Ein Land sucht einen neuen Namen

Mazedonien solle sich umbenennen, fordert Griechenland. Am WEF könnten die Premiers beider Länder den jahrelangen Namensstreit beilegen.

Zehntausende griechische Nationalisten demonstrieren für eine Namensänderung Mazedoniens in Athen. Video: TA/Reuters

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Am 18. März 1994 sendete die Nachrichtenagentur Associated Press die folgende Meldung: «US-Präsident Bill Clinton hat (...) den ehemaligen Staatssekretär im Aussenministerium Matthew Nimetz zu seinem Sondergesandten für Mazedonien bestellt. Nimetz soll sich in die internationalen Vermittlungsbemühungen zur Beilegung des Namensstreits zwischen der ehemaligen jugoslawischen Republik und Griechenland einschalten, wie in Washington mitgeteilt wurde.»

Matthew Nimetz ist ein geduldiger Mann: Seit fast einem Vierteljahrhundert versucht der mittlerweile 78-jährige Diplomat, den absurd anmutenden Konflikt der beiden Balkanstaaten beizulegen. Ohne Erfolg. Es spielte bisher keine Rolle, wer in Athen die Macht hatte: Alle Regierungen haben seit 1991 die Anerkennung Mazedoniens unter seinem verfassungsmässigen Namen abgelehnt.

Tsipras kompromissbereit

Doch warum darf Mazedonien, der südlichste aus dem Zerfall Jugoslawiens hervorgegangene Staat, nicht Mazedonien heissen? Es gibt eine gleichnamige nordgriechische Region mit Thessaloniki als Hauptort – und das kleine Mazedonien könnte eines Tages Gebietsansprüche geltend machen. So lautet die hysterische Argumentation nicht nur der griechischen Nationalisten. Das hat schwerwiegende Folgen für das Nachbarland Mazedonien: Die EU-Beitrittsverhandlungen sind seit 2005 blockiert, 2008 scheiterte am Bukarester Nato-Gipfel die Einladung in die Allianz einzig am griechischen Veto.

Nun kommt Bewegung in den festgefahrenen Konflikt. Letzte Woche leitete der UNO-Sondergesandte Nimetz eine neue Gesprächsrunde der beiden Seiten in New York. Laut griechischen Medien liegen fünf Vorschläge auf dem Tisch, wie Mazedonien in Zukunft heissen soll: Neu-Mazedonien, Nord-Mazedonien, Ober-Mazedonien, Republik Vardar Mazedonien oder Republik Mazedonien-Skopje.

Der griechische Premier Alexis Tsipras zeigt sich kompromissbereit. Es sei «nicht absurd, dass der Nachbarstaat den Begriff Mazedonien im Namen führt», erklärte er vorsichtig in einem Interview mit der Zeitung «Ethnos». Diese Woche will Tsipras seinen mazedonischen Amtskollegen Zoran Zaev am WEF in Davos treffen. In Athen spricht man von einer grossen Chance, den Namensstreit zu lösen, in Skopje ist die Rede von einer historischen Chance.

«Nur wir sind die wahren Mazedonier»: Zur Kundgebung aufgerufen hatten nationalistisch orientierte Organisationen. Foto: Alexandros Avramidis

Davon wollen die Nationalisten in Griechenland nichts wissen. Am Wochenende gingen in Thessaloniki fast 100'000 Menschen auf die Strasse, um gegen Mazedoniens künftigen Namen zu protestieren. «Demonstriert, meine Brüder», appellierte der ultrakonservative Bischof der nordgriechischen Hafenstadt. Wie der Kirchenmann sind auch viele seiner Landsleute überzeugt, dass sie direkte Nachfahren von Alexander dem Grossen seien. Der Name Mazedonien wird demnach als Teil des griechischen Nationalerbes angesehen. Besonders laut schreien die Anhänger der griechischen Neonazi-Partei Goldene Morgenröte und die rechtspopulistische Anel, die im Kabinett von Tsipras vertreten ist.

Der Aufmarsch in Thessaloniki am Wochenende erinnerte an die 90er-Jahre, als etwa eine Million Menschen auf die Strassen der griechischen Metropole strömten, um gegen den Staatsnamen «Republik Mazedonien» zu demonstrieren. Athen versuchte, das Nachbarland mit einem Wirtschaftsboykott in die Knie zu zwingen, es gab Politiker, die sogar mit Krieg drohten, sollte Mazedonien eine Umbenennung ablehnen. Plötzlich wurde Griechenland von einer Begeisterung für das antike Mazedonien erfasst. Olympic Airways gründete eine Tochtergesellschaft namens Macedonian Airlines, die Flughäfen von Kavala und Thessaloniki wurden in «Alexander der Grosse» und «Makedonien» umbenannt, ein Hafen hiess fortan «Philipp der Zweite».

 Gelingt eine Einigung im Namensstreit, könnte Mazedonien der Nato beitreten und die EU-Beitrittsverhandlungen eröffnen.

Auch der langjährige mazedonische Premier Nikola Gruevski nutzte den Konflikt, um die nationalistischen Kräfte in seinem Land in Lauerstellung zu halten. Der internationale Flughafen von Skopje wurde in «Alexander der Grosse» umbenannt, im Zentrum der Hauptstadt Skopje stellte die Regierung eine über 20 Meter hohe Reiterstatue des hellenischen Feldherrn auf, etwas kleiner ist das Denkmals seines Vaters Philipp II. Die antiken Helden wurden von geschichtsunkundigen Populisten in Skopje posthum slawisiert.

Die neue Regierung des Sozialdemokraten Zoran Zaev will diesen politischen Irrlauf stoppen. Schon vor Jahren musste Mazedonien den sogenannten Stern von Vergina aus seiner Landesflagge entfernen. Um die Griechen zu besänftigen, soll nun eine Phase der «Deantikisierung» beginnen. Der Flughafen von Skopje könnte laut Beobachtern Kiro Gligorov heissen. Beim Zerfall Jugoslawiens hielt der erste Präsident der unabhängigen Republik Mazedonien seine Landsleute aus dem blutigen Konflikt heraus. Gelingt bald eine Einigung im leidigen Namensstreit, könnte Mazedonien der Nato beitreten und die Beitrittsverhandlungen mit der EU eröffnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2018, 19:14 Uhr

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