Die Revolution soll aus dem Urwald kommen

Das Treffen von Franziskus mit den Ureinwohnern in Peru war der Auftakt zur Amazonas-Synode von 2019 in Rom. Dort soll der Pflichtzölibat fallen.

Eine Gläubige in Chile hält einen Pileolus hoch und wartet auf Papst Franziskus. Foto: Esteban Garay (Keystone)

Eine Gläubige in Chile hält einen Pileolus hoch und wartet auf Papst Franziskus. Foto: Esteban Garay (Keystone)

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Er könnte es sich einfach machen und beispielsweise nach Deutschland reisen, nach England oder Frankreich. Nein, dieser Papst vom Ende der Welt besuchte letzte Woche auf seiner sechsten Lateinamerika-Reise erneut politisch instabile Länder wie Chile und Peru. Dort holte Franziskus die katholische Schuldgeschichte ein. In Gestalt etwa des Missbrauchsskandals. Obwohl er diesen neuerlich verurteilte, wurde er sogar vom päpstlichen Missbrauchsberater Kardinal O’Malley gerügt, weil er sich hinter den chilenischen Bischof Juan Barros stellte, der Täter gedeckt haben soll. Konfrontiert wurde der Papst auch mit den Indigenen, Opfer auch sie seit der Zeit der spanischen Konquistadoren.

Erstmals brannten im Vorfeld einer päpstlichen Visite sogar Kapellen und Hubschrauber. In Brand gesetzt von Mapuche-Indianern im südlichen Chile, die seit langem die Rückgabe ihrer enteigneten Ländereien und die Freilassung von Aktivisten fordern. Einer der prominentesten Mapuche-Sprecher kritisierte Franziskus nach dem Gottesdienst in Temuco, das Unrecht gegenüber den Ureinwohnern nur lau, doppelsinnig und ungenau angesprochen zu haben.

Dabei liegen dem Papst die Ureinwohner ganz besonders am Herzen. Ihretwegen ist er abermals nach Lateinamerika gereist. Ihretwegen hat mit ihm in Peru erstmals ein Papst das Amazonas-­Gebiet betreten. In Puerto Maldonado, einer konfliktreichen Stadt von Goldgräbern und Holzfällern mitten im Regenwald, traf er mit den gebeutelten Ureinwohnern zusammen. Er verurteilte die «neuen Kolonialismen», die Gier nach Öl, Gas, Gold und Monokulturen, die die Völker Amazoniens mehr bedrohten als je zuvor.

Die Amazonas-Synode ist ein Herzensanliegen von Franziskus.

Die Bedeutung des Treffens geht weit über den Tag hinaus. Wie der mitgereiste Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, erklärte, war es ein erster Schritt, «um Aufmerksamkeit zu wecken für die Amazonas-Synode»: Sie wird im Herbst 2019 in Rom stattfinden nach einer Vorsynode in einer Bischofsstadt Amazoniens.

Die Amazonas-Synode ist ein, wenn nicht das Herzensanliegen von Franziskus und wird in den nächsten Jahren zu reden geben. Sie soll Antworten suchen auf die missliche Lage der indigenen Völker, auf deren soziale und ökologische Ausbeutung durch Grossgrundbesitzer, Bergwerksgesellschaften, Goldsucher und Holzunternehmer. Ein Anliegen, dem Franziskus bereits seine Umwelt-Enzyklika «Laudato si’» gewidmet hatte.

Die Synode soll aber auch Wege aus der pastoralen Not der Ureinwohner aufzeigen. In Amazonien können 90 Prozent der katholischen Gläubigen wegen des horrenden Priestermangels nicht regelmässig die Sonntagsmesse besuchen. Gemäss dem brasilianisch-österreichischen Missionsbischof Erwin Kräutler, der die Synode mitvorbereitet, will Franziskus mit ihr deshalb das Priestertum für geeignete verheiratete Männer, für «viri probati», öffnen. Das sorgt im rechten Lager der Kirche für helle Aufregung.

Will er das Kampffeld Zölibat öffnen?

Es befürchtet, dass die Gegner des Pflichtzölibats mit dem Umweg über den Amazonas ihr Anliegen durchsetzen und so dem hiesigen Widerstand ausweichen wollten: Die lang ersehnte Revolution der Kirche soll vom Urwald herkommen. Das bestätigen liberale Theologen wie Paul Zulehner, die Franziskus preisen, mit dezentralen Lösungen von der Peripherie her die Kirche verändern zu wollen. Täuschen sie sich da womöglich?

Der Papst hat verheiratete Priester bisher nur am Rande erwähnt. Will er, der noch immer unter den Kontroversen der Familiensynode leidet, nun auch das Kampffeld Zölibat öffnen? Wäre es nicht auch eine Art von Kolonialismus, wenn die Urwaldbewohner dafür herhalten müssten, einen vor allem in der westlichen Kirche virulenten Konflikt zu lösen?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 20:26 Uhr

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