Er verarztet freiwillig Gelbwesten, Anarchisten und Polizisten

Wenn es knallt, ist Andy Eggert (46) mittendrin. Von Paris bis Berlin stellt er sich mit seinem Erste-Hilfe-Rucksack in den Dienst der Revolution. Wer ist dieser Mann?

Andy Eggert, AfD-Sympathisant und Alt-Biker, will die Revolution unterstützen: Als Sanitäter bei den Gelbwesten. Foto: Nicole Pont

Andy Eggert, AfD-Sympathisant und Alt-Biker, will die Revolution unterstützen: Als Sanitäter bei den Gelbwesten. Foto: Nicole Pont

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Der 1,90-Meter-Mann wirft seinen 20-Kilo-Rucksack mit Verbandsmaterial keuchend auf den Boden. Champs-Elysée, hier endet der Tag für Andy Eggert. Stundenlang ist er mit Gelbwesten durch die Strassen von Paris gelaufen, gejagt von Polizeieinheiten auf Motorrädern, leicht erkennbar in seinem roten Sanitäterdress. Man nennt ihn deshalb auch den roten Andy oder The Red Rock. Es ist Samstagabend und von überall her strömen Menschen in gelben Westen zur «Schangselie», wie der Lörracher sagt. Ihn schmerzen Knie und Rücken, aber es war ein guter Tag. Die schlimmste Verletzung war ein verstauchter Knöchel.

In den letzten Wochen war das ganz anders. «Wie im Bürgerkrieg», sagt ­Eggert. «Da flogen Pflastersteine und Gasgranaten mitten durch die Weihnachtsbeleuchtung.» Der Mann mit den stechend blauen Augen und dem schwäbischen Akzent mittendrin. Seit dem Beginn der Proteste ist der 46-Jährige jeweils Freitagnacht losgefahren, um am Samstag direkt im Zentrum der Kämpfe zu landen: Im Tränengasnebel verarztete er Menschen mit abgesprengten Händen, ausgeschossenen Augen, Kopfplatzwunden von Polizeiknüppeln, Knochenbrüchen, inneren Blutungen. Er leistete Polizisten, Anarchisten und Gelbwesten Erste Hilfe, bevor er sie zu den abseits stationierten Krankenwagen brachte.

Im Tränengasnebel verarztete er Menschen mit abgesprengten Händen: Andy Eggert zieht sich eine Gasmaske über. Foto: Nicole Pont

Das ist auch dringend nötig, die Auseinandersetzungen sind gewalttätig. Demonstranten schmeissen mit Säure und Pflastersteinen, die Polizei setzt auch verpönte Waffen ein: Flashball-Gewehre mit Hartgummi-Munition, aus Helikoptern abgeworfene Gasgranaten. 98 Fälle von schweren Verletzungen listet das französische Aktivistenkollektiv «Désarmons-les!» («Entwaffnen wir sie!») aufseiten der Gelbwesten auf; mindestens 15 Menschen haben durch Gummigeschosse ein Auge verloren, 11 Menschen sind im Rahmen der Proteste bislang umgekommen – die meisten davon im Verkehr.

Der Vater wollte ihn kreuzigen

Seit knapp drei Jahren begleitet der gelernte Rettungsassistent Demonstrationen, freiwillig und auf eigene Rechnung. Er war in Chemnitz, Hamburg, Berlin, Paris, Strassburg, um «auf die Menschen aufzupassen», wie er es nennt. Sein Dienst an der Allgemeinheit. Natürlich ist es auch ein grandioses Abenteuer, besonders in Frankreich, wo die Gelbwesten seit 10 Wochen ununterbrochen demonstrieren. Hier wird Geschichte geschrieben, und Eggert will dabei sein. Für ihn ist das ein Aufstand des Volks gegen die Eliten – und er hofft, dass die Botschaft auch in seinem eigenen Land ankommt: «Mit meinem Outfit zeige ich der Merkel-Regierung die Rote Karte», sagt er. Eggert steht der AfD nahe, aber mit Rechtsextremismus und Rassismus wolle er nichts zu tun haben, sagt er.

Einmal habe er sich im Einsatz das Genick gebrochen: Eggerts Erste-Hilfe-Rucksack. Foto: Nicole Pont

In Paris bauen sich zwei junge Männer in gelben Westen vor ihm auf, wollen wissen, wer er sei und was er hier tue. Er erklärt sich auf Deutsch und wird schnell erkannt als der Paramedic, der sich um Schwerverletzte kümmert. Einer der Männer reisst grinsend seine Mütze vom Kopf und zeigt eine zwanzig Zentimeter lange Wunde, mit Metallklammern zusammengetackert. Das war ein Polizeiknüppel. Trotzdem ist der Mann bestens gelaunt: «Danke, dass ihr uns unterstützt!», ruft er. Solche Worte sind Eggerts Lohn.

Auf Demos verarztet er Menschen mit abgesprengten Händen, ausgeschossenen Augen und schweren Kopfplatzwunden.

