Der Weltbürgermeister

Boris Johnson hat Grossbritanniens Linken das Monopol auf Hipness entrissen. Vielleicht wird er bald britischer Premierminister.

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Womöglich fürchtet Grossbritanniens konservativer Premier David Cameron ihn mehr als Ed Miliband, den Oppositionsführer von der Labour-Partei: Boris Johnson, Londoner Bürgermeister, Parteikollege des Regierungschefs und unter den Politikern im Vereinigten Königreich der Verhaltensauffälligste. Am Donnerstag wählen die Briten, dann dürfte er ins Parlament einziehen. «Ich habe immer gesagt, dass ich meinen Starspieler auf dem Feld haben will», schrieb Cameron auf Twitter, nachdem Johnson im September seine Kandidatur für das Unterhaus angekündigt hatte. Dass das ehrlich gemeint war, glaubte in Westminster kaum jemand: Wenn einer wie Johnson ins Parlament strebt, darf man davon ausgehen, dass er die nahe Downing Street im Visier hat. Der Mann sitzt Cameron im Nacken, und das seit gemeinsamen Oxforder Studententagen.

Boris, der Draufgänger

Die Rollenverteilung ist bis heute dieselbe geblieben: Cameron, der immer etwas steif wirkende Musterschüler, und Johnson, das lustvoll-chaotische Enfant terrible. Damals, in den 1980er-Jahren, gehörten beide dem Bullingdon Club an, einem exklusiven Bund junger Burschen aus der Upperclass, der die braven Einwohner der ehrwürdigen Universitätsstadt durch nächtliche Alkoholexzesse in Angst und Schrecken versetzte.

Bezeichnend ist, was Zeitzeugen berichten: Während sich der vorsichtige Cameron meist so unauffällig wie möglich davonmachte, wenn seine Trinkkumpane es besonders bunt trieben, soll der robustere Johnson mehr als einmal vor der Polizei geflohen sein.

Insgeheim mag einer den anderen beneidet haben: Cameron beendete sein Studium mit Auszeichnung, Johnson mit einer B-Note. Eine Demütigung, die ihm laut eigener Aussage schlaflose Nächte bereitete. Nach aussen hin mag er das Bild eines Spassmachers abgeben, doch ist er eben auch das, was die Deutschen einen Bildungsbürger nennen. «Als Kind», so erinnert er sich, «war ich extrem picklig, ein totaler Nerd und furchtbar streberhaft. Unter einem guten Tag stellte ich mir vor, mit der U-Bahn durch London zu fahren, um das Britische Museum zu besuchen.»

Johnsons Karriere verlief nicht unbedingt geradlinig. Bei der Times, die ihm seinen ersten Job gab, wurde er 1987 gefeuert, nachdem herausgekommen war, dass er ein Zitat erfunden hatte. Ein Dämpfer, aber kein Absturz: Max Hastings, den damaligen Chef­redaktor des Daily Telegraph, kannte Johnson aus Oxforder Tagen. So kam es, dass er schon bald beim konservativeren Konkurrenzblatt der Times anheuerte. Dort fiel er vor allem durch seinen exzentrischen Schreibstil auf – und dadurch, dass er nach Feierabend lieber Banker traf, als die einschlägigen Journalisten-Pubs zu frequentieren.

Einem breiteren Publikum bekannt wurde er als Korrespondent des Telegraph in Brüssel, wohin er 1989 versetzt wurde. Abgesehen von Boulevardblättern wie der Sun oder der Daily Mail schoss keiner schärfer gegen die EU-Kommission unter ihrem damaligen Präsidenten, dem Franzosen Jacques Delors. Premierministerin Margaret Thatcher soll damals einen Gutteil ihrer Informationen dem Telegraph entnommen haben. Innerhalb der Konservativen Partei gewannen die Euroskeptiker in jenen Jahren endgültig die Oberhand. Der Korrespondent war zum Souffleur der Mächtigen geworden.

