Der Schattenpapst

Benedikt XVI. will auch nach seinem Rücktritt Papst bleiben.

Om­ni­prä­sent: Der emeritierte Papst Benedikt nahm kürzlich Position gegen den aktuellen Papst Franziskus ein.

Om­ni­prä­sent: Der emeritierte Papst Benedikt nahm kürzlich Position gegen den aktuellen Papst Franziskus ein. Bild: Alessandra Tarantino/Keystone

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Ob bei Heiligsprechungen oder bei der Erhebung von Kardinälen – auf dem Petersplatz in Rom bewegen sich jeweils zwei identisch weiss gekleidete Männer: Papst Franziskus und sein Vorgