General und Geissler, Schlichter und Denker

Heiner Geissler war einer der streitlustigsten Politiker Deutschlands. Erst wetterte er gegen den Sozialismus, später gegen den Kapitalismus. Nun ist er 87-jährig gestorben.

Heiner Geissler auf dem CDU-Bundesparteitag 1999 in Erfurt. Foto: Michael Jung (Keystone)

Heiner Geissler auf dem CDU-Bundesparteitag 1999 in Erfurt. Foto: Michael Jung (Keystone)

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Von den deutschen Politikern, die in ihrem Leben nie Kanzler, Bundespräsident oder wenigstens Parteivorsitzende waren, war Heiner Geissler vielleicht der, der das Land am stärksten beeinflusst und geprägt hat. Kanzlerin Angela Merkel rühmte ihn am Dienstag als «intellektuell herausragend, rhetorisch brillant, streitbar, selbstbewusst und immer den Menschen zugewandt». Politiker aller Parteien pflichteten ihrem Urteil bei.

Generalsekretär von Helmut Kohls CDU, das war die Rolle seines Lebens als Politiker gewesen: Zwölf Jahre lang, von 1977 bis 1989, stand Geissler als «General» den Christdemokraten vor, länger als irgendjemand vor oder nach ihm. Geissler sah seinen Platz dabei eher neben als unter dem Vorsitzenden und späteren Kanzler, der ihn für die Politik entdeckt hatte. Seine Unabhängigkeit zeigte sich zuletzt darin, dass er 1989 ein Komplott schmiedete, um Kohl als CDU-Vorsitzenden abzusetzen. Der Machtkampf endete damit, dass Kohl sich behauptete und Geissler sein Amt verlor.

Davor hatte Geissler mit seiner scharfen Zunge zwölf Jahre lang die Bundesrepublik polarisiert wie sonst nur der Bayer Franz Josef Strauss oder der Sozialist Herbert Wehner. Hemmungs- und masslos schimpfte er gegen die Sozialdemokraten, die er im Streit um die Aufrüstungspolitik der 80-er Jahre als «fünfte Kolonne Moskaus» diffamierte. Der Pazifismus von Roten und Grünen sei derselbe, der in den 30er-Jahren Auschwitz überhaupt erst möglich gemacht habe. Der ehemalige SPD-Kanzler Willy Brandt geriet ob solcher Ausfälle derart ausser sich, dass er Geissler den «schlimmsten Hetzer» nannte, den Deutschland seit Joseph Goebbels gekannt habe.

Fortschrittlicher als die Partei

Geissler konnte freilich nicht nur Demagogie, mindestens ebenso fiel er dadurch auf, dass er den verstaubten Kanzlerwahlverein CDU fast im Alleingang programmatisch modernisierte: In der Sozial- und Frauenpolitik, bei Einwanderung oder Ökologie dachte er fortschrittlicher als fast alle in seiner Partei. Als junger Mann war Geissler einst in den Jesuitenorden eingetreten und wollte Missionar werden. Diesen Wunsch gab er zwar auf, dennoch sollte die katholische Soziallehre der Dreh- und Angelpunkt seiner politischen Überzeugungen bleiben.

Das wurde in Geisslers zweiter Karriere überdeutlich. In dem Mass, wie er nach seinem Sturz in Partei und Bundestag an Einfluss verlor, gewann er ihn als politischer Freigeist dazu. Er schrieb Bestseller und sorgte in TV-Diskussionen für Furore, viele Unternehmen zogen den weisen «Meister Yoda» als Schlichter hinzu, wenn sich Management und Belegschaft in Arbeitskämpfen heillos zerstritten hatten. 2010/2011 gelang es ihm sogar, die Schlacht um das Bahnhofsprojekt «Stuttgart 21» halbwegs zu befrieden.

Am verblüffendsten war freilich, wie Geissler mit zunehmenden Alter die Auswüchse des Kapitalismus zu geisseln begann. Geld, Gier und Geiz, «neoliberale Irrlehre» und «Marktradikalismus» seien Feinde der Menschen und der Demokratie. Das real existierende Wirtschaftssystem nannte er «krank, unsittlich und ökonomisch falsch». 2007 trat er der globalisierungskritischen Organisation Attac bei, die Agenda-Reformen der SPD verurteilte er als unverzeihlichen Verrat an deren Idealen. Ebenso vehement trat er für eine multikulturelle Gesellschaft und eine humanere Flüchtlingspolitik ein.

Ein Freund der Schweiz

Wie der Pfälzer Kohl war auch der Schwabe Geissler zeitlebens ein Freund der Schweiz. Wie jener bedauerte er einzig, dass sie sich politisch isolierte, statt in Europa ihre Stärken einzubringen. Geissler war verheiratet, hatte drei Kinder und führte auch abseits der Politik ein aussergewöhnlich aktives Leben. Er war Bergsteiger und Kletterer, fuhr Ski und flog mit dem Gleitschirm. 1992 geriet er dabei in Turbulenzen, landete im Gipfel einer Kiefer und verletzte sich schwer am Rücken. In seiner idyllischen südpfälzischen Heimat kelterte er aus eigenen Reben jedes Jahr 300 Flaschen Wein – nach dem Weinberg „Gleisweiler Hölle“ genannt.

Am Dienstagmorgen ist Heiner Geissler nach kurzer, schwerer Krankheit zu Hause in Gleisweiler im Kreis seiner Familie gestorben. Er wurde 87 Jahre alt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 23:24 Uhr

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