Der grosse griechische Schiffsfriedhof soll verschwinden

Seit Jahrzehnten rosten in einem Golf bei Athen Dutzende Schiffe vor sich hin. Nun beginnt die Suche nach ihren Besitzern.

Aus der Entfernung haben die Wracks eine bizarre Schönheit. Aber sie sind gefährlich für die Umwelt und den Schiffsverkehr. Foto: Thanassis Stavrakis (AP, Keystone)

Aus der Entfernung haben die Wracks eine bizarre Schönheit. Aber sie sind gefährlich für die Umwelt und den Schiffsverkehr. Foto: Thanassis Stavrakis (AP, Keystone)

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Was würde sich besser eignen für ein Geheimnis als dieser Ort, an dem sie sich schon vor 2000 Jahren so gut auskannten mit der dunklen Seite der Welt. Zu Fuss kamen die Pilger aus Athen, liefen tagelang, nur um die Angst vor dem Tod zu überwinden: in Eleusis, dem Ort der Erlösung, wo sie Demeter, die Göttin des Lebens, verehrten. Elefsina heisst der Ort heute, und er ist immer noch voller Geheimnisse.

Sie liegen zum Beispiel auf dem Grund des Meeres. Schiffe, versenkt und vergessen. In diesem malerischen Golf, der von allen Seiten geschützt und vom Wetter begünstigt ist, gibt es so viele Schiffswracks, dass sie kleine Leuchttürme aufstellen mussten, damit kein fahrendes Schiff ein totes rammt. So wie an jener Stelle, wo drei Wracks aufeinanderliegen.

Aber jetzt soll aufgeräumt werden, der grosse griechische Schiffsfriedhof soll verschwinden. Die Regierung hat es versprochen, wegen der Umweltgefahr. Und weil Elefsina, dieser vergessene hellenische Hinterhof mit grosser Vergangenheit, 2021 europäische Kulturhauptstadt werden wird. Klingt wie ein Witz.

«Nein», sagt Christos Christakis, «das ist unsere Chance.» Christakis sitzt am Steuer seines Autos, das vor dem Zementwerk Titan steht. «Ich fahre jeden Tag hier durch, um denen zu zeigen, dass das eigentlich eine öffentliche Strasse ist.» Die riesige Fabrik mit fünf hohen Schloten ist ein Geisterwerk, hier wird nichts mehr produziert, das Unternehmen nutzt nur noch den Hafen. Gleich dahinter öffnet sich eine versteckte Bucht. Da liegen Schiffe mit Geschichte und Geschichten, abgetakelt und abgelegt in Elefsina.

Bucht voll Öl

«Süsse Wasser» heisst die Bucht, am Strand entspringen Süsswasserquellen zwischen den Teerflecken. Rechts und links neben einem Tankermonster schwimmt Plastikfolie im Meer, es sind Ölsperren, neben dem Riesenwrack wirken sie wie Spaghettischnüre. «Wir verlangen Schutz», sagt Christakis.

Wir, das ist die Bürgerinitiative Ecoeleusis. Sie seien nur wenige Leute, etwa ein Dutzend, sagt Christakis. Sie wollen nicht, dass Elefsina der grösste Schiffsschuttplatz Griechenlands bleibt. Christakis ist in Elefsina geboren, 60 Jahre alt, Mathematiklehrer. «Wir müssen an die nächste Generation denken», sagt er. Als Kind ist er im Golf geschwommen. Da gab es auch schon viel Industrie.

Die kam früh nach Elefsina. Das Zementwerk 1902, es lieferte in den Nahen Osten und versorgte ganz Attika, die Region um Athen. 30'000 Menschen leben in Elefsina, aber noch mehr kamen nur zum Arbeiten hierher. In der Bauwirtschaft haben sie die griechische Krise dann zuerst gespürt, das Geschäft ist praktisch tot.

