Der nationale Sozialist

Nach 26 Jahren als Sozialdemokrat ist der Bergmann und Politiker Guido Reil zur AfD übergetreten. Nun kämpft er im Ruhrpott für deutschen Egoismus.

«Wir zuerst!», müsse es jetzt heissen, sagt der Gewerkschafter und Gruben-Gruppenführer Guido Reil. Foto: Julia Sellmann

«Wir zuerst!», müsse es jetzt heissen, sagt der Gewerkschafter und Gruben-Gruppenführer Guido Reil. Foto: Julia Sellmann

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Sozialdemokratischer kann man nicht sein. Als Steiger, so heissen im Kohlebergbau die Gruppenführer, fährt er noch jede Nacht in die Grube; es ist die letzte, die im Ruhrpott in Betrieb ist. Er ist Gewerkschafter und Betriebsrat, fährt für die Arbeiterwohlfahrt Rentner zum Einkaufen. Er war ehrenamtlicher Richter und sass für die SPD im Stadtrat von Essen. Jung war er in die Partei eingetreten – wie zuvor sein Vater und sein Grossvater. Er ist in Gelsenkirchen geboren, lebt in Essen-Karnap, Nordrhein-Westfalen: der Herzkammer der deutschen Sozialdemokratie. Ein Genosse wie ein wandelndes Klischee.

«SPD ist Familie», sagt Guido Reil – im Präsens, nicht in der Vergangenheitsform. Dabei gehört er ihr gar nicht mehr an, seit fast einem Jahr. Erst ist er ausgetreten, dann übergetreten. Ausgerechnet zur Alternative für Deutschland (AfD). Von den Roten zu den Braunen, wie Verächter sagen. «Ich habe mich nicht geändert. Ich sage immer noch dasselbe wie vorher», entgegnet Reil. Vorher habe man ihn einen Linken geschimpft, jetzt einen Nazi. Das sei offensichtlich absurd.

Reils Umschwenken sorgte für Aufsehen, nicht nur im Ruhrpott, sondern im ganzen Land. Er wurde in die grossen Talkshows eingeladen, Porträts erschienen in wichtigen Zeitungen. Der Überläufer wurde eine Marke. Am Anfang meinten viele, die AfD sei nur ein Problem für Christdemokraten und Liberale, deren rechter Rand zur neuen Partei desertierte. Reil wurde zum Gesicht für die Nöte der SPD, die ihrerseits Hundert­tausende Wähler an die AfD verlor.

«AfD, die neue Arbeiterpartei»

«Die SPD ist längst keine Partei der Arbeiter und kleinen Leute mehr», meint Reil. In seinem alten Ortsverband in Essen habe man ihm ins Gesicht gesagt, dass man auf sie keine Rücksicht mehr nehmen müsse. «Noch neun Prozent unserer Mitglieder sind Arbeiter», sagte sein Chef. Die grosse Mehrheit bilden Akademiker und Beamte. «Die neue Arbeiterpartei, das ist jetzt die AfD», antwortet Reil heute. Bei den letzten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin war die AfD bei den Arbeitern bereits die stärkste Kraft.

Der Ort, an dem Guido Reil erzählt, wie es kam, dass er auf einmal in der falschen Partei war, liegt mitten im Ruhrpott: Oberhausen, unweit von Essen und Gelsenkirchen. Die Gegend, die noch vor 50 Jahren das industrielle Herz Deutschlands bildete, ist heute das ­Armenhaus der Republik. Anstelle von Kohle, Stahl und Kraftwerken sind fast nur rostige Ruinen übrig geblieben. Die Politiker hätten beschönigend vom «Strukturwandel» gesprochen, sagt Reil. Er und seine Kumpel hätten keinen Wandel erlebt, sondern nur Abbau.

Die AfD trifft sich mit vier Dutzend Sympathisanten in einem tristen Gasthaus. Kegelbahn und kleiner Saal, viele Männer, die Zorn und Missmut im Gesicht tragen. Reil, 47 Jahre alt, ist der Stargast, die Leute begeistert er im Nu. Aber vorher erzählt er dem Reporter noch seine Geschichte, im rauen Schnellsprech des Ruhrpotts.

