beispiel in dieser umgebauten Wäscherei des früheren Krankenhauses San Gallicano, einem pavillonartigen Gebäude im römischen Altstadtviertel Trastevere. Ein Donnerstagabend, kurz vor Weihnachten, draussen misst man wohlige 15 Grad. 

Doch das Paar aus Mali, das sich bei der bunt bemalten Weltkarte im Eingang für den Italienischkurs der katholischen Laiengemeinschaft von Sant’Egidio anmeldet, die hier ihre Sprachschule betreibt, ist dick eingepackt in Winterkleider. Der Mann trägt eine Wollmütze und einen beigen Lodenmantel, die ihm die Gemeinschaft gegeben hat, die Frau hat sich in eine Daunenjacke gehüllt. Es ist alles etwas zu weit geschnitten, aber das kümmert niemanden. In der Warteschlange im Eingang stehen auch Menschen aus Ecuador, Moldawien, Syrien, dem Irak, Eritrea, Brasilien, dem Sudan, Somalia, Bangladesh, Nigeria. Die alte Wäscherei ist eine Hoffnungszentrale. 

Italien braucht Zuwanderung

«Die ganze Welt ist da», sagt Daniela Pompei. 1700 Schüler, 120 Nationalitäten. «Ist das nicht toll?» Pompei ist Römerin, 59 Jahre alt, Dozentin für Sozialwissenschaften. Ihre Freizeit schenkt sie Sant’Egidio, sie ist für alle Fragen rund um die Migration zuständig. Sie organisiert die «humanitären Korridore» für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Eritrea, die Aufnahme und Versorgung der Menschen. Die italienischen Zeitungen interviewen Pompei immer dann, wenn sie erfahren wollen, wie das mit der Integration eigentlich läuft, ganz praktisch. Neuerdings fragen sie sie auch, was sie vom Immigrationsgesetz der neuen Regierung hält. Von Salvinis Gesetz. Es schafft das humanitäre Bleiberecht ab, das bisher Zehntausenden Schutz bot. Es beschneidet die Rechte der Migranten, erhöht die Zeit ihrer Verwahrung in Lagern, kürzt das Tagesgeld für die, die bleiben dürfen. 

Das ganze Wesen der neuen Norm – es läuft alledem zuwider, was Pompei für richtig hält. Sie könnte laut klagen, sagt aber nur sanft: «Das ist ein schwieriger Moment.» 

Sie wolle nicht ideologisch werden. Es sei jetzt wichtig, dass man mit der Realität argumentiere, mit Daten jenseits der Propaganda. «Italien braucht ja dringend Zuwanderung», sagt sie. Der Saldo von Ein- und Auswanderung sei seit sechs, sieben Jahren schon negativ. Seit Salvini die Grenzen ganz verriegelt hat, kommt fast niemand mehr nach Italien. Allein für die Betreuung betagter und kranker Italiener, sagt Pompei, wären aber mindestens 50'000 Zuwanderer nötig. Sofort. «Und die Unternehmer im Norden gehen direkt in die Aufnahmezentren für Migranten, um dort ihre Arbeitskräfte zu rekrutieren.» Bisher ging das recht gut, denn Menschen mit humanitärer Aufenthaltsbewilligung durften arbeiten. «Nun aber rutschen viele per Gesetz in die Illegalität ab und enden auf der Strasse.» Zehntausende.    

«Viele Migranten rutschen nun in die Illegalität ab und enden auf der Strasse.»Daniela Pompei, Helferin

Gleich beginnen die Kurse. Die Lehrer unterrichten freiwillig, ohne Lohn, auch sonntags. Manche sind auch im Berufsleben Lehrer, andere haben sich dazu ausbilden lassen. Sant’Egidio hat ein Lehrmittel für Erwachsenenbildung geschaffen. «Italiano per amico», Italienisch zum Freund, vom Anfängerkurs bis zum literarisch durchsetzten Fortgeschrittenenprogramm in drei Volumen, ist schon über 150'000-mal gedruckt worden. 

Im grossen Zimmer links neben der Weltkarte sitzen jetzt 30 junge Menschen, niemand ist älter als 25. «Naso», wirft Assad aus der hintersten Reihe ein, Nase, als der Lehrer nach Körperteilen fragt, die bei der Erkältung eine Rolle spielen. Hals und Nacken sind nicht dasselbe? Es wird viel gelacht, da und dort liegt ein Handy auf dem Tisch, was den Lehrer ärgert. Aber alle wollen diesen Ausweis, den es am Ende des Kurses geben wird, im Juni dann. «Das Verlangen dieser Menschen nach Wissen und Bildung ist riesig», sagt Daniela Pompei. Das Zertifikat ist ein Zutrittsticket zur Gastgesellschaft, eine Empfehlung für einen Arbeitsplatz. Gratis, ohne Hilfe vom Staat. 

Die Comunità di Sant’Egidio ist eine von vielen humanitären Freiwilligenorganisationen, die mit ihrem Werk die Defizite des italienischen Staates kompensieren, überall da, wo es das braucht: bei der Versorgung von Obdachlosen und Armen, von Erdbeben- und Überschwemmungsopfern, von Flüchtlingen ohne Häfen und Schutz. 5,5 Millionen Italiener sind in solchen Vereinen und Gemeinschaften aktiv. Im Durchschnitt dient jeder von ihnen pro Woche drei Stunden einer gemeinnützigen Sache. Der «Corriere della Sera» rechnete kürzlich vor, wie viel der Staat so an Sozialkosten spart: 8,5 Milliarden Euro im Jahr. Sant’Egidio ist eine besonders berühmte und angesehene Einrichtung des «volontariato». 