Christakis ist hier oft unterwegs, schaut, ob sich was tut bei den toten Schiffen. Aber es tue sich nichts, sagt er. Die Hafenverwaltung ist für ihn einer der Hauptverantwortlichen für das Desaster. «Wie wollen, dass sie etwas tun, aber sie tun nichts.»

«Eine tragische Situation»

Das Gebäude der Hafenbehörde ist so schmucklos wie das Büro von Charalambos Gargaretas. Der Hafenchef hat einen aufgeräumten Schreibtisch, so als habe er schon Ordnung gemacht in den zehn Monaten, die er im Amt ist. «Ich konnte mir nicht vorstellen, was ich hier vorfinde», sagt Gargaretas, «das ist eine tragische Situation.»

Gargaretas spricht von «Sünden der Vergangenheit». Er hat zuvor in der griechischen Privatisierungsbehörde gearbeitet, er ist Ökonom. Die Privatisierung von Staatsbetrieben ist eine Auflage der internationalen Kreditgeber, sie ist in Griechenland sehr umstritten. Gargaretas sagt, auch der Hafen von Elefsina werde ohne privaten Investor nicht überleben. «Ich sehe keine andere Zukunft.»

Elefsina stand immer im Schatten des viel grösseren und berühmteren Hafens von Piräus, der nicht mal eine Autostunde entfernt ist. Billiger und offen für die schmutzigere und gefährlichere Fracht. Kein Touristenort. Und dann landeten hier auf einmal Schiffe, die keiner mehr wollte oder in der Krise niemand brauchte. «Die Besitzer haben sie einfach liegen gelassen.» Oder die Polizei hat sie gebracht, weil man Schmuggelgut darauf entdeckt hatte. Gerichte sollten sich später um die beschlagnahmten Schiffe kümmern, aber auch diese blieben liegen. Und oft zahlte dann keiner mehr die Hafengebühren.

Gargaretas hat angefangen, nach den Eigentümern der seit 20, 30 Jahren in Elefsina vergessenen Schiffe zu suchen. Er will ein Gesetz aus dem Jahr 2001 anwenden. Es gibt ihm die Möglichkeit, ein Schiff in Besitz zu nehmen, wenn kein Besitzer zu finden ist. «Ich habe die Unterstützung der Regierung», sagt er. Aber um ein Schiff zu übernehmen, in einem aussergerichtlichen Verfahren, muss er erst durch die Hölle der griechischen Bürokratie gehen.

«Ich strecke meine Hand aus, und dann fragt man mich: ‹Warum machst du das?›»Charalambos Gargaretas, Hafenchef

Er hat in seinem Bereich 27 Wracks und 12 gefährliche Schiffe identifiziert, die alle «sofort» aus Elefsina entfernt werden müssten. Manche trieben schon steuerlos von der Küste weg, durch den Golf, sie mussten wieder zurückgeschleppt werden. Nun hat Gargaretas den Leuten in Elefsina versprochen, die Schiffe zu beseitigen. Nur, wie soll das gehen? «Wir müssen sie hier am Hafen zerlegen und dann die grossen Teile abtransportieren», sagt er. Dafür brauchte er aber eine Lizenz.

Viele Freunde hat sich Gargaretas in der Stadt mit dieser Idee nicht gemacht. Bei der Bürgerinitiative sind sie sehr misstrauisch gegenüber dem Hafenchef, sie glauben ihm nicht, dass er wirklich aufräumen will. «Das hat alles keine Logik», sagt Gargaretas über den Widerstand, den er nicht erwartet hat. «Ich strecke meine Hand aus, und dann fragt man mich: Warum machst du das?»

Über die Köpfe hinweg

Womöglich, sagt Gargaretas, hätten die Menschen in Elefsina gelernt, dass jede neue Investition nur mehr Umweltbelastung bringe. Dass also immer über ihre Köpfe hinweg entschieden werde.

