Die revolutionäre Imamin

Die türkisch-deutsche Rechtsanwältin Seyran Ates eröffnet in Berlin eine liberale Moschee.

Das Revolutionäre an ihrer Moschee: Frauen und Männer werden im gleichen Raum beten.

Das Revolutionäre an ihrer Moschee: Frauen und Männer werden im gleichen Raum beten. Bild: Soeren Stache/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie ist so etwas wie die Galionsfigur des Reform­islam in Deutschland: die türkischstämmige Seyran Ates, dekoriert mit Preisen wie dem Landesverdienstorden oder dem Bundesverdienstkreuz, aber auch gehasst von den Rechtgläubigen. Jetzt erfüllt sie sich ihr Herzensprojekt: Sie eröffnet am Freitag mit ihren Mitstreitern aus Europa in Berlin eine liberale Moschee – zuerst in den Räumen der evangelischen Johanniskirche in Moabit. Später soll sie in ein eigenes Gebäude umziehen.

Ganz dem Reformislam verpflichtet, heisst die 54-Jährige alle willkommen: Sunniten, Aleviten, Schiiten, Sufis, und vor allem auch jene, die bisher in den konservativen Moscheen heimatlos waren: Schwule, Lesben, Feministinnen und Atheisten. Das Revolutionäre an der Moschee: Frauen und Männer werden im gleichen Raum beten. Jeweils eine Imamin und ein Imam werden gemeinsam das Freitagsgebet sprechen. Die Rechtsanwältin setzt mit ihrem befreiungstheologischen Projekt ein klares politisches Signal gegen den in Deutschland vorherrschenden türkischen Staatsislam. Sie spricht von einem Modellprojekt für Europa, mit dem sie dem Religionsverständnis und der Geschlechter­apartheid der konservativen Muslimverbände etwas entgegenhalten will. «Nirgends fühle ich mich als Frau diskriminierter als in der Moschee», sagte sie einmal. Für sie ist die Rolle der Frau das Modernisierungsproblem des Islam.

Sie heisst auch jene willkommen, die bisher in den konservativen Moscheen heimatlos waren: Schwule, Lesben, Feministinnen und Atheisten.

Bei der Eröffnung wird Ates ihr neues Buch «Selam, Frau Imamin» vorstellen. Und womöglich wieder so viel Staub aufwirbeln wie mit ihren früheren Publikationen: «Der Islam braucht eine sexuelle Revolution» oder «Der Multikulti-Irrtum».

Ates war als Kind türkisch-kurdischer Gastarbeiter nach Berlin gekommen. Aufgewachsen in einer traditionellen Grossfamilie, brach sie mit 17 aus den patriarchalen Strukturen aus. Die in Istanbul geborene Berlinerin engagierte sich fortan frauenpolitisch und äusserte sich zu allen heissen Themen: Kopftuch, Ehrenmorde, Parallelgesellschaften, Migration. Sie kämpfte dafür, dass Zwangsheirat als eigener Straftat­bestand ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde. Seit Anfang der 80er-Jahre arbeitete sie in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei. Während einer Beratung erschoss 1984 ein Attentäter eine ihrer türkischen Klientinnen und verletzte Ates lebensgefährlich. Bis heute lebt die Frauenrechtlerin mit Morddrohungen, angefeindet von Islamisten und türkischen Nationalisten, für die sie eine Häretikerin ist.Dabei will sie bloss einen friedlichen, demokratietreuen und geschlechtergerechten Islam. Der Name der Moschee verkündet ihr humanistisches Programm: Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Ibn Rushd hatte im 12. Jahrhundert unter dem Namen Averroes eine islamische Aufklärung entworfen. Und Goethe war dem Islam vorurteilslos zugewandt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 19:53 Uhr

Artikel zum Thema

Neuer Anlauf für Zentralmoschee in Zürich

Im August nimmt sich eine Kommission der Realisierung eines islamischen Kulturzentrums in Zürich an. Problematisch ist vor allem die Finanzierung. Mehr...

Dem Islam ein Gesicht geben

Kommentar Eine Zentralmoschee ist – gerade in einer sakulären Gesellschaft – eine sinnvolle Einrichtung. Allerdings braucht es eine sichere Finanzierung. Mehr...

Islam-Vertreter verteidigen umstrittenen Zürcher Imam

Der Vorbeter von Volketswil predige gemässigt, sagt die Vizepräsidentin des Zürcher Moschee-Dachverbands. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

Politblog: Alle
auf die Frau!

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Wellness fürs Schaf: An der «Sichlete» nach dem Alpabzug gestern in Bern hält dieses Tier ganz entspannt seinen Kopf hin. Die Schur nach einem Sommer auf der Alp ist wohl tatsächlich eine Erleichterung (18: September 2017).
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...