Französische Juden müssen um ihr Leben fürchten

Nirgendwo sonst in Europa sind die Feindseligkeiten gegen Juden so brutal wie in Frankreich. Szenen aus einem Land, das seine Bürger vertreibt.

Polizisten inspizieren mit Hakenkreuzen verschmierte Gräber auf einem jüdischen Friedhof. Foto: Vincent Kessler (Reuters)

Polizisten inspizieren mit Hakenkreuzen verschmierte Gräber auf einem jüdischen Friedhof. Foto: Vincent Kessler (Reuters)

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Es gibt Strassen in Paris, die sehen aus, als lägen sie nur da, um getröstet zu werden. Die Rue de Vaucouleurs im östlichen Stadtteil Belleville ist eine solche Strasse. Sie verläuft schmal an hohen Betonhäusern vorbei, die wie verpanzerte Schuhkartons im Winterregen stehen. Den einzigen Farbton spendet der grüne Bauzaun vor dem Haus Nummer 26. Es ist das Haus, in dem im Frühjahr vergangenen Jahres die 66 Jahre alte jüdische Ärztin Sarah Halimi von ihrem 27 Jahre alten Nachbarn Kobili Traoré eine Stunde lang geschlagen, gedemütigt und gewürgt wurde.

Eine Stunde, während der die alarmierte Polizei vor allem gründlich darüber nachdachte, wie sie wohl am geschicktesten ins Haus komme. Als es ihr endlich gelungen war, hatte Traoré die Frau durch das Fenster gepresst und in den Hof geworfen. Sarah Halimi war sofort tot. Dass ihr Mörder, während er unablässig zuschlug, «Allahu Akbar» gerufen, dass er nach der Bluttat geschrien hatte, er habe den «Dämon des Viertels» getötet – bei den eher müden Ermittlungen der Justiz spielte all dies keine besondere Rolle. Traoré war halt ein irrer Typ, der sich kiffend und betend in den Blutrausch geputscht hatte, in die Psychiatrie gesperrt wurde und dann: den Aktendeckel drüber.

14 Prozent äussern Verständnis für Antisemitismus

Erst Wochen später, als der Philosoph Bernard-Henri Lévy und andere Intellektuelle öffentlich von einem «antisemitischen Akt» sprachen, begannen Zeitungen und Fernsehen zunächst zögernd, dann ausführlich über den Mord an Sarah Halimi zu berichten. Einige, wie das Magazin «Le Point», fingen an, Zahlen zu veröffentlichen, nach denen 38 Prozent der Franzosen der Ansicht sind, Juden verfügten über zu viel Macht in den Medien; 36 Prozent von ihnen glauben, Juden bildeten eine viel zu starke Lobby in Frankreich; mehr als die Hälfte glaubt, Juden verfügten über deutlich mehr Geld als andere Franzosen, und 14 Prozent äussern Verständnis für antisemitische Schmierereien an Synagogen, Pöbeleien und eingeworfene Fensterscheiben in jüdischen Läden.

Was ist los in diesem Land, das so viel auf seine «valeurs» gibt, seine grossen Werte, in deren Namen sich die Franzosen oft unter ihrer dreifarbigen Staatsflagge versammeln? Woher kommt diese immer aggressiver werdende Verachtung für Juden, der Hass, der sich in Tweets von angesehenen Politikern spiegelt, in den Reden linker und rechter Grossmäuler? Und was lässt, man mag die Zahl kaum glauben, mehr als 60 Prozent der französischen Juden den Plan fassen, ihr Heimatland zu verlassen und nach Israel auszuwandern?

Kaderschule islamistischen Terrors

In einer kleinen koscheren Konditorei nahe der Place de la Nation sitzt Florence Kalfa, trinkt grünen Tee und lacht immer wieder in ihre eigene Erzählung hinein, als wäre es eine absurde Geschichte von gestern. Aber es passiert hier und jetzt, dass ihre achtjährige Tochter ihrem kleinen Bruder über den Mund fährt, wenn er in der Öffentlichkeit fragt, ob das Essen im Bistro koscher sei: «Du darfst nicht sagen, dass wir Juden sind!» Florence Kalfa sagt: «Ich habe die Angst in ihren Augen gesehen.» Immer wieder haben die Kalfas erlebt, was es heisst, in Saint-Denis, also in der Banlieue von Paris, als Juden zu leben.

