Der Tourist, dein Feind

Immer mehr und immer lauter wird gegen den Tourismus protestiert. Er entwickelt sich vom geschätzten Wirtschaftsfaktor zum Zankapfel.

«Keine Kreuzfahrtschiffe» fordern Demonstranten vor Venedig, das unter der Masse von Schiffen und Touristen buchstäblich zusammenbricht. Foto: Imago Stock

«Keine Kreuzfahrtschiffe» fordern Demonstranten vor Venedig, das unter der Masse von Schiffen und Touristen buchstäblich zusammenbricht. Foto: Imago Stock

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Lavertezzo, ein verträumtes Dörfchen unweit von Locarno, hat es gerade erlitten. Ohne dass sich das irgendwie angekündigt hätte, fuhren im Juli plötzlich Dutzende, Hunderte, insgesamt Tausende von Touristen mit ihren Autos in den Ort, drängten sich an den paar Badeplätzen zwischen den Felsen in der Verzasca, picknickten, tranken Bier aus Büchsen, hinterliessen Müll und Kot. Wanderer, die sich hier sonst in der wilden Natur verlieren, wunderten sich. Die Einheimischen fühlten Wut: unbewohnbar sei ihr Ort geworden.

Auslöser für die Touristenflut war ein über Internet verbreitetes Video. Darin schwärmen der italienische Blogger Marco Capredi und seine Freunde von dem «herrlichen Canyon voll smaragdgrünen Wassers, eine Stunde von Mailand entfernt». Lavertezzo und die Verzasca sind für Capredi das Paradies, genauer: «die Malediven von Mailand». Sein wackliges, mit Handy und Selfiestick gedrehtes Video wurde auf Youtube und Facebook drei Millionen Mal abgespielt und hat 14'000 begeisterte Kommentare generiert.

Video - Malediven-Feeling in der Schweiz

Ein Touristen-Video vom Verzascatal sorgt für einen Besucheransturm.

Sehnsuchtsort der global Vernetzten

Das Tessiner Bergdorf zeigt beispielhaft, was passiert, wenn eine touristisch kaum erschlossene Gegend völlig unvorbereitet zum Sehnsuchtsort einer global vernetzten Jugend wird.

Was Lavertezzo seit kurzem im Kleinen erlebt, ist in Touristendestinationen wie Venedig, Florenz, Paris, Mallorca, Athen, Berlin oder Luzern seit Jahren Alltag – nur in weit gigantischeren Dimensionen. Doch nun scheint der Geduldsfaden gerissen. Es hagelt Proteste, Bürgerkomitees auf Mallorca fordern «Tourists go home», Florenz lässt mittags Treppen und Plätze mit Wasserwerfern abspritzen, um picknickende Reisende zu vertreiben, in Athen wurde ein Tourist sogar verprügelt. Und fast täglich berichten Medien momentan über neue Beispiele für den Unmut der Einheimischen über die touristische Völkerwanderung, die ihre Landstriche wie eine biblische Heuschreckenplage heimsucht. Taleb Rifai, Generalsekretär der UNO-Welttourismusorganisation UNWTO, sagte dem «Guardian», er sehe in der explodierenden Wut der Einheimischen heute «ein ernsthaftes Problem».

Hauptauslöser der Entwicklung ist der seit den 50er-Jahren ungebremste Boom des Tourismus. Die Kennzahlen bewegen sich weltweit nur in eine Richtung: nach oben. 2012 wurde die Grenze von einer Milliarden Touristen überschritten. Letztes Jahr waren es bereits 1,36 Milliarden, die den Globus bereisten. Und die UNWTO rechnet damit, dass 2030 die Marke von 1,8 Milliarden Touristen erreicht wird. Auffällig ist, dass weder Krieg noch Terrorismus das Wachstum bisher bremsen konnten.

Der weltweite Mittelstand reist

Hauptsächlicher Treiber ist dabei der weltweit wachsende Mittelstand. Immer mehr Menschen, vor allem in den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern Asiens, können und wollen sich heute internationale Reisen leisten. Die Chinesen haben mit ihren Reiseausgaben die Amerikaner an der Spitze der reisefreudigsten Länder längst abgelöst. Sie geben heute so viel für Reisen aus wie die Bürger der USA, Deutschlands und Grossbritanniens zusammengenommen.

Infografik: Weltweites Tourismusaufkommen nach Regionen Grafik vergrössern

Die schiere Zahl der Touristen weltweit ist allerdings nur ein Aspekt. Der zweite: Die Touristenströme konzentrieren sich auf traditionelle, weltweit bekannte Ziele, auf Ikonen, von denen die Reiselustigen in Shenzhen oder Delhi schon gehört haben und die sie unbedingt sehen wollen. Es gibt nun einmal nur eine Mona Lisa, weshalb sich in Paris die Touristenströme vor dem Louvre stauen. Das gilt auch für den Eiffelturm, den Petersdom, die Uffizien, die Copacabana, für den Markusplatz und ganz Venedig, die Kapellbrücke und das Matterhorn. Die traditionelle Sehenswürdigkeit ist ein extrem knappes Gut, das sich nicht vermehren lässt. Das geballte Interesse daran lässt sich nicht umleiten.