Wenn es knallt, ist Eggert mittendrin. Er arbeitete auch in der Schweiz, war laut eigenen Angaben beim Zugunglück mit dem Glacier-Express vor Ort. Menschen zu helfen, ist seine Berufung, die er mit der eigenen Gesundheit zahlte: Einmal habe er sich im Einsatz das Genick gebrochen. Ein anderes Mal wurde er zu einem Verkehrsunfall gerufen: ein Auto im Vollbrand, drinnen eine Familie. Die Zeit war knapp, also habe er die Scheibe eingeschlagen, die Kinder rausgetragen, dann die Erwachsenen. Dabei sei er ausgerutscht und habe sich einen Rückenwirbel gebrochen. Die Krankenkasse übernahm die Kosten nicht. Die Begründung: Er habe feuerwehrtechnische Aufgaben wahrgenommen, die nicht in seinem Zuständigkeitsbereich gelegen hätten. Auch wenn die Familie sonst verbrannt wäre. Eggert zuckt die Schultern. Eine weitere Ungerechtigkeit in einer Welt, in der nur Gewinner zählen. Schon als Kind erlebte er viel Gewalt. Als er fünf war, habe ihn sein Ziehvater mithilfe der Mutter an den Türrahmen genagelt. «Er wollte mich kreuzigen wie Jesus.» Noch zeugt eine Narbe am Handteller von der Misshandlung. Er kam ins Heim. «Dort hast du die Wahl», sagt er. «Entweder du gehst nach unten oder nach oben. Ich habe mich entschieden, nach oben zu gehen.»

«Ich will sagen können, dass ich mich eingesetzt habe»: Gemeinschaft, Fürsorge, Ehre und Respekt sind Andy Eggert wichtig. Foto: Nicole Pont

Mit 14 schloss er sich Bikern an, seiner Ersatzfamilie, bis heute hält er sich an ihren Ehrenkodex: Gemeinschaft, Fürsorge, Ehre und Respekt gegenüber Frauen und Kindern. Wenn jemand Kinder schlägt oder Frauen blöd anmacht, geht Eggert dazwischen, erzählen seine Freunde. Er heiratete, bekam drei Kinder, heute ist er geschieden. Auch deshalb gehe er auf Demos, für die Zukunft seiner Kinder: «Ich will sagen können, dass ich mich eingesetzt habe.» Wie viele andere hat das Jahr 2015 Eggert politisiert. «Deutschland war für mich immer einfach das Land, in dem ich lebte. Aber nach 2015 veränderte sich alles.» Ihn stört Angela Merkels «Wir schaffen das», weil vor allem kleine Leute wie er die Konsequenzen zu tragen hätten. Ihn störe es, wenn er sehe, wie Alte Flaschen sammeln müssen, weil die Rente zu knapp ist und besteuert wird. Es ist dieses Gefühl, von der Elite ausgebeutet zu werden, das ihn mit den Gelbwesten verbindet. Und er hofft auf ähnliche Proteste in Deutschland.

Angst vor Diffamierung

Ihn stört auch die Gewalt, der er im Rettungsdienst seit 2015 zunehmend ausgesetzt sei. Oft von Migranten, sagt er. Zu einer Reanimation in einer Flüchtlingsunterkunft gerufen, sei eine Gruppe von 20 Männern, die schon das Opfer attackiert hätten, auf ihn losgegangen. Eggert machte eine Anzeige, Folgen hatte es keine, sagt er. Das System sei korrupt, die Medien gleichgeschaltet. Als im April 2018 ein Westafrikaner in einem Hamburger Bahnhof seine Frau und das gemeinsame Baby tötete, schrieben die Zeitungen zunächst, das Kind sei bei einem Sturz gestorben.

Die Diskussion, der Islam solle zu Deutschland gehören, ist für den praktizierenden Christen eine Provokation.

Tatsächlich hatte der Vater seine einjährige Tochter geköpft, wie ein Video nahelegt. Die Polizei hielt das aus Pietätsgründen geheim, für Eggert ist es ein Beispiel für Zensur. Auch die Diskussion, der Islam solle zu Deutschland gehören, ist für den praktizierenden Christen eine Provokation. Er erzählt eine Anekdote, als er einen Erste-Hilfe-Kurs mit arabischen Menschen in der Klasse gab. Sie sollten eine Frau wiederbeleben, aber «sie weigerten sich, die anzufassen». Er liess sie durch die Prüfung fallen, am Ende wurde ihm Rassismus vorgeworfen.

«Habe getan, was ich konnte»

Wegen seines politischen Engagements bekam er Probleme. Im Sommer 2018 kündigte ihm sein Arbeitgeber aus heiterem Himmel, er habe erst später erfahren, dass man ihn als rechtsextrem diffamiert hatte. Man wolle von seinen Angestellten kein politisches Engagement, wurde ihm beschieden, er wehrte sich vor Gericht und bekam recht. Trotzdem sah er sich nach einem neuen Job um, erfolglos. Er glaubt, auf einer schwarzen Liste zu stehen. Nun schlägt er sich als Taxifahrer durch und beginnt im Frühjahr eine neue Ausbildung. Nennen will er sie nicht – aus Angst, von vornherein ausgeschlossen zu werden.

Wenn Andy Eggert von einem langen Wochenende von Demonstrationen nach Hause kommt, sagt er sich: «Ich bin zu alt dafür.» Dann guckt er seine geschwollenen Füsse an, den Rucksack. Sagt sich: Es war ein harter Tag, ein ­blutiger Tag, aber ich habe getan, was ich konnte. Dann schläft er ein. Und wenn die nächste Demo ansteht, packt er seinen Rucksack. Und fährt los in die Nacht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.01.2019, 22:33 Uhr

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Mit zunehmender Dauer der Proteste in Frankreich greifen immer mehr Medien das Thema Polizeigewalt auf. Besonders der Einsatz von Offensiv-Granaten (Tränengas) und Flashball-Gewehren, munitioniert mit den sogenannten Balles de Défense (BD, hergestellt von der Schweizer Firma Brüger & Thomet), sorgt wegen ihrer gravierenden Verletzungen für Diskussionen. Laut der Zeitung «L’Express» gab es seit Beginn der Proteste 48 Beschwerden an die Polizeiaufsichtsbehörde IPGN. Zum Vergleich: Im Vorjahr gab es insgesamt nur elf. (mcb)

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