Frauen wie Angela Merkel und Theresa May lassen hoffen

Viele Ereignisse der letzten Monate erschrecken. Es gibt jedoch auch Lichtblicke.

Staatsdienerinnen im klassischen Sinne: Theresa May (links) und Angela Merkel. Bild: Keystone

Staatsdienerinnen im klassischen Sinne: Theresa May (links) und Angela Merkel. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieses Jahr 2018 war nicht sehr gut für die Mitte. Mit Mitte meine ich jenen Zustand, der gemeinhin als Zentrum begriffen wird, jenen Punkt, der Sicherheit verspricht, Ordnung, Balance, Ausgewogenheit, das Gegenteil also von Nervosität, Gehetztheit und ständiger Unruhe. Jeder Kompromiss ist mittig.

Auch die Mitte der Gesellschaft ist ein solcher Stabilisierungsfaktor. Geht es der Mitte gut, ist sie gross und breit, dann erträgt man die Ränder, denn sie können nicht gefährlich werden. Aber der Mitte geht es nicht mehr so gut. Sie beginnt an sich zu zweifeln.

Auch das Ritual des Rückblicks auf ein Jahr ist nicht mehr tröstlich. Nicht nur als Journalistin hat man das Gefühl für die Zeit verloren. Und ist es nicht so? Man erschreckt ob all der Ereignisse, die man erneut geballt vergegenwärtigen muss. Das alles also geschah in diesem einen Jahr? O Gott, wohin wird das noch führen?

Anhaltender Beifall und Tränen

Es mag daher einer vorweihnachtlichen Melancholie geschuldet sein, dass man glaubt, die Dinge fielen nur noch auseinander, so wie W. B. Yeats dies schon vor langer Zeit betrauerte. Und dann überkommt einen gleich darauf die tiefe Sehnsucht nach dem Gelingen, nach Bildern und Nachrichten, die zeigen, wie unsere Gesellschaften auch sein können: anständig, freundlich, höflich. Immer noch ist das Glas eben halb voll und nicht halb leer. Und man erinnert sich an das gelungene Ende des Parteivorsitzes von Angela Merkel, die nach 18 Jahren das Amt abgab und mit anhaltendem Beifall und der ein oder anderen Träne nicht nur in ihren Augen verabschiedet wurde. Man hätte sie auch vom Hofe jagen können wie einen räudigen Hund. Es wurde aber trotz aller Kritik an diesen langen Jahren ein Akt des Respekts und der Zärtlichkeit. Sie wird auch bald als Kanzlerin gehen. Das wird sie auch noch meistern und mit ihr Deutschland.

Und es gibt noch einen solchen Lichtblick. Wieder ist es eine Frau, um die es geht, und sie heisst Theresa May. Was für eine Politikerin, welch tapfere Gestalt in diesen Zeiten der Verneinung! Eine Politikerin, die immer gegen den Brexit war und die ihn nun doch exekutieren will. Die also gegen ihr Wissen und Gewissen handelt, und warum? Weil sie als britische Regierungschefin die Verantwortung trägt, weil sie an ihr Amt und dessen Würde glaubt – und an die der Institutionen. Und sie kämpft und kämpft und kämpft auf eine Art und Weise, die mehr als Respekt verdient, eher Bewunderung. Selbst wenn man das von ihr und Brüssel ausgehandelte Paket aus den unterschiedlichsten Gründen ablehnt: Ihre Contenance, ihre Redlichkeit und Unermüdlichkeit sind angesichts der Eruptionen im Unterhaus und der Rankünen ihrer konservativen Gegner so ungeheuer wie lehrreich. Diese Frau wächst an ihren Gegnern. Sie nimmt eine Hürde nach der anderen.

Die Erschöpfung steht ins Gesicht geschrieben

Nicht Triumph, sondern Erschöpfung steht Theresa May ins Gesicht geschrieben, so wie Angela Merkels hängende Mundwinkel Erbe ihres politischen Langstreckenlaufes sind. Aber beide haben ein Durchhaltevermögen, das seinesgleichen sucht. Getriebene sind sie nie und nimmer. Jenseits aller feministischen Deutungen kann man eines sagen: Sie sind Stateswomen, Staatsdienerinnen in dem klassischen Sinne, wie sie eine Grösse zeigen, die nicht majestätisch und grossspurig daherkommt. Sie managen und koordinieren, wo andere die Flammen disruptiver Zerstörungswut flackern sehen wollen. Sie hüten und wachen, wo andere wüten.

Der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx prägte vor 15 Jahren den Begriff des «illusionslosen Optimismus». Damit wollte er den latenten Fortschritt, der in allem liegt, umschreiben, Rückschläge natürlich eingeschlossen. Jahrelang halfen mir diese beiden Worte bei meinem politischen Urteil. Jüngst traf ich ihn wieder. Seine neue Formel lautet unterdessen: «melancholische Gelassenheit». Ich versuche mich damit anzufreunden.

Wie auch immer die Demokratien die nächsten Jahre überstehen: Dass es Figuren wie May und auch Merkel in unserer Öffentlichkeit gibt, lässt hoffen.

Andrea Seibel war stellvertretende Chefredakteurin der «Welt» und leitet seit 18 Jahren das Ressort Forum.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.12.2018, 20:45 Uhr

Artikel zum Thema

Theresa May kapituliert vorerst vor dem Parlament

Die britische Premierministerin hat die Abstimmung über den Brexit-Deal abgesagt. Obwohl sich die EU hart gibt, will May nun nach Brüssel reisen und «neue Zusicherungen» aushandeln. Mehr...

Abstimmung zu verschieben ist eine «erbärmliche Feigheit»

Video Theresa May gibt zu, dass sie das Brexit-Abkommen im Unterhaus nicht durchgebracht hätte. Die EU beruft einen weiteren Brexit-Gipfel ein. Mehr...

May ersucht die EU um Hilfe – und erntet scharfe Kritik

Die Stimmung zwischen der EU und London wird als «sehr schlecht» beschrieben. In Brüssel weiss niemand, was May nun eigentlich will. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hi Fisch! Vor Hawaii lebt dieser Haifisch Namens Deep Blue. Wer mutig ist und lange die Luft anhalten kann, darf ihn unter Wasser streicheln (15. Januar 2019).
(Bild: JuanSharks) Mehr...