Der Verräter aus der anderen Welt

Einst traute Pfarrer Ivanyi den ungarischen Premier und taufte dessen Kinder. Heute kümmert er sich um jene, die Viktor Orban ausgrenzt.

«Er übt Verrat an den europäischen Werten», sagt Pfarrer Gabor Ivanyi über Viktor Orban. Foto: Akos Stiller (The New York Times, Laif)

«Er übt Verrat an den europäischen Werten», sagt Pfarrer Gabor Ivanyi über Viktor Orban. Foto: Akos Stiller (The New York Times, Laif)

Peter Münch@SZ

Es war gleich zu Beginn des Europa-Wahlkampfs, als sich Viktor Orban auf die Kanzel begab: Die Eröffnung eines calvinistischen Kirchenbaus in einem Budapester Aussenbezirk erschien ihm als gute Gelegenheit, sich in seiner Lieblingsrolle zu präsentieren: als Retter des christlichen Abendlandes. Vor versammelter Fan- und Glaubensgemeinde wetterte er gegen die «Brüsseler Bürokratie», weil sie «die Islamisierung Europas» vorantreibe. Wie so oft beschwor er die «christlichen Werte» und den Wert der «Nation» – und wenn Gabor Ivanyi all das hört, und er hört es oft auf allen Kanälen der von der Regierung kontrollierten Medien, dann fährt ein heiliger Zorn in ihn. «Das ist zum Kotzen», sagt er. «Dieser ganze christlich-nationale Kram ist höchst gefährlich.»

Gabor Ivanyi, 67 Jahre alt und methodistischer Pfarrer, hat den weissen Bart fast bis zum Bauch wachsen lassen. Und auf dem Bauch legt er gern auch die gefalteten Hände ab, wenn er zuhört. Doch wenn er spricht und wütend wird, dann fahren diese Hände schnell mal hoch zum Himmel.

«Scheinheiligkeit»

«Wir haben vor 75 Jahren gesehen, dass der Nationalismus Europa zum Massengrab gemacht hat. Wenn wir damit wieder anfangen, wird es wieder schlimm werden», warnt er. «Wir sollten uns nicht abschotten und Grenzen hochziehen, sondern in Frieden zusammenleben.»

Als Pfarrer predigt er das Christentum, als früherer Politiker und Abgeordneter glaubt er an ein zusammenwachsendes Europa. Viktor Orban aber, so schimpft er, nutze die von ihm propagierte «christliche Demokratie» allein zur Abschottung. «Er übt Verrat an den europäischen Werten», sagt er. «Das mit dem Christentum ist doch pure Scheinheiligkeit, ein Witz.»

Die Wandlung Orbans vom liberalen Atheisten zum Nationalisten mit christlichem Antlitz ist eine Metamorphose, die wenige so eng verfolgt haben wie Gabor Ivanyi. Heute leben beide im selben Land in zwei verschiedenen Welten: Orban als zunehmend autokratischer Regierungschef; Ivanyi als Pfarrer, der sich um jene kümmert, die Orban ausgrenzt: um Arme, Obdachlose, Flüchtlinge. Doch die Anfänge von Orbans politischem Weg gingen sie gemeinsam.

«Orban kommt mir vor wie ein Vater, der seine Kinder verprügelt und sich für Kinderrechte einsetzt.»Gabor Ivanyi, Methodistischer Pfarrer

Ende der Achtzigerjahre lernten sie sich kennen. Ivanyi war damals ein bekannter Dissident, der in den kommunistischen Zeiten anno 1968 schon mit 17 Jahren wegen eines als subversiv eingestuften Aufsatzes von der Schule flog, Ärger dann auch im Theologiestudium hatte, zweimal kurz im Gefängnis landete und schliesslich eine Untergrundzeitung mit herausgab.

Orban war ein junger Student, der gerade mit ein paar Kommilitonen den «Bund junger Demokraten», kurz Fidesz, gegründet hatte. «Er war immer laut und wollte auffallen», erinnert sich Ivanyi. «Damals hat er den Liberalen gespielt und vorgetäuscht, jemand anderes zu sein.»

Sie sassen beide am runden Tisch, der 1990 zu den ersten freien Wahlen in Ungarn führte, und anschliessend auch im Parlament. Als Orban 1993, sieben Jahre nach seiner standesamtlichen Eheschliessung, eine kirchliche Hochzeit nachholen wollte, da war es Gabor Ivanyi, der ihn traute und die zwei ältesten Kinder taufte. «Ich bereue das nicht», sagt er. «Aber es tut mir leid, was aus ihm geworden ist.»