Phänomenal schlagfertig

Und er wurde zur Celebrity: Johnson trat nun in der BBC-Quizshow «Have I Got News For You» auf. 1995 hielt Moderator Ian Hislop ihm dort seine Bekanntschaft mit Darius Guppy vor, einem dubiosen britisch-iranischen Geschäftsmann, den Johnson seit seiner Schulzeit im Eliteinternat Eton kannte. Johnson schoss zurück, indem er enthüllte, dass sämtliche Pointen der Sendung im Voraus minutiös geplant würden. Ein Beispiel für seine phänomenale Schlagfertigkeit, die ihn bereits in Oxford bekannt und gefürchtet gemacht hatte: ein Schlawiner, der sich aus jeder Situation mit der besseren Pointe herausredet. «Ich habe einmal Kokain probiert, aber ich musste niesen, sodass nichts die Nase hochging. Aber vielleicht wars ja eh Traubenzucker», sagt er Jahre später, nun schon als Bürgermeister, als ein Journalist meinte, ihn über etwaige Drogenerfahrungen verhören zu müssen.

1999 ernannte Conrad Black, der Verleger des Daily Telegraph, Johnson zum Chefredaktor des Spectator. Er machte das Blatt zu einem Debattenmagazin, das vor allem eines war: unberechenbar. Sein Konzept sei, dass Autoren hier «in uneingeschränkter Offenheit über sich selbst, Politik, Sex, Kunst, Essen und Tod» schreiben könnten, bemerkte Johnson 2003 anlässlich des 175. Geburtstags der Zeitschrift.

Es war eine aufregende Zeit: Von einer «Explosion der Libido beim altehrwürdigen Magazin» schrieb der London Evening Standard, die Boulevardpresse redete gar vom «Sextator». Johnson selbst hatte eine Affäre mit Petronella Wyatt, der New Yorker Korrespondentin. Sein Stellvertreter Rod Liddle brach sogar seine Hochzeitsreise in Südost­asien ab. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen, schwindelte er seiner Angetrauten vor, um in London seine Affäre mit der Empfangsdame des Spectator fortzusetzen. Wohl nie war konservativer Journalismus glamouröser, amüsanter und unkonventioneller als beim Spectator unter Johnson.

Für Johnson war die Affäre mit Wyatt nur eines von zahlreichen ausserehelichen Abenteuern. Jahre später, da war er bereits Bürgermeister, warf seine Frau ihn «wie eine streunende Katze» (Johnson) hinaus. Vorher hatte eine andere sein fünftes Kind geboren. Ein amerikanischer Konservativer wäre erledigt gewesen. Johnson dagegen ging unbeschadet aus der Angelegenheit hervor. Einzig sein Amtsvorgänger und Widersacher Ken Livingstone mochte den Stab über ihn brechen. Ob er Johnson persönlich denn möge, fragte ihn der Spectator. Livingstone: «Jeder, der ihn nicht kennt, mag ihn, aber die Leute, die ihm nahegekommen sind, verabscheuen ihn.»

Kontinentaleuropäer mögen nun fragen: Kann man einen solchen Mann ernst nehmen? Wäre Johnson Schweizer, seine politische Karriere könnte nie zu Ende gehen, denn sie hätte gar nie begonnen. Doch die Briten tolerieren Exzentriker. «Er hat eine Begabung, die man in der Politik nur selten antrifft: Er macht den Leuten bessere Laune», schreibt Johnsons Biograf Andrew Gimson. «Wenn Sie die Konservativen wählen, bekommt Ihre Frau grössere Brüste und Sie selbst haben bessere Chancen auf einen BMW M3», behauptete Johnson 2008, als er sich ein erstes Mal um das Amt des Londoner Bürgermeisters bewarb. Die Überraschung gelang: Er schlug Ken Livingstone, ein Labour-Relikt, das schon Margaret Thatcher den Frühstücks-Porridge vermiest hatte. Auf einmal verwaltete der Politclown, als den viele den Tory noch immer sahen, ein Budget von mehr als elf Milliarden Pfund.

Der Kaiser von «Borisopolis»

Das Gesicht der Stadt hat er seither gründlich verändert: Den Routemaster brachte er den Londonern wieder, jenen legendären roten Doppeldeckerbus, den sein Vorgänger durch profane Gelenkbusse ersetzt hatte. Vom «Boris-Bus» war bald die Rede – und von den «Boris-Bikes», Leihfahrrädern, durch deren Einsatz die Stadtverwaltung hoffte, die chronisch überfüllte U-Bahn zu entlasten. Seine Ex-Kollegen beim Spectator tauften London kurzerhand in «Borisopolis» um: Ein Mann prägt eine Metropole.