Er sei schon lange unzufrieden gewesen in der SPD, eigentlich seit Gerhard Schröders Abwahl als Kanzler 2005. Schröder, den Mann der Industrie, fand er «töfte», klasse. Danach habe die Linie gefehlt. 2010 kam in Nordrhein-West­falen Rot-Grün an die Macht. Aus Reils Sicht wurden die Dinge damit nicht besser, sondern schlechter. «Deren ideologische Politik hat das Ruhrgebiet vor die Hunde gehen lassen.»

Die Flüchtlingskrise war der Tropfen, der Reils Fass zum Überlaufen brachte. Aus Frust wurde Wut. «Über zehn Jahre habe ich meinen Wählern nur alles weggenommen. Ich habe denen erzählt: Wir haben kein Geld, wir sind pleite. Wir müssen Opfer bringen.» Reil stand hinter Schröders Agenda 2010, die für die Menschen am unteren Rand der Gesellschaft tiefe Einschnitte brachte. Opfer bringen, damit es danach wieder besser wird, daran glaubte er. Aber im Ruhrgebiet wurde es nicht besser, im Gegenteil.

Auf einmal wurde Reil in die grossen Talkshows eingeladen – der Überläuferwurde eine Marke.

«Dann, auf einmal, kamen Millionen von Menschen aus dem Nahen Osten, die mit unseren Werten nichts gemein, die für unseren Staat noch nie etwas geleistet haben. Für sie waren auf einmal Milliarden da, 40 Milliarden alleine im letzten Jahr.» Bei ihnen würden die Schulen und Brücken bröckeln, Rentner, kleine Leute darbten. Dafür gebe es kein Geld. Für Einwanderer schon. «Die kriegen alles umsonst.» Reil, der ein ganzes Politikerleben lang für soziale Gerechtigkeit und die Schwächeren gekämpft hatte, empfand das als unerträglich ungerecht.

Er weiss selber, dass die Deindustrialisierung mit den Flüchtlingen nichts zu tun hat. Vielmehr sei das Ruhrgebiet immer ein Schmelztiegel für Einwanderer gewesen. Das habe so lange funktioniert, als es Arbeit gab. Heute führe es nur zum Kollaps. Er weiss auch, dass er und seine Leute nicht weniger haben, seit die Flüchtlinge da sind. «Es ist nicht mein Geld, das die bekommen, ja. Aber es ist unser Geld!» Er liest die «Willkommenskultur» als Signal, dass Deutschland und die SPD sich lieber um die Armen der Welt kümmern als um die eigenen Leute. «Wir zuerst!», müsse es jetzt heissen, wie bei Trump. «Es ist Zeit für gesunden Egoismus und Stolz auf unser Land», sagt Reil. «Für nationalen Sozialismus in einer richtigen Arbeiterpartei?», fragt der Reporter. Der AfD-Novize zuckt nicht mit der Miene und nickt.

Der Bruch mit der SPD kam, als Reil in Essen zur Demo gegen Flüchtlinge aufrief. Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, pfiff die Genossen persönlich zurück. Da ging Reil zur Lokalpresse. Viele an der Basis der Partei bejubelten seine Kritik an der Flüchtlingspolitik – «endlich sagt es mal einer». Die Kader beschimpften ihn als «Rassisten» und riefen ihn auf, zur Besinnung zu kommen. Aber Reil wollte und konnte nicht mehr zurück. «Das Establishment der SPD lebt doch auf dem Mond», schimpft er.

Die Trennung war schmerzhaft. Reil weinte, als er im Ortsverein den Austritt verkündete. «Ich habe eine Scheidung hinter mir. Der Abschied von der SPD war ähnlich hart und traurig.» Zwei enge Freunde wollen seither nichts mehr mit ihm zu tun haben. Reil schmerzt das. Die SPD-nahe Arbeiterwohlfahrt möchte auf einmal nicht mehr, dass er Senioren zum Supermarkt fährt, obwohl er den Dienst vor acht Jahren selbst aufgebaut hat. Das macht ihn wütend. In der Zeche hingegen habe sich niemand gewundert. Von der SPD erwarte da schon lange keiner mehr etwas. Auch viele der Türken, mit denen Reil arbeitet, wählen AfD.

