Für die Wahrheit riskierte er seinen Job

Der Journalist Juan Moreno, der den Fälschungsskandal um Claas Relotius beim «Spiegel» aufdeckte, hat ein spannendes Buch geschrieben.

Musste grosse Widerstände überwinden: Juan Moreno. (Screenshot spiegel.de)

Musste grosse Widerstände überwinden: Juan Moreno. (Screenshot spiegel.de)

Vielleicht werden sich nicht viele Leser diese Frage stellen, aber viele Kollegen von Juan Moreno stellen sie sich ganz sicher: Darf der das? Darf Moreno, der freie Journalist, der die meisten seiner Aufträge vom «Spiegel» erhält, ein Buch über die grösste Katastrophe schreiben, die dem Magazin je widerfahren ist? Darf er mit einem Fall, den er zwar selbst aufgeklärt hat, der aber doch letztlich in der Person, wahrscheinlich sogar tief in der Persönlichkeit eines anderen wurzelt, Geld verdienen? Darf Juan Moreno, der Reporter, die Geschichte von Claas Relotius, dem Lügner, zu seiner Geschichte machen, nachdem sich ihre Wege eher zufällig gekreuzt haben?

Die kurze Antwort: Klar darf der das. Und gut, dass er es gemacht hat. Das Buch «Tausend Zeilen Lüge – das System Relotius und der deutsche Journalismus» (Rowohlt, 288 Seiten, erscheint heute Dienstag) ist spannend, aber nicht voyeuristisch, klug, aber nicht besserwisserisch, lang, aber nicht langatmig, dokumentarisch, aber nicht trocken. Es ist ein gutes Buch.

Juan Moreno hat alles Recht der Welt, die Geschichte zu erzählen. Er hat für die Wahrheit seinen Job riskiert. Claas ­Relotius würde vermutlich heute noch weiterdichten, wäre Moreno nicht dahintergekommen. Ausserdem ist Moreno ein guter Reporter. So einer lässt solchen Stoff nicht liegen, Stoff, der den Journalismus verändert hat.

Juan Moreno hat Zweifel gehabt, als es noch nicht en vogue war zu zweifeln, zumindest nicht an sich selbst. Ihm waren erst Ungereimtheiten in den Arbeiten von Relotius aufgefallen, dann handfeste Lügen, echter Betrug. Das Erstaunliche ist, und das beschreibt der Autor sehr ­anschaulich, wie gern sich die Journalistenprominenz beim «Spiegel» betrügen liess. Aus­gerechnet das Magazin, dessen namhafte Reporter bereits hinterfragen, wenn andere noch staunen, die jede glatte Ober­fläche auf Kratzer untersuchen, war ein leichtgläubiges Opfer des allzu perfekten Reporters.

«Ein Systemversagen»

«Relotius war von Berufsskeptikern umgeben», schreibt Moreno. «Sie alle hatte er über Jahre mühelos umtänzelt.» Zwei Parteien hätten Relotius stoppen können, schreibt Moreno: die Dokumentation, die jeden Artikel prüft, und das Gesellschaftsressort, für das Relotius arbeitete. Doch Relotius’ fast perfektes Betrugssystem war stärker als der in Routine anfällig gewordene Sicherheitsapparat beim «Spiegel». Moreno diagnostiziert daher «ein Systemversagen beim ‹Spiegel›, aber kein System der Fälschung». Der Fälscher war Relotius.

Moreno, 46, war nie fest angestellt beim «Spiegel», er war stets freier Autor und ihm konnte, wie er schreibt, jederzeit ohne Angabe von Gründen gekündigt werden, «woran ich mehrmals in der Vergangenheit erinnert wurde». Tatsächlich hätte die Geschichte auch ganz anders ausgehen können. Der Branchenstar Claas Relotius hätte jetzt, Ende des Jahres 2019, vielleicht seinem fünften oder sechsten Reporterpreis entgegengeblickt, während Moreno mit einem journalistischen Bauchladen Regionalzeitungs­redaktionen beliefern müsste. Wäre er nicht so überzeugt gewesen, dass seine Recherche in eigener Sache richtig ist – der Reporter Moreno wäre sicher am Lügner Relotius gescheitert.

Lange flogen ihm die Preise zu: Claas Relotius. Foto: DPA

Die Skepsis, welche die Leitung im «Spiegel»-Ressort Gesellschaft Relotius gegenüber nie aufgebracht hatte, spürte Moreno von Anfang an. Das Buch schildert kühl und detailliert den mühsamen Überzeugungsprozess – naturgemäss aus Morenos Sicht. Die damaligen Verantwortlichen würden das vielleicht etwas anders sehen, würden fragen: Was hättest du getan, wenn dein bester Mann, dessen Storys alle durch die Mühle der «Spiegel»-Dokumentation gedreht worden waren, derart angegriffen wird? Hättest du gesagt: Okay, Juan, danke für die Info, wir schmeissen den Claas gleich morgen raus?

Mehr als einmal musste Moreno glauben, er liege falsch. Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, ressortverantwortliche Relotius-Förderer, erweckten den Eindruck, wie eine Wand zu stehen. Als der Dokumentar gefragt wurde, wem er glaube, Moreno oder Relotius, sagte er: «Für Claas lege ich meine Hand ins Feuer.»

Die letzte Patrone

Ein Höhepunkt des Buches ist der Abdruck einer E-Mail Morenos an Fichtner, eine Art letzte Patrone. Obwohl er zu dem Zeitpunkt recherchiert hatte, dass Relotius nicht nur in der gemeinsamen Reportage «Jägers Grenze» gelogen hatte, sondern auch in anderen Texten, hielt er es für möglich, dass Relotius gewinnt. Moreno flehte Fichtner an: «Ich verstehe, für euch bin ich derzeit in erster Linie ein grosses Problem. Ich bin es nicht. Du weisst, dass es in der Politik eine wichtige Erkenntnis im Umgang mit Krisen gibt. Der Zeitpunkt, an dem du von einem Fehler erfahren hast, und das weitere Verfahren von da an ist entscheidend. Wie wir damit umgehen, wird in der Nachbetrachtung entscheidend sein.» Und weiter: «Ullrich, ich bin nicht dein Feind. Ich bin nur der Typ, der zur falschen Zeit am falschen Ort war und das macht, was du vermutlich an meiner Stelle genauso machen würdest.»

Wenig später war das Spiel von Claas Relotius aus. Der Mann, der mit erst 32 Jahren etwa so viele Geschichten gefälscht hatte, wie Journalistenpreise in seinem Regal standen – mehr als 40 –, gab alles zu. Im Sport wäre er jetzt der Seriensieger, der gedopt hat. Moreno beschreibt Relotius’ Charisma ausführlich im Buch, seine Bescheidenheit, seine Höflichkeit, seine Menschlichkeit, seine Masche. Seine Oberfläche ohne Kratzer.

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