Einmal sass sie mit ihren Eltern, ihrer Schwester und deren Mann, der eine Kippa trug, im Auto, als drei Männer sie angriffen. «Niemand von den Leuten, die den Überfall sahen, rief die Polizei.» Wenn ihre Mutter, die schlecht zu Fuss ist, den Hausmüll zur Tonne tragen wollte, blockierte die Concierge den Aufzug; wenn sie ihn mal nicht blockierte, denunzierte sie die einzige jüdische Familie im Haus mit Zetteln, die sie in den Fahrstuhl klebte. «Es kam eines zum anderen, bis es unerträglich wurde. In Saint-Denis, das als eine Art Kaderschule des islamistischen Terrors gilt, ist das Leben für Juden inzwischen zur Hölle geworden. Der Kampf unter Palästinensern und Israelis wird zwischen den Juden und den Muslimen in Frankreich ausgetragen», sagt Florence Kalfa.

Ihre Eltern sind im Dezember nach Israel ausgereist, sie wird mit ihrem Mann im Juli nachkommen. Es ist ein bitterer Abschied für Florence Kalfa, die in Paris aufgewachsen ist und für die Israel bislang ein Ferienland war. Wann verlässt einer sein Land, in dem er aufgewachsen ist und zu dessen Werten er steht? Wann ist die Angst so gross, dass man nur fortwill? Zum Beispiel, wenn Kinder aus jüdischen Schulen in Begleitung bewaffneter Sicherheitskräfte zum Unterricht gehen müssen, weil ihnen im Hof die Steine entgegenfliegen, die radikalisierte Jugendliche über die Mauer werfen.

«Für die Eltern ist es traumatisierend, wenn sie sehen, wie ihre Kinder von Soldaten begleitet werden.»Sarah Gimenez

Jenseits der Rue de Belleville, fünf Gehminuten von der Strasse entfernt, in der Sarah Halimi starb, unterhält Sarah Gimenez ein kleines Büro in einer protestantischen Kirche. Die Organisation, für die sie arbeitet, heisst Operation Exodus – sie hilft französischen Juden dabei, nach Israel auszuwandern. «Für die Eltern ist es traumatisierend, wenn sie sehen, wie ihre Kinder von Soldaten begleitet werden», sagt Sarah Gimenez. Bis vor kurzem sei es ein Problem der Banlieue gewesen, aber inzwischen habe die Gewalt gegen Juden in der Stadt Paris einen neuen Höhepunkt erreicht.

Sarah Gimenez erzählt von alten Leuten, die den Holocaust überlebt haben und in Bäckereien als «sale juif», als Drecksjude, beschimpft werden. Dies alles geschieht täglich in Paris, in Marseille, in Bordeaux – in einem Land, in dem mit 500 000 Menschen die grösste jüdische Gemeinde Europas lebt. Das Meinungsinstitut Ipsos hat die Franzosen gefragt, ob es gut oder schlecht sei, dass so viele Juden das Land verlassen wollen. Die Antwort: 31 Prozent sagen, es sei schlecht, 7 Prozent sagen, es sei gut, 62 Prozent ist es egal.

Bei einem Spaziergang durch das Marais, das Herzstück von Paris, an einem beliebigen Samstagmittag kann man die neue Normalität der Verachtung an den kleinwütigen Versammlungen ablesen, bei denen Pariser Bürger gemeinsam mit aufgepeitschten Palästinensern ihre «Boykottiert Israel»-Buttons verteilen. Es mag eine kleine böse Gruppe von Franzosen sein, die sich derart offen an die Seite der muslimischen Israel-Gegner stellt. Die Mehrheit scheue die Einmischung, sagte kürzlich Elisabeth Badinter, aber die Philosophin fragte auch, wo denn die entschiedenen Proteste gegen den Judenhass blieben. Als der Antisemitismus von rechts kam, als der Front-National-Führer Jean-Marie Le Pen die Gaskammern leugnete, ging es den Franzosen an die Ehre. «Heute denken die nicht jüdischen Franzosen, es sei besser, sich aus dem exportierten israelisch-palästinensischen Konflikt her­auszuhalten», wird Badinter in der Zeitschrift «Le Point» zitiert.

«Ihr seid Juden, also habt ihr Geld»

In Frankreich müssen Juden inzwischen um ihr Leben fürchten. Das wissen auch Mireille und Roger Pinto, seit sie in der Nacht auf den 9. September von drei Unbekannten in ihrem Haus zusammengeschlagen und in Geiselhaft genommen wurden. Der Fall ging schnell durch die Medien; diesmal wollte man nicht wieder diskret darüber hinwegsehen, wenn französische Juden in ihrer Heimat Opfer antisemitischer Gewalt werden wie im Fall Sarah Halimi.Roger Pinto sitzt in seinem Pariser Büro und bemüht sich um eine sachliche Tonlage, nur so kann er das Protokoll dieser Gewaltnacht wiedergeben. Wie er die Treppe hinunterkam und seine Frau auf dem Boden liegen sah, wie er den dumpfen Schlag gegen den Kopf spürte, bewusstlos wurde und nach dem Erwachen gleich noch einmal einen Tritt auf den Kopf bekam. «Es waren drei Schwarze, und sie schrien uns an: Ihr seid Juden, also habt ihr Geld.» Die Männer hielten ihm ein Messer an den Hals. Sie wollten ihn töten, seine Frau, seinen Sohn, der zufällig zu Gast war.