Basisgemeinschaft zählt 60'000 Mitglieder

Gegründet wurde sie vor genau fünfzig Jahren von einigen römischen Gymnasiasten um Andrea Riccardi, der damals, im revolutionär beschwingten Jahr 1968, 18 war. Ein junger, gläubiger Mann mit einem drängenden Gerechtigkeitssinn. Es begann mit Nachhilfestunden für Kinder in den Baracken der armen römischen Vorstädte, heute zählt die Basisgemeinschaft 60'000 Mitglieder und ist in über siebzig Ländern aktiv, auch in der Schweiz: in Zürich und Lausanne.  

Ihr Energiezentrum aber bleibt Trastevere, das Ausgehviertel der Römer mit seinen Bars und Bohemians, den vielen Studenten und Intellektuellen. Ihre grosse Gassenküche befindet sich an der Via Dandolo, dazu eine Sammelstelle für Kleider. In der Trattoria degli Amici kochen und bedienen behinderte Menschen, betreut von Sant’Egidio. In der Basilika Santa Maria in Trastevere beten die Mitglieder der Comunità für Weltfrieden und die Abschaffung der Todesstrafe. Jeden Abend, 20.30 Uhr.

Sant’Egidio heisst die Gemeinschaft deshalb, weil die Kirche beim alten Karmeliterkloster in Trastevere so heisst, und dort fing alles an. Das verlassene Kloster wurde renoviert und der Comunità anvertraut, sie hat darin ihren Sitz. Im Hofgarten mit den vier Bananenbäumen, die jetzt traurig in winterkahler Umgebung stehen, wurde einst Frieden für Moçambique gefunden, wider Erwarten. Riccardi hatte die Kriegsparteien nach Rom eingeladen, und sie kamen immer wieder: zwei Jahre lang hin und her, bis sie sich 1992 einigten. «Wir vertraten keine politischen und wirtschaftlichen Interessen», sagt Riccardi. «Wir hatten weder Geld noch eine Armee.» Die Gemeinschaft bot den Rahmen, damit sich die Feinde auf neutralem Boden kennen lernen konnten, unter den Bananenbäumen. Seither nennen die Medien Sant’Egidio auch «UNO von Trastevere». Die Paralleldiplomatie machte die Gemeinschaft weltbekannt. Sant’Egidio missioniert nicht, sie vermittelt nur. Darin liegt ihr Charisma.

Alarmiert – von der Regierung 

Riccardi sitzt auf einem Stuhl im Empfangszimmer, vornübergebeugt, die Hände gefaltet. Das bequeme Sofa überlässt er dem Gast, er trägt graue Sportschuhe zum Sakko. «Wir wollen niemandem unsere Religion aufdrängen», sagt er. Doch Religion sei immer ein zentraler Faktor. «Religion kann Wasser sein auf dem Feuer des Kriegs, es kann aber auch wie Benzin wirken.» Riccardi ist 68, er redet salbungsvoll wie ein Priester, ist aber keiner. An den Wänden hängt die Anerkennung der Welt in Form von Urkunden. Er ist Träger des Aachener Karlspreises. Von 2011 bis 2013 war er italienischer Minister für Integration und internationale Zusammenarbeit. Wenn ausländische Staatsgäste nach Italien kommen, besuchen viele von ihnen nach dem Präsidenten, dem Premier und dem Papst auch Andrea Riccardi. Angela Merkel war auch da.

«Viele Italiener», sagt Riccardi, «haben Angst vor der Zukunft und dem Fremden.» Sie hätten sich immer schon leicht beeindrucken lassen von Regierungen, die Alarm schlagen und Ängste schüren. 

Wie das Salvini tut und auf der Welle des Hasses surft. So würde das Riccardi nie sagen, er dosiert seine Worte mit Bedacht. Es könnte ja sein, dass der Innenminister die schöne Tradition der humanitären Korridore, die Sant’Egidio zusammen mit den evangelischen Gemeinden und der italienischen Bischofskonferenz betreibt, plötzlich verbietet. In den letzten zwei Jahren sind auf diesem Weg 2900 Menschen aus Syrien, dem Irak und Eritrea gekommen, vor allem bedürftige Familien. Alles bezahlt mit Spenden: Flüge, Logistik, Vermittlung. Es gibt Protokolle, die die Korridore regeln. Bisher hat Salvini keine Anstalten gemacht, sie aufzukündigen. Vielleicht liegt das auch an den Zahlen, sie sind relativ klein. 

Aber mit der katholischen Welt hat Salvini seine grössten Kämpfe, sie ist seine einzige wirkliche Opposition. Obschon er damit hausiert, dass er ständig einen Rosenkranz bei sich trägt, nimmt ihm die Frömmigkeit niemand ab. In den kirchennahen Medien wird er regelmässig dazu aufgefordert, von der aggressiven Sprache zu lassen, von der Hetze gegen die Schwächsten, gegen die Roma und die Flüchtlinge. «Famiglia Cristiana» etwa, das katholische Magazin, hob den Minister vor einigen Monaten auf sein Cover – der Titel dazu: «Vade retro Salvini.» Es war eine Variation des Verses aus dem Evangelium: «Weiche, Satan.» Der Teufel im Minister, das gab viel zu reden. Salvini antwortete, wie er das immer tut: mit Häme.

«Italien braucht mehr Sant’Egidio», sagt Andrea Riccardi, «mehr Gemeinschaft, mehr Miteinander.» Doch dieses grosse Miteinander passt gerade nicht so gut zum polternden Zeitgeist. 

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 26.12.2018, 20:04 Uhr

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