Christos Christakis von der Bürgerinitiative mag schon das Wort «Schiffsfriedhof» nicht, das Gargaretas benutzt. Ein Friedhof ist ja gewöhnlich etwas, das bleibt. Fragt man den Lehrer später in einem Café, was er von den Plänen des Hafenchefs hält, sagt er: «Hier gibt es keinen Platz zur Schiffsverschrottung.» Das Café liegt in einem prächtig restaurierten alten Herrenhaus.


Video – Archäologen entdecken Schiffsfriedhof im Mittelmeer


Christakis sagt, in Elefsina seien viele erst richtig aufgewacht, als im September 2017 ein griechischer Öltanker, die Agia Zoni II, der wohl längst hätte verschrottet werden müssen, vor der Küste Athens gesunken sei und ein riesiger Ölteppich die Strände von Salamis über Piräus bis ins feine Glyfada verseucht habe. «Da fingen die Leute an, über die Schiffswracks und die Gefahren hier in unserem Golf zu reden.»

Aber nicht nur Angst könne etwas verändern, sagt Christakis, sondern auch Hoffnung, und die schöpft er eben aus der Aussicht auf die Kulturhauptstadt. Es gibt schon ein dickes Buch mit dem hochgesteckten Veranstaltungsmotto: «Transition to EUphoria». Das Vorbild ist die Ruhrgebietsstadt Essen, die ihre Zechen zu Kulturorten gemacht hat. So ähnlich, sagt Christakis, werde man das auch in Elefsina tun, genug Industrieruinen gebe es ja.

Seit Charalambos Gargaretas von der Hafenbehörde weiss, dass Elefsina Kulturhauptstadt wird, fragt er sich: «Wie bringen wir Leute hierher, was zeigen wir ihnen, und was machen wir mit der schmutzigen Seite von Elefsina? Sollte man sie verstecken oder sagen, ‹das ist es, schaut her›?»

Mit der Evgenia P landeten die Alliierten 1944 in der Normandie, heute liegt sie hier im Wasser.

Zum Beispiel auf die Evgenia P, ein Schiff, das 1944 für die Landung der Alliierten in der Normandie benutzt wurde. Nach Kriegsende kam es nach Griechenland, diente als Fähre und liegt nun auch schon lange in Elefsina, mit offener Heckklappe, leicht zur Seite geneigt, ein griechischer Wimpel weht am Flaggenmast. Könnte man vielleicht eine Festival-Bar da hineinbauen?

Gargaretas hat andere Pläne, er hat den Besitzer des Tankerwracks gefunden, das hinter der Zementfabrik liegt, mit dem vielen Öl im Bauch. Mit dem Mann will er es schaffen, diese vielleicht grösste Sünde von Elefsina zu beseitigen. Dann würden die Menschen ihm schon glauben, dass er es ernst meint. «Ich wette darauf.»

Als er den Besitzer des Wracks angerufen habe, habe der sich gewundert, überhaupt etwas aus Elefsina zu hören, nach einer halben Ewigkeit. «Es war das erste Mal, dass jemand ihn offiziell fragte, was man tun könne.»

Klima der Gesetzlosigkeit

Jetzt will der Hafenchef raus aus seinem Büro, auch wenn es immer noch regnet. Zwischen Tür und Angel stoppt er kurz und sagt etwas, das in Elefsina nun kein Geheimnis mehr ist: Wo Gesetzlosigkeit herrscht, ist immer leichtes Geld zu verdienen. Elefsina soll lange auch ein Ort gewesen sein, an dem eine griechische Mafia gedieh. «Viele haben hier genug Profit gemacht», sagt Gargaretas. Und jetzt versteht man, was er mit der Aussage meinte, dass er zum Glück noch jung sei. Er hat mit der alten Zeit nichts zu tun. «Wenn wir nichts ändern», sagt der Grieche, «wer soll es dann tun?» Er meint Leute seiner Generation.

Das Meer ist nachtschwarz, darüber leuchtet kein Stern, nur das Leuchtfeuer, das den Schiffen den Weg weisen soll, weg von den Wracks. Die Nacht gehört hier auch heute noch den Mysterien.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.01.2019, 10:50 Uhr

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