Die AfD nahm Reil im letzten Sommer mit offenen Armen auf. In Nordrhein-Westfalen wird in zwei Monaten gewählt. Wer könnte der SPD besser Wähler abjagen als er? Seither tingelt er für die AfD durch das Land. Einigen in der Partei ging der Aufstieg des «nationalen Sozi» allzu schnell voran, der Neid begann ihn zu bremsen. Auf der Landesliste wurde er am Ende nur auf Platz 26 nominiert.

Reil animiert den sozialen Flügel der Partei, allerdings ist die AfD in der Sozialpolitik noch zerstrittener als sonst. Als Linker fordert er höhere Mindestlöhne und -renten, längere Unterstützung für Arbeitslose. Zeit- und Leiharbeit geisselt er als «moderne Sklaverei». Die Mehrheit der AfD, inklusive ihrer aktuellen Chefs, denkt hingegen betont liberal, sogar neo-liberal, will weniger Staat, nicht mehr. Was die soziale Frage angeht, hätte Reil auch zur Linkspartei wechseln können. Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht etwa findet er ganz toll. Aber insgesamt identifiziere sich die Linke zu wenig mit Deutschland. «Die wollen Ponyhof für alle. Gibt es aber nicht.»

So schmerzhaft die Trennung war, bei der AfD fühlt sich Reil wie befreit. «Bei der SPD habe ich in 26 Jahren keine einzige vernünftige Rede gehalten. Nun rede ich zwei Stunden am Stück, ohne Notizen.» Er geniesst die neue Aufmerksamkeit. Er hat die Gabe, seine Wut in aufrüttelnde Energie umzuwandeln, den Missmut des Publikums in sarkastische Fröhlichkeit.

Politische Gegner schmähen ihn als Rassisten und Nazi, die ehemaligen Genossen beklagen, er mache als sozialer Demagoge und nützlicher Idiot Propaganda für eine faschistoide Partei. Der Nazivorwurf schmerzt Reil, weil er ihn für absurd hält. Vergleicht man seine Reden von heute mit denen vor einem Jahr, hat er sich fraglos radikalisiert. Es macht ihm nichts aus, pauschal gegen Zigeuner, Libanesen oder den Islam zu hetzen, die angeblich das Ruhrgebiet terrorisieren. Je rücksichtsloser er die Ausländer zu Sündenböcken macht, desto grösser fällt der Applaus seiner neuen Fans aus.

Der Test in NRW

Ein Nazi aber ist Reil gewiss nicht geworden. Die völkischen Reden von Björn Höcke etwa, dem AfD-Tribun im Osten, hält er für «höchst befremdlich». Dessen geschichtsrevisionistische Thesen schadeten im Westen schwer. «Wir Deutschen habe grosse historische Schuld auf uns geladen, keine Frage», sagt Reil. «Aber in meinem Leben spielt Hitler keine Rolle. Wir haben in der Gegenwart konkrete Probleme zu lösen. Was soll ich mit der Vergangenheit?»

Was die Zukunft bringt, ist unklar. Die Euphorie, in die Martin Schulz die SPD gestürzt hat, seine alte Partei, kann Reil nicht nachvollziehen. Er hält ihn für einen Schauspieler und Sozialpopulisten, für einen Repräsentanten des schwarzen Milliardenlochs Brüssel. Keine Sekunde glaubt er, dass Schulz für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen würde. «Aber er hat die alte Tante SPD geweckt. Und wenn die alte Tante marschiert, wird es bitter für uns.»

In den jüngsten Umfragen für Nordrhein-Westfalen, wo am 14. Mai gewählt wird, ist die SPD auf unglaubliche 40 Prozent gesprungen, die AfD auf 7 Prozent abgestürzt. Auf seinem Listenplatz 26 liegt Reil derzeit von einem Mandat als Landtagsabgeordneter «so weit weg wie vom Mond». Nicht nur für ihn, auch für die Partei stehe viel auf dem Spiel. «2015/16 hat uns noch die Flüchtlingskrise getragen. Aber 2017 ist unser Jahr. Da müssen wir es schaffen. Verbocken wir es, ist alles verloren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 21:03 Uhr

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