Und wenn doch, werden die Probleme nicht kleiner, wie es gerade Zug erlebt. Das Städtchen unweit vom sommers überfüllten Touristenmagnet Luzern wird momentan von täglich bis zu acht Touristenbussen angefahren. Chinesen ergötzen sich am See, an der Aussicht auf die Rigi, spazieren durch die zwei Gassen der Altstadt, sie kaufen Uhren. Und sie belagern zum Unmut der Einheimischen die winzige Badeanstalt, weil sich dort öffentliche Gratistoiletten befinden. Es zeigt sich: Zug ist schon mit dem im Vergleich zu Luzern bescheidenen Fremdenverkehrsaufkommen nah an der Überforderung, weil die notwendige touristische Infrastruktur weitgehend fehlt – und auch die Nonchalance der Einheimischen im Umgang mit dem Wirtschaftsfaktor Tourismus.

Der dritte Faktor, der den Unmut der Einheimischen in den Ballungsgebieten des Tourismus fördert, ist das Verhalten der Reisenden. Der heutige Fremdenverkehr ist einen weiten Weg gegangen, seit im 18. Jahrhundert der distinguierte Nachwuchs des britischen Adels auf einer «Grand Tour» seine klassische Bildung abrundete.

Im Zeitalter des «Overtourism» – dem Begriff der Fremdenverkehrsindustrie für das Phänomen – mehren sich die Berichte über Exzesse von Tourismushorden. Die interkulturellen Differenzen, die sich offenbaren, wenn Asiaten und Araber auf Europäer treffen, sind dabei noch am überschaubarsten: Schweizer Tourismusorte reagieren mit Kursen für Hoteliers und ihr Personal.

Aber wenn Horden von bleichen Briten sommers die Algarve in Portugal überfallen, Tag und Nacht Party feiern, Erbrochenes und sonnenverbrannte Alkoholleichen zurücklassen, wird das für die lokale Bevölkerung zum Dauerärgernis. Dasselbe gilt für Deutsche auf Mallorca, für Russen in der Südtürkei. Von den Schweizern lässt sich das wahrscheinlich nur darum nicht so klar sagen, weil sie schon rein zahlenmässig kaum auffallen.

Dazu kommt, dass die touristische Hemmungslosigkeit am Strand nicht haltmacht. Sie erstreckt auch auf Altertümer und Museen. Wer Reisende etwa am Piccadilly Circus oder auf der Zürcher Quaibrücke beobachtet, stellt fest, dass es oft nicht mehr um die Denkmäler oder die Aussicht geht, sondern nur noch um das Selbstporträt mit Kunstwerk. Um dessentwillen fuchtelt man mit dem Selfiestick und bringt sich selber und die Kunstdenkmäler in Gefahr. Beim Kolosseum in Rom sind deswegen diese verlängerten Fotografenarme verboten, wie auch in Versailles, der Wiener Albertina oder in der Londoner National Gallery. Verbote und Gebühren sind momentan das verbreitete Mittel, um der Touristenmassen Herr zu werden.

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Dubrovniks Bürgermeister Mato Frankovic will die Besucherzahl innerhalb der mittelalterlichen Mauern durch Zutrittskontrollen auf 4000 pro Tag beschränken. In Italien wird generell über Zutrittsverbote zu den grössten Sehenswürdigkeiten nachgedacht – man fragt sich noch, wie man das regeln soll. Zürich hat gute Erfahrungen gemacht, als der Zugang zum Fraumünster mit den weltberühmten Chagall-Fenstern gebührenpflichtig wurde.

Mehr Werbung für besseren Tourismus

Die Diskussion geht allerdings über Zugangssperren und Registrierkassen hinaus. Die UNO hat – ausgerechnet – 2017 zum «Jahr des nachhaltigen Tourismus» erkoren. Ein zentraler Gedanke dabei: Der Fremdenverkehr, immerhin einer der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige, müsse durch gezielte Information der Reisenden in nachhaltige Bahnen gelenkt werden. Die UNO spricht ein Paradox aus: Mehr Werbung soll für erträglicheren Tourismus sorgen. Etwa indem für Reisen auch in abgelegenere Regionen geworben und auch darüber informiert wird, wie man sich dort verhält.

Das ist ganz im Sinn von Roberto Bacciarini, dem Gemeindepräsidenten von Lavertezzo im Verzascatal. Er sagte zu Radio SRF, er freue sich ja über den unverhofften Besucherstrom. Aber der dafür verantwortliche Blogger «könnte seinen Lesern sagen, dass sie die Autos anständig parkieren und die lokalen Regeln respektieren sollen».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.08.2017, 06:12 Uhr

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