Diese TV-Serie lehrt die Mafia das Schiessen

Keine Fernsehserie fesselt die Italiener wie «Gomorra» über die Camorra, die neapolitanische Mafia. Nun warnen Richter, dass sich die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischen.

Erfolgreiche TV-Serie: In «Gomorra» wird mit ausgestrecktem Arm und leicht abgedrehter Hand geschossen. Foto: Sunset Box, Laif

Erfolgreiche TV-Serie: In «Gomorra» wird mit ausgestrecktem Arm und leicht abgedrehter Hand geschossen. Foto: Sunset Box, Laif

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Zwei Namen hallen laut durch Italien, samt polemischem Echo. Dabei sind es nur Künstlernamen. Genny Savastano und Ciro Di Marzio – so heissen die beiden Hauptfiguren aus der erfolgreichen Fernsehserie «Gomorra», die auf dem gleichnamigen Bestseller von Roberto Saviano basiert. Sie handelt von der ­Camorra, Neapels Mafia.

Die jungen Bosse aus dem Programm sind mittlerweile so bekannt, dass die Schauspieler, die ihre Rollen interpretieren, in Talkshows auftreten und den ­Zeitungen Interviews geben. Salvatore Esposito und Marco D’Amore, so heissen die beiden Männer im wirklichen Leben, 31 und 36 Jahre alt, sollen dann jeweils nicht nur über ihre Künste reden. Sondern auch über Politik, die Gesellschaft oder gern auch über ihre Vorlieben im Fussball. Beide geben sich Mühe, Italienisch ohne neapolitanischen Einschlag zu reden. Würden sie bei ihren Auftritten abseits des Sets nicht auch mal herzhaft lachen, fiele es schwer, sie von ihren Rollen zu trennen. In der Serie lachen sie nie. Gerade ist die dritte Staffel zu Ende gegangen, an der vierten wird schon gedreht.

Das Phänomen mag es auch bei anderen Schauspielern geben, die einmal eine besonders einprägsame Rolle gespielt haben. Bei «Gomorra» aber wirkt alles an der Fiktion so verstörend real und roh, dass sich die Grenzen zwischen dem, was ist, und dem, was nur gespielt wird, scheinbar ständig verwischen. Nach echten Morden der Camorra, solchen mit richtigem Blut in den Strassen Neapels, schreibt das Lokalblatt «Il Mattino» oftmals: «Mord im Stil von ‹Gomorra›». Und das muss man offenbar wörtlich verstehen.

Trailer zu der 1. Staffel. Video: Youtube

Gleich mehrere prominente Richter und Mafiajäger haben die Serie jetzt hart kritisiert. Sie finden, das organisierte Verbrechen werde da auf verstörende Art vermenschlicht, gar ein bisschen glorifiziert. Polizisten kommen bei «Gomorra» kaum vor. Richter auch nicht. Es gibt nur Böse, und diese Bösen erscheinen mit den Jahren und den Schicksalsschlägen immer weniger böse.

«Das Verbrechen inspiriert das Kino und das Kino das Verbrechen, es ist eine ständige Osmose.»Roberto Saviano, Buchautor

Einer der lautesten Kritiker der Serie ist Nicola Gratteri, Staatsanwalt aus Catanzaro und Kämpfer gegen die ’Ndrangheta, Kalabriens Mafia. Die Hauptfiguren aus «Gomorra», sagt Gratteri, kämen «viel zu sympathisch» rüber, und ihre Verbrechen erschienen eigentlich ganz okay. Das sei ein echtes Problem, weil es den Kampf gegen die Clans ­erschwere. Federico Cafiero De Raho, der Chef der nationalen Anti-Mafia-Behörde und selbst Neapolitaner, hält dem Programm vor, es «humanisiere» die Mafia: «Man könnte meinen, die Camorra sei eine Vereinigung wie andere.» Dabei sei die Camorra Gewalt, nichts als Gewalt. Man hört nun auch wieder, «Gomorra» könnte zur Nach­ahmung verleiten, richtige Camorristi könnten sich von den Schauspielern inspirieren lassen.

Schiessen wie im Film

In diesem Zusammenhang wird ein Beispiel erzählt, von dem niemand genau weiss, ob es wahr ist. Neuerdings soll in den Strassen Neapels auch schon mal so geschossen werden, wie in «Gomorra» geschossen wird: mit ausgestrecktem Arm und leicht abgedrehter Hand. Früher schossen offenbar alle klassisch, wie die Revolverhelden aus den Western, weil das Zielen mit gerader Hand am besten gelingt. In der Serie drehen sie die Hand beim Schiessen aber nur deshalb ab, weil man sonst bei Frontaufnahmen das Gesicht des Schützen nicht sieht. Es wirkt so viel spektakulärer. Es soll nun vorkommen, dass in Neapel bei Schiessereien Unbeteiligte auch deshalb umkommen oder verletzt werden, weil die Killer mit der neuen Haltung nicht mehr so gut treffen.

Die Produktionsfirma der Serie, Buchautor Roberto Saviano, die beiden Starschauspieler – alle wehren sich vehement dagegen, dass ihr Schaffen zur Imitation verleite. Man lasse sich keine Selbstzensur aufschwatzen, sagen sie, Fiktion sei frei. Saviano wiederholt seit der ersten Staffel, seit 2014 also, dass «Gomorra» helfen solle, die Camorra zu verstehen, was wiederum den Weg zu einer Lösung des Problems weisen könne: «Die Erzählung spiegelt nur die Grammatik der Macht, sie beleuchtet ­deren Dynamik.» Es sei jedoch immer schon so gewesen, sagte Saviano kürzlich auf «Gomorra Channel», einem Kanal auf Youtube, dass das Verbrechen das Kino inspiriere und das Kino das Verbrechen. «Es ist eine ständige Osmose.»

Solche Diskussionen über das Risiko der Nachahmung gibt es immer wieder, vor allem bei Filmen und Videospielen. Doch «Gomorra» ist nun mal ein spezieller Fall. Erfunden ist nur die Geschichte, der Plot der Serie. Der Stoff aber beruht auf Savianos Recherchen über die Mafia Neapels und über deren konfusen, brutalen Generationswechsel, dem der Bestsellerautor bereits zwei weitere Bücher gewidmet hat: «La paranza dei bambini» und «Bacio feroce». Die Szenen der Serie werden in Neapel gedreht, in den wuseligen Altstadtvierteln und im grauen Secondigliano an der nördlichen Peripherie der Stadt. Alle Italiener kennen die Schauplätze der Serie auch aus den Abendnachrichten am nationalen Fernsehen. Allzu oft handeln sie von ­Abrechnungsmorden, wie man sie in «Gomorra» sieht.

«Gomorra» aber ist zum Gesellschaftsphänomen geworden

Vielleicht ist die Serie ja gerade deshalb so erfolgreich, weil sie Dokumentation und Fiktion mischt und auch ein bisschen mit der Verwirrung spielt. Die Macher, freilich, würden sich gegen diese Deutung verwahren. Doch das Böse fasziniert, und wahrscheinlich fasziniert es noch etwas mehr, wenn es besonders glaubwürdig und nah wirkt. Ähnlich funktionieren auch andere TV-Serien in Italien, die von der Mafia handeln. Es gibt eine ganze Menge davon, es ist das beliebteste Genre des Moments. Viele dieser Formate wagen sich ganz nahe heran an die Wirklichkeit, man erkennt die einzelnen Clans, auch wenn sie nicht unter ihrem richtigen Namen auftreten. Die Serie «Suburra» etwa, die in Rom und Ostia spielt und die römische Mafia verhandelt, gleicht «Gomorra» im Ton und in den Farben. Auch «Suburra» ist ein Grosserfolg.

«Gomorra» aber ist zum Gesellschaftsphänomen geworden. Jede neue Staffel wird jeweils in allen italienischen Städten mit gigantischen Plakaten beworben, wie man sie von Fluggesellschaften aus den Golfstaaten kennt. Die Zeitungen besprechen jede Episode länglich und durchaus kontrovers, es gibt Diskussionsforen im Netz. Am Radio kommt es vor, dass geistreiche Moderatoren vorgeben, sie wüssten, wie es weitergeht: Sie täuschen also sogenannte Spoiler an, um die Spannung der Zuschauer zu brechen. Das findet dann aber niemand lustig. Nach Neapel kommen mittlerweile Touristen von weither, nur weil sie die Serie in ihren Ländern gesehen hatten. «Gomorra» dient manchen von ihnen als Synonym für die Stadt, was natürlich auch wieder eine arge Verzerrung ist.

Mafiamode aus Neapel

Unlängst schickte das Magazin «D» der Zeitung «La Repubblica» einen Reporter und einen Fotografen nach Neapel, damit sie sich da einmal unter den Fans der Serie vor Ort umhören. In ihrer Reportage «Gomorra im Spiegel» treten Personen auf, die sich kleiden wie die Figuren aus der Serie, solche, die sich dieselben Tattoos stechen liessen wie die Protagonisten und ganze Dialogpassagen frei ­zitieren können. Gennys ausgefallene Frisur ist ein Renner. Einmal Statist sein in der Serie, das ist ein Traum von vielen. Vom Team, das für die Kostüme und das Make-up der Serie zuständig ist, sagt man, es sei brillant, es habe die modischen Codes in den Gassen Neapels ganz genau studiert und übernommen. «D» fragt: «Wo hört die Fiktion auf, und wo beginnt die Realität?»

Hier ein bisschen etwas aus der dritten Staffel, ohne Spoiler: Genny ist jetzt selbst Boss. Sein Vater wurde umgebracht – mit seinem Einverständnis. Er herrscht über ein grosses Gebiet, das von Secondigliano bis Rom reicht. Ciro, der mal Gennys Vorbild war, leidet nach dem Mord an seiner Tochter an einer mittleren Depression und hat sich nach Bulgarien abgesetzt. Er ist plötzlich ­gealtert, er wirkt abgelöscht, gilt aber immer noch als «L’immortale», der Unsterbliche. Das ist sein Übername, sein Heldenstatus. Kein Rivale kommt ihm bei, die Polizei kann ihn nicht fangen. Und auch das gibt es in der Realität dramatisch oft. Einmal sagt Ciro, er sei gefangen im Käfig des Untodes. Es ist eine Pointe ganz im Erzählstil von Roberto Saviano. Doch ist sie auch die finale?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2017, 20:55 Uhr

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