«Die Verteidigung des christlichen Abendlandes ist doch nur ein politischer Trick.»Gabor Ivanyi

Ivanyi sitzt in seinem Büro im schäbigen 8. Budapester Stadtbezirk. Um ihn herum viele Bücher und wenig Ordnung. In der Ecke verstaubt eine Gitarre, auf der Anrichte steht eine jüdische Menora, und an der Wand hängt ein Bild von Königin Elizabeth II. «Handsigniert», sagt er. «Sie war 1993 in Ungarn und für eine Stunde hier bei uns. Anschliessend habe ich das Bild bekommen.» Von hier aus steuert er die Aktivitäten der von ihm gegründeten «Evangelischen Bruderschaft Ungarns», die Schulen und Sozialstationen betreibt. Gelobt wird er dafür auch von den Vertretern anderer Glaubensrichtungen: vom katholischen Bischof Miklos Beer aus Vac oder von den Rabbinern, mit denen er einen engen Austausch pflegt. Von der Regierung jedoch sieht sich Ivanyi regelrecht «verfolgt».

Als Orban 2010, acht Jahre nach dem Ende seiner ersten Amtszeit, erneut zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, da hatte er den Liberalismus hinter sich gelassen. Nun sprach er von «Heimat» und Ungarns ruhmreicher Vergangenheit, aus der er eine glorreiche Zukunft ableitete. «National» und «christlich» sind seither seine Schlüsselbegriffe, und was christlich ist, definierte seine Regierung. Mit einem neuen Kirchengesetz wurde die von Ivanyi gegründete Bruderschaft von der Liste der staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften gestrichen.

Der in Orbans Auftrag ausgearbeiteten neuen Verfassung von 2011 wurde als Präambel ein nationales Glaubensbekenntnis vorangestellt. «Wir sind stolz darauf, dass unser König, der heilige Stephan I., den ungarischen Staat vor 1000 Jahren errichtet und zu einem Bestandteil des christlichen Europa gemacht hat», heisst es darin. Spätestens seit der Flüchtlingskrise von 2015 wird das von Orban so interpretiert, dass dieses christliche Europa geschützt werden muss vor den Horden des Islam.

Klarer Orban-Sieg erwartet

«Die Verteidigung des christlichen Abendlandes ist doch nur ein politischer Trick», meint Ivanyi. «Das Christentum muss man gar nicht beschützen, schon gar nicht als Ministerpräsident.» Ihm komme Orban vor «wie ein Vater, der zu Hause seine Kinder verprügelt und sich dann öffentlich für Kinderrechte einsetzt».

Doch abschrecken lassen will er sich nicht. Wenn die Regierung das Leben auf der Strasse verbietet, dann rollt er eben in seinem überfüllten Obdachlosenzentrum mehr Isomatten zum Übernachten aus. Und wenn die Regierung den Asylbewerbern, die interniert werden, zur Abschreckung nicht einmal mehr etwas zu essen gibt, dann taucht Ivanyi dort mit Lebensmitteln auf. «Ich mache meine Arbeit nicht, weil sie von der Regierung unterstützt oder verboten wird», sagt er. «Ich mache das, weil es richtig ist.»

Orban spielt das alte Spiel mit neuer Kraft

Bisweilen aber fühlt er sich auf einsamem, fast verlorenem Posten. Er klagt über Priester, «die stumm sind oder in ihren Kirchen sogar dafür beten, dass der Herr Ministerpräsident an der Macht bleibt». Er ist enttäuscht von der Europäischen Volkspartei und ihrem Kandidaten Manfred Weber, die sich nicht dazu entschliessen konnten, Orbans Fidesz-Partei rauszuwerfen.

In Orbans Wahlkampf für die Sitze im Europaparlament ist tatsächlich nichts zu spüren von Zurückhaltung. Er spielt das alte Spiel mit neuer Kraft. In Budapest prangen die Fidesz-Plakate mit den Farben der ungarischen Flagge und dem Aufruf: «Unterstützen Sie das Programm von Viktor Orban gegen die Migration.» Die Umfragen verheissen Fidesz einen deutlichen Sieg. Ivanyi hat die Hoffnung verloren, dass von dieser Wahl ein positives Signal für Ungarn ausgeht.

Wählen gehen will er trotzdem am 26. Mai. «Mir ist es egal, wie in den einzelnen Ländern der EU der Schnaps gebrannt wird. Aber in der Frage der Grundwerte und Grundrechte muss Europa gemeinsam auftreten.»

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