Ein bitterer Nachgeschmack

Christian Kern, ein kurzes Jahr lang Bundeskanzler in Österreich, verlässt die politische Bühne.

Die kurze politische Karriere Kerns war geprägt von einem steilen Auf- und einem zähen Abstieg. Bild: Keystone

Die kurze politische Karriere Kerns war geprägt von einem steilen Auf- und einem zähen Abstieg. Bild: Keystone

Peter Münch@SZ

Christian Kern machts kurz: In die österreichischen Annalen der Nachkriegszeit wird er als Kanzler und als SPÖ-Chef mit der geringsten Amtszeit eingehen, und nun hat er auch noch die angekündigte Spitzenkandidatur für die Europawahl ad acta gelegt. Genauso schnell wie er vom Manager zum Politiker mutierte, will der 52-Jährige nun wieder zurück in die Wirtschaft wechseln. Das ist alles rekordverdächtig – und auch sonst verdächtig.

Die kurze politische Karriere Kerns war geprägt von einem steilen Auf- und einem zähen Abstieg. Als er im Frühjahr 2016 vom Vorsitz der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ins Amt des Bundeskanzlers wechselte, wurde er als Erneuerer gefeiert. Doch schon bei der Parlamentswahl im Oktober 2017 verlor er die Macht an Sebastian Kurz von der Volkspartei. In die Rolle des Oppositionsführers mochte er sich nicht einfinden.

Die Politikverdrossenen jedenfalls haben nun einen weiteren Beleg dafür, dass «die da oben» vor allem Egomanen sind.

Kern hatte zuletzt in reger Reisetätigkeit seine Chancen auf die Spitzenkandidatur der europäischen Sozialdemokraten auszuloten versucht. Er könnte auf mangelnde Unterstützung gestossen sein. Möglich ist aber auch, dass ihn das Rumoren in der eigenen Partei über seinen chaotischen Abgang als Parteichef zum zweiten Rückzug gedrängt hat.

Selbst im Schnelldurchlauf hat Kern einigen Schaden angerichtet. Er hat Hoffnungen enttäuscht und Vertrauen verspielt, und das trifft nicht nur ihn persönlich, sondern die gesamte politische Klasse. Die Politikverdrossenen jedenfalls haben nun einen weiteren Beleg dafür, dass «die da oben» vor allem Egomanen sind.

Gescheitert ist Kern aber nicht nur an seiner Eitelkeit und am eigenen Wankelmut, sondern auch an seiner Partei. In einer Zeit, da Österreich eine starke Opposition brauchte, beschäftigen sich die Sozialdemokraten leidenschaftlich mit Intrigen und Flügelkämpfen. Beim Rückzug hat sich Kern das weinselige Bonmot nicht verkneifen können, dass man «einen guten Roten am Abgang erkennt». Kerns Abgang freilich hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack.

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