Eine Warnung für die steuerfaule Geldelite

Kommentar

Das Landgericht München hat Uli Hoeness zu einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Das Urteil beschädigt das Lebenswerk des Bayern-Chefs, und es hat über seine Person hinaus grosse Bedeutung.

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Der Erfolgsmensch Uli Hoeness hat als Fussballer und Boss des FC Bayern viele bittere Niederlagen und herbe Enttäuschungen erlebt. Etwa seinen Penaltyschuss in den Belgrader Nachthimmel im verlorenen EM-Final Deutschlands von 1976 gegen die Tschechoslowakei. Oder das frühzeitige Ende seiner grossen Fussballerkarriere wegen Sportinvalidität. Oder auch die dramatisch verlorenen Champions-League-Finals seines FC Bayern gegen Manchester United in Barcelona und gegen Chelsea in der eigenen Allianz-Arena in München.

Das alles ist aber nichts im Vergleich zur Verurteilung als Steuerhinterzieher. Hoeness' Lebensleistung als Bayern-Chef, Unternehmer und sozialer Wohltäter, die zu Recht Bewunderung verdient, ist nachhaltig beschädigt. Seine Glaubwürdigkeit als moralische Instanz in den deutschen Talkshows verlor er schon vor einem Jahr, als sein Steuerbetrug publik geworden war. Das Urteil des Münchner Landgerichts, dreieinhalb Jahre Gefängnis, trifft den Menschen Hoeness. Es trifft ihn mit brutaler Wucht.

Mit seinem Schweizer Zockerkonto hatte sich Hoeness in ein Spiel manövriert, das er nicht gewinnen konnte. Von Anfang agierte er aus der Defensive heraus. Die Selbstanzeige reichte Hoeness nur ein, weil er einer Enthüllung seines fehlbaren Verhaltens in den Medien zuvorkommen wollte. Ohne Selbstanzeige, die in einer offenbar schludrigen Aktion zusammengestellt wurde, wäre er noch schlechter dagestanden. In der Öffentlichkeit stand er aber längst am Pranger, bevor er diese Woche vor Gericht antreten musste.

Im Münchner Prozess gelang es ihm nicht wirklich, das Bild eines reumütigen Sünders zu vermitteln, der aus echter Einsicht zur Steuerehrlichkeit zurückkehren möchte. Vor allem das zunehmende Ausmass der Steuerhinterziehung im Laufe des Prozesses warf ein schlechtes Licht auf den Angeklagten. 3,5 Millionen Euro, 18,5 Millionen, 27,2 Millionen – es entstand der Eindruck, dass nicht alle Fakten und Zahlen auf den Tisch gekommen sind. Zugunsten des Angeklagten ging das Gericht von 27,2 Millionen aus. Für den Normalbürger ist dies schlimm genug.

Gewiss, Steuerhinterziehung wird in allen gesellschaftlichen Schichten begangen. Es ist aber ein Unterschied, ob ein durchschnittlich verdienender Handwerker ein paar Tausend Euro hinterzieht oder ob ein vermögender Fussballmanager sich das Recht herausnimmt, dem Fiskus Steuern in zweistelliger Millionenhöhe vorzuenthalten. Der Fall Hoeness liefert Einblick in ein Milieu, in dem offenbar eigene Regeln gelten. Es werden mit Spekulationen Millionengewinne gemacht und wieder vernichtet – solches Zockergebaren ist weit weg von der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen. Die Geldelite, der auch Hoeness angehört, lebt längst in eigenen Sphären. Darum ist es gut und nötig, dass ein Gerichtsurteil deutlich macht, was geht und was nicht geht.

Der Fall Hoeness ist ein Lehrstück in Sachen Steuermoral. Und das Urteil des Landgerichts München ist eine Warnung an jenen Teil der Geldelite, der glaubt, ein Recht auf Steuerhinterziehung zu haben. Der Fall Hoeness hat viele Steuerhinterzieher aufgeschreckt und eine Flut von Selbstanzeigen ausgelöst. Unabhängig von der notwendigen Debatte, ob der Fiskus vielleicht nicht doch zu gefrässig ist, werden viele Menschen ihre Steuerpflichten ernster nehmen. Vor allem prominente Steuersünder müssen fürchten, dass sie wegen Indiskretionen an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Das Urteil im Hoeness-Prozess ist eine gute Nachricht für alle ehrlichen Steuerzahler.

DerBund.ch/Newsnet

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