«Er erheitert die Leute, statt sie zu deprimieren»

Londons Bürgermeister blieb gestern im Victoria-Park an einem Drahtseil hängen. Vielen anderen Politikern wäre dies sehr peinlich. Boris Johnson verschafft es noch mehr Sympathien. Wird er zur Gefahr für Cameron?

Peinliche Nummer: Boris Johnson hängt am Seil. (1. August 2012)


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Ein Mann im Anzug und mit Sicherheitshelm ausgestattet, der an einem Klettergurt derart an eine Art Seilbahn aufgehängt ist, dass es ihm die Hosen ein gutes Stück nach oben zieht, sieht nicht eben vorteilhaft aus. Und es macht die Sache nicht eben besser, wenn dann der geplante Trick, fahnenschwingend über die Menschen hinwegzusausen, dazu noch schiefläuft und man quasi auf offener Strecke stecken bleibt.

Jedem anderen wäre dieser Moment äusserst peinlich, für einen Politiker könnte ein derart gescheiterter Auftritt gar zum Desaster werden. Nicht so für Londons Bürgermeister Boris Johnson. «Mit dem Auftritt im Victoria Park hat er etwas gewagt, was sich nicht viele Politiker getrauen würden. Die meisten würden sich davor scheuen, sich zu blamieren», sagt der britische Journalist Andrew Gimson gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Gimson, der früher für den «Daily Telegraph» gearbeitet hat, verfasste 2006 ein Buch mit dem Titel «The Rise of Boris Johnson».

Viele dachten, er würde sich bald als Dummkopf entlarven

Als Johnson fahnenschwingend quer über den Victoria Park sauste und dann stecken blieb, formierte sich unter ihm bald eine Menschenmenge. Nicht wenige zückten das Handy und hielten die Situation auf Foto und Video fest. Als einer der Zuschauer ihn fragte, wie er sich fühle, antwortete Johnson mit typisch britischem Humor: «Sehr, sehr gut, es macht riesig Spass, aber es sollte etwas schneller fahren.»

«Boris schafft, was andere Politiker nicht schaffen: Er erheitert die Leute, statt sie zu deprimieren», erklärt Gimson die Popularität des Bürgermeisters. «Doch jene Leute, die denken, dass Politik seriös sein muss und Witze dort fehl am Platz seien, stösst er vor den Kopf», erklärt der Journalist. Bei seiner Wahl 2008 hätten nicht wenige damit gerechnet, dass sich Johnson sehr bald als kompletter Dummkopf und Clown entlarven würde. «Das ist aber nicht eingetroffen, denn er ist geschickt genug, um für jene Aufgaben, die ihm nicht besonders liegen, fähige und seriöse Leute zu engagieren», analysiert der Journalist.

Johnsons Aktion scheint vielen Briten zu gefallen

Und bei seiner Wiederwahl im Mai dieses Jahres sei Johnson etwas gelungen, was nur wenigen gelinge: «Er hat es geschafft, auch Wählerstimmen von Labour-Anhängern und politikuninteressierten Leuten für sich zu gewinnen, das ist eine grosse Leistung», sagt Gimson weiter. Dass er, wie viele britische Medien derzeit spekulieren, seine Beliebtheit dazu nutzen wird, um Premierminister David Cameron aus 10 Downing Street zu verdrängen, hält Gimson derzeit für unwahrscheinlich. «Er kann dem Popularitätswettbewerb nicht widerstehen, und er scheint ihn im Moment auch zu gewinnen», stellt Gimson fest. «Doch wenn sich die Wirtschaft bis zu den Wahlen 2015 erholt hat und Cameron seinen Job in nächster Zeit gut macht, ist es eher unwahrscheinlich, dass Boris Johnson je Parteivorsitzender der Konservativen wird», sagt der britische Journalist.

So oder so, Johnsons Aktion im Victoria Park scheint vielen Briten zu gefallen: Auf dem Fotoblog Dangleboris.wordpress.com wurden bereits zahlreiche Fotomontagen veröffentlicht, die den an einem Seil baumelnden Bürgermeister mal inmitten eines Boxkampfes, mal am Ohr von Barack Obama oder am Zeiger des Big Ben hängend zeigen.

«Er bleibt ungeschlagen»

Auch die Twittergemeinde scheint sich ob des Vorfalls zu erfreuen. «Dass Boris Johnson in London an einem Seil hängend stecken geblieben ist, hat meinen Tag erheitert», twitterte etwa User Paul Hibbitt. Wohl schon an derlei Situationen gewöhnt, sagte Johnsons Pressesprecher nach dessen Befreiung: Die Kampfrichter hätten ihm wohl für die artistische Ausführung der Übung einen Abzug gegeben, «doch er bleibt ungeschlagen». Auch David Cameron scheint sich des Effekts dieses Missgeschicks bewusst zu sein, wie BBC berichtet: «Für jeden anderen Politiker wäre es ein Desaster, auf offener Strecke am Seil hängend stecken zu bleiben. Für Boris ist es aber ein Triumph… London ist sehr glücklich, ihn zu haben», sagte der Premierminister. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.08.2012, 09:03 Uhr

Andrew Gimson ist ein britischer Polit-Journalist und Autor, der unter anderem für die britischen Tageszeitung «The Guardian» und «The Daily Telegraph» schreibt. 2006 veröffentlichte er eine Biografie über den Londoner Bürgermeister Boris Johnson («Boris: The Rise of Boris Johnson»).

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