Johnson ist eine Art politischer Homo ludens: Das Spielerische, das den meisten Politikern abgeht, hat er im Übermass, vielleicht auch, weil er weiss, dass Politik nicht alles ist. Es ist die Perspektive dessen, der auch in antiker Geschichte zu Hause ist: «Politik ist, in Kreisläufen unterschiedlicher Länge, die ständige Wiederholung einer der ältesten Mythen menschlicher Kultur, nämlich, wie wir Könige für unsere Gesellschaft hervorbringen und sie dann nach einiger Zeit wieder töten, um eine Art Neugeburt zu erreichen», schrieb er.

In der Tradition Disraelis

Doch wofür steht Boris Johnson politisch? Sind andere hart in der Sache, aber konziliant im Auftreten, ist er schrill im Auftritt, doch in der Sache eher versöhnlich: Johnson ist ein gemässigter Tory, ein Konservativer in der One-Nation-Tory-Tradition Benjamin Disraelis, des grossen konservativen Premiers des 19. Jahrhunderts, der die tiefen sozialen Gegensätze seiner Zeit überwinden wollte und als Vater der britischen Sozialversicherungen gilt.

Johnsons eigentliches politisches Verdienst liegt wohl darin, dass er der Linken das Monopol auf Urbanität und Hipness endgültig entrissen hat. Ein liberalkonservativer Freak, passend zu London, Europas letzter wahrhaft globalisierungstauglicher Stadt, dem einzigen Ort des alten Kontinents, der es verdient, in einem Atemzug mit New York, Shanghai oder Mumbai genannt zu werden. Johnsons Herkunft passt bestens dazu: Eine multikulturelle Promenadenmischung, verfügt er über türkische, britische und deutsche Vorfahren. Er selbst nennt sich einen «Ein-Mann-Schmelztiegel».

Boris Johnson scheint immer er selbst zu sein, er wirkt, um ein journalistisches Modewort zu gebrauchen, «authentisch». Anders David Cameron: Dessen einstige Stärke ist heute seine Schwäche. Als Oppositionsführer gelang es ihm, seine Partei, die damals als Refugium erzkonservativer, tendenziell fremdenfeindlicher alter Männer galt, wieder wählbar zu machen, indem er sich selbst als Tory neuen Typs inszenierte – volksnah, grün und mitfühlend. Doch gerade deswegen weiss heute keiner mehr, wer Cameron eigentlich ist.

Fährt er mit dem Velo ins Parlament, kommt hinterher heraus, dass ihm ein Auto hinterherfuhr, um seine Akten zu transportieren, und der Premier steht in der Öffentlichkeit dumm da. Fährt Johnson dagegen Velo, sind alle hin und weg – wahrscheinlich auch, weil er als Einziger einen Rucksack zum Anzug tragen kann, ohne wie ein provinzieller Biologielehrer auszusehen. Ein Mann, der nach eigenen Regeln lebt. Seine Redeweise ist fahrig, er beginnt Sätze und scheint selbst kaum zu wissen, wo diese einmal enden werden. Lächerlich wirkt er dabei nie, eher wie einer, der seinen Zuhörern weit voraus ist.

Understatement bleibt angesagt

Dass er nächste Woche ins Parlament gewählt wird, ist so erwartbar wie der Glockenschlag des Big Ben. Natürlich hat ein Star wie er einen sicheren Wahlkreis. Darüber, was danach kommt, hat er sich zwar geäussert, doch wirklich ernst nimmt das niemand: «Meine Chancen, Premierminister zu werden, sind wahrscheinlich so gross wie jene, Elvis auf dem Mars zu finden. Oder die Wahrscheinlichkeit, dass ich als Olive wiedergeboren werde.»

Sollte es nichts werden mit dem Aufstieg zum Regierungschef Ihrer Majestät, er hätte eine Alternative: Kürzlich hat Johnson sich selbst als Moderator der Autosendung «Top Gear» ins Gespräch gebracht, als Nachfolger Jeremy Clarksons, der wegen politischer Unkorrektheit von den BBC-Oberen gefeuert wurde. Wahrscheinlich ist Boris Johnson der einzige Politiker der westlichen Hemisphäre, dem man auch dieses hohe Amt ohne Weiteres zutrauen würde. (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.05.2015, 16:31 Uhr

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