Beispiellose antisemitische Hetze

Roger Pinto ist Präsident der Hilfsorganisation Siona, die Juden bei der Ausreise aus Syrien hilft. In seinem Büro zeigt er stolz auf die Fotos, die ihn mit Repräsentanten des Staates Israel zeigen, mit Netanyahu, mit Peres. «Ich liebe Israel, aber ich werde nicht weggehen aus Frankreich», sagt der 78-Jährige. «Ich habe hier meinen Militärdienst geleistet, mein Vater hat im Ersten Weltkrieg gekämpft.» Pinto möchte sehen, dass sich die Franzosen gegen den Antisemitismus stellen, so wie sie sich gegen die Gewalttaten auf die Redaktoren von «Charlie Hebdo» gestellt hatten.

Frankreich und die Juden – wer diese Beziehung beschreiben möchte, muss tief ins Innenfutter der französischen Geschichte greifen. Er kann bei dem elsässischen Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus beginnen, der durch eine Intrige in den Verdacht des Landesverrats geriet. Der Prozess gegen Dreyfus, der entehrt, verbannt und viel später rehabilitiert wurde, war von beispielloser antisemitischer Hetze begleitet. Ein über lange Zeit nur ungern erzähltes Kapitel französischer Geschichte handelt davon, wie die französische Polizei 1942 in Paris mehr als 8000 Juden im Winter-Velodrom am Eiffelturm zusammengetrieben hat, um sie der Gestapo für den Transport nach Auschwitz auszuliefern. Präsident Macron hielt 2017 eine Rede zum 75. Jahrestag von Vel d’hiv. Er sprach von der Mitschuld Frankreichs an den Deportationen, von der Mitverantwortung für den Holocaust und wandte sich gegen das Volksmärchen, das Vichy-Regime des Kollaborationsmarschalls Pétain habe nichts mit Frankreich zu tun gehabt. Delphine Horvilleur, Publizistin und eine von drei Rabbinerinnen in Frankreich, rief Macron damals den Satz zu: «Ich bin wieder stolz, Französin und Jüdin zu sein.»

Marseillaise singen reicht nicht

Langsam dämmert es den Franzosen, dass eine Nation ihre Werte nicht verteidigt, indem man Hand aufs Herz die Marseillaise singt. Und sie beginnen zu begreifen, dass sie über Jahrzehnte bestimmte Gruppen an die Ränder der Gesellschaft gedrückt haben. Die Ausgegrenzten fangen an, sich zu rächen. Sie drängen aus den schmutzigen Vorstädten hinein in die feinen Viertel, wo sie ihren Zorn ausleben, der sich immer öfter in Gewalt entlädt. 2016 hat die Polizei 216 Übergriffe ermittelt, die Zahl war im Vergleich zu den Vorjahren sogar rückläufig. Aber nirgendwo in Europa sind Feindseligkeiten gegen Juden derart brutal und mörderisch.

Olivier Kaufmann empfängt im Arbeitszimmer seiner Synagoge. Der Grossrabbiner ist einer der bekanntesten jüdischen Theologen des Landes. Kaufmann beobachtet seit Jahren die zunächst subtile, dann immer offenere Art der Anfeindung. «Man sagt immer, es seien nur Worte. Aber es fängt mit Worten an, dann geht die Gewalt in die Hand über. Ein Wort kann eine Bluttat nach sich ziehen.»

Wenn ein jüdisches Kind eine staatliche Schule besuche, trage es keine Kippa – zu gefährlich, weil die muslimischen Mitschüler das Kind schikanierten. Wenn ein jüdisches Mädchen am Sabbat darum bittet, nicht den Kugelschreiber benutzen zu müssen, zwingt der Lehrer es trotzdem zum Schreiben.

Und was, könnte man fragen, ist der Geschichtsunterricht wert, wenn bereits die Hälfte der französischen Lehrer Angst hat, über die Schoah zu sprechen, weil sie gläubige Muslime reizen könnten? Was ist eine Integrationspolitik wert, wenn Kinder muslimischen Glaubens in den Schulen den Krieg gegen ihre jüdischen Mitschüler ausrufen? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 22:32 Uhr

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