Goodbye, Gysi!

Mit dem Abgang des legendären Fraktionsvorsitzenden der Linken verschwindet ein letztes Stück DDR. Wehmut muss deswegen nicht aufkommen.

Sein Weg nach Westen war lang: Gregor Gysi als Fraktionsvorsitzender der PDS 1998. Foto: Olaf Jandke (Keystone)

Sein Weg nach Westen war lang: Gregor Gysi als Fraktionsvorsitzender der PDS 1998. Foto: Olaf Jandke (Keystone)

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Gregor Gysi kam, als die Mauer fiel. Es war ein ungünstiger Augenblick, um als Kommunist eine politische Karriere zu starten. Gysi gelang dieses Kunststück, obwohl er zum inneren Zirkel der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gehörte. Den Zusammenbruch der ostdeutschen Diktatur überlebte er unbeschadet. Mehr noch: Er wurde zu einem Medienstar der deutschen Wende.

Auch aus dem wiedervereinigten Deutschland war er bald nicht mehr wegzudenken. So wenig wie Angela Merkel und Joachim Gauck, die beiden anderen grossen Ostdeutschen in der Politik. Mit dem Unterschied, dass Gysi für jenen Teil des DDR-Erbes stand, den der demokratische Westen gerne ausgeschlagen hätte. Doch seit 1989 war Gysi immer da, er ist Die Linke – Die Linke ist Gysi. Bis er eben am Sonntag unter Tränen seinen Abschied als Fraktionschef seiner Partei bekannt gab.

In kaum einem anderen ehemaligen sowjetischen Satellitenstaat haben die Kommunisten politisch so gut überlebt wie in Deutschland. Auch dank dem Instinkt Gregor Gysis. Er erkannte immer, wann er seine linke Position neu justieren musste, um nicht ins Abseits zu geraten. Seit 1967 war er Mitglied der SED, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands.

Sein Vater war ein ehemaliger kommunistischer Widerstandskämpfer im Dritten Reich und später DDR-Botschafter sowie -Kulturminister. Seine Mutter arbeitete im Ministerium des Vaters – Gregor wurde ins Regime hineingeboren. Er machte eine Lehre als Facharbeiter für Rinderzucht, dann studierte er Recht. So gehörte sich das für einen Intellektuellen im deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat. Ab 1971 praktizierte er als einer der wenigen freien Anwälte der DDR und verteidigte auch Systemkritiker und Ausreisewillige.

Gysi vs. Notar

Umstritten ist, ob Gysi die Oppositionellen gleichzeitig bespitzelt hat. Er bestreitet, als Informeller Mitarbeiter (IM) im Dienst der Stasi gestanden zu haben. Doch der Vorwurf hält sich hartnäckig, dass Gysi unter den Decknamen «Notar» und «Gregor» Informationen ans Ministerium für Staatssicherheit weitergegeben habe zur «möglichst wirksamen Unterdrückung der demokratischen Opposition in der DDR». Dies stellte der Immunitätsausschuss des Deutschen Bundestags fest. Gysi widersprach vehement: «Ich habe zu keinem Zeitpunkt inoffiziell mit der Stasi zusammengearbeitet.» Ganz Anwalt zog er vor Gericht und erwirkte zum Beispiel, dass der «Spiegel» nicht mehr schreiben darf, er sei «IM Notar» gewesen. Gemäss dem Nachrichtenmagazin ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft aber weiterhin in der Sache Gysi vs. «Notar». Auch mit der ARD und dem ZDF liegt der Linke-Politiker im Clinch wegen Dokumentarfilmen über seine Vergangenheit.

Jedenfalls glaubte er an die Zukunft der DDR. Bis fast zuletzt: Er reiste noch im September 1989 nach Prag, wo er ostdeutsche Flüchtlinge in der Botschaft der Bundesrepublik zur Heimkehr bewegen wollte – ein unrealistischen Unterfangen. Als die Montagsdemonstrationen in Leipzig, Dresden und dann auch in Ostberlin immer grösser wurden, dämmerte es auch Gysi.

Geschickt manövrierte der begabte Redner nun zwischen der alten Führung und der neuen Opposition. Am 4. November 1989 sprach er vor einer halben Million Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz und forderte demokratische Wahlen: «Jeder Machtmissbrauch muss ausgeschlossen oder zumindest streng geahndet werden.» Um nur fünf Wochen später, also nach dem Mauerfall, über die Stasi zu sagen: «Wir wissen, dass viele Genossen dieses Ministeriums stets pflichtbewusst und ehrlich die ihnen erteilten Aufträge, die sie sich nicht aussuchen konnten, erfüllt haben.» Diesmal waren seine Zuhörer nicht Demonstranten auf der Strasse, sondern SED-Funktionäre in der Dynamo-Sporthalle in Berlin-Hohenschönhausen. Ganz in der Nähe lag das grösste Stasi-Gefängnis, in dem politische Gefangene inhaftiert und gefoltert wurden. Bis 1989.

Es war der letzte Parteitag der SED. Doch Gysi verhinderte, dass sich die Staatspartei auflöste: Er verpasste ihr eine demokratische Pinselrenovation, indem er sie in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) unbenannte. Goodbye, Lenin! Gysi impfte seinen Genossen Respekt für den Rechtsstaat ein. Parteivermögen und -jobs wurden gerettet, die PDS erhielt ein stabiles Rückgrat. Gysi war bis 1993 ihr Vorsitzender.

2005 wurde aus der PDS die Linkspartei und zwei Jahre später Die Linke. Aushängeschild der SED-PDS-Linkspartei-Linke blieb Gregor Gysi. Weiterhin agil wandelte er sich als Chef der Bundestagsfraktion zum linken Pragmatiker. Gerne wäre er noch Minister geworden in einer rot-rot-grünen Regierung, um seine deutsch-deutsche Karriere zu krönen. Danach sieht es nicht mehr aus, nicht nur, weil Gysi drei Herzinfarkte, einen Hörsturz und eine Hirnoperation hinter sich hat.

Ebenso setzt ihm Parteikollegin Sahra Wagenknecht zu, die Gegenspielerin links von ihm. Permanent beschimpft sie die SPD, den für ein Ministeramt benötigten Koalitionspartner. Die frühere Stalinistin zählt zu den treuen Freunden Wladimir Putins. Auf dem Parteitag in Bielefeld dozierte sie über «ukrainische Nazis», die Sanktionen gegen Russland bezeichnete sie als Wirtschaftskrieg, für die Annexion der Krim zeigte sie Verständnis. Gysi dagegen forderte «die Wiederherstellung des Selbstbestimmungsrechts des ukrainischen Volkes». Wagenknecht erwähnte er nicht. Dafür entschuldigte er sich bei Familie und Freunden, zu wenig Zeit mit ihnen verbracht zu haben. Doch Gregor Gysis Weg nach Westen war eben lang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2015, 20:44 Uhr

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