Ein Land identifiziert sich mit einer Kathedrale

In Frankreich ist Religion reine Privatsache. Doch nun wird Notre-Dame zum nationalen Symbol. Ein eklatanter Widerspruch.

Trauer um ein Wahrzeichen: Karfreitagsprozession vor der Notre-Dame. Foto: Pierre Suu (Getty)

Trauer um ein Wahrzeichen: Karfreitagsprozession vor der Notre-Dame. Foto: Pierre Suu (Getty)

Michael Meier@tagesanzeiger

Ausgerechnet zum Auftakt der Kar­woche brannte die Pariser Kathedrale Notre-Dame lichterloh. «Eine Tragödie», darin ist sich die Welt einig. Sinnigerweise aber trägt die Feuersbrunst auch die Ostergeschichte in sich: In der Katastrophe der brennenden Gemäuer ist die Kirche als christ­liche Arche und Wiege der Kultur auferstanden. Sinnbild dafür könnte die Rettung von Jesu Dornenkrone aus den Flammen sein. Aus all den Kommentaren kann geschlossen werden, dass die Kathedrale unserer Lieben Frau jedenfalls mit dem Eigentlichen und Inners­ten der Franzosen zu tun hat.

Für Präsident Emmanuel Macron ist mit dem Brand die «Seele der Franzosen» verletzt worden. Die Tageszeitung «La Croix» titelte: «Das Herz liegt in Asche», und «Le Monde» überschrieb seine Sonderausgabe mit «Notre-Dame, notre histoire». Wiederholt war vom «Symbol der Einheit Frankreichs» zu lesen, gar vom «Symbol des christlichen Abendlandes». Derselbe Tenor auch im Ausland: «Mit Notre-Dame verschwindet ein Teil unserer europäischen Identität», so «La Repubblica». Und die NZZ: «Notre-Dame markiert für die Franzosen den Urkern ihres Seins und den Mittelpunkt ihrer Welt.»

Gewiss, Notre-Dame ist zunächst das Wahrzeichen der Stadt Paris und ihr Touristenmagnet. Die Kathedrale ist als architektonisches Monument ein Meisterwerk der Gotik. Sie ist ein Ort der Geschichte: Hier wurden Könige gekrönt und begraben. Hier feierten die Revolutionäre ihre Siege. Von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, ist Notre-Dame dennoch weder Gedenkstätte noch Museum. Sie ist vielmehr ein von der Säkularisierung unberührter Ort des Gebets und des Kultes geblieben, eine Kirche eben. Als solche transzendiert sie ihre historische, architektonische und kulturelle Bedeutung.

Ein Brand im Eiffelturm, in der Philharmonie von Jean Nouvel oder im Elysée-Palast hätte kaum ähnlich starke Emotionen geweckt wie das Feuer in Notre-Dame. Auf unser Land übertragen: Flammen im Bundeshaus oder in einem Schloss würden kaum so berühren wie das brennende Zürcher Grossmünster oder das Kloster Einsiedeln.

Inbegriff des laizistischen Staats

Wie auch immer: Dass an diesem christlichen und kirchlichen Gebäude von Notre-Dame die Identität und Einheit Frankreichs, ja des Abendlandes festgemacht wird, ist doch sehr überraschend. Umso mehr als vermutlich kein radikaler Aggressor, etwa der islamistische Terror, die Kathedrale teil­zerstört hat, sondern ein absichtslos entstandenes Feuer. Die versehrte Kirche erhält ihren Glanz nicht dank der Negativfolie des Islamismus. Nein, sie zeigt uns ihre ureigene Aura.

Dass die Kirche als Referenz der französischen Identität, ja als Seele der Nation gesehen wird, ist aus einem anderem Grunde noch er­staunlicher: Heute fokussieren alle Religionsdebatten auf den religiös neutralen Staat. Sie sensibilisieren diesen dafür, dass religiöse Symbole wie Kruzifix, Kippa oder Minarett im öffentlichen Raum nichts zu suche haben. Vor kurzem hat Frankreich nicht nur die Burka aus der Öffentlichkeit verbannt, sondern auch Kreuz, Kippa und Kopftuch aus den Schulen.

Überhaupt ist Frankreich der Inbegriff des laizistischen Staates. Es hat in der Revolution die Menschenrechte gegen die Kirche durchgesetzt und mit dem Gesetz von 1905 über die «Trennung von Kirche und Staat» den Laizismus zum Verfassungsprinzip erhoben. Dieses soll die Neutralität des Staates, die Religionsfreiheit und die Gleichbehandlung der Religionen garantieren. Tatsächlich aber gebärdet sich der französische Laizismus im Unterschied etwa zur US-amerikanischen Trennung von Kirche und Staat klar religionsfeindlich. Dies auch ganz im Gegensatz zu Deutschland oder der Schweiz, wo die Kirchen staatlich subventionierte Körperschaften des öffentlichen Rechts und öffentlich präsent sind. Frankreich indessen erklärt die Religion zur reinen Privatsache: Religion hat weder eine staatliche noch eine öffentliche Funktion.

Kompensation zum geschichtsblinden Denken

Offiziell zumindest. Gerade erleben wir, wie das laizistische Land seine Haupt-Kathedrale zum nationalen Symbol erhebt. Ein eklatanter Widerspruch, ganz klar. Wohl aber auch eine Kompensation zum laizistischen geschichtsblinden Denken, das alles Religiöse aus der öffentlichen Sphäre tilgt. Und eine gesunde Erinnerung daran, dass die Kathedrale in der Mitte der Stadt einst auch die Mitte des Lebens bedeutete. Diese historisch-christliche Prägung soll offenbar nicht einfach in Schutt und Asche versinken.

Vielleicht führt dieses Bewusstsein zu einer sanften Revision des ideologischen Laizismus, gar zu einer Annäherung der klassischen Antipoden Revolution und Kirche. Zumal ja die katholische Kirche im 20. Jahrhundert die Menschenrechte samt Trennung von Staat und Kirche anerkannt hat. Für die Pfarrer von Paris ist das jedenfalls Inspiration genug, am Sonntag die Bedeutung von Ostern im Spiegel der brennenden Aktualität zu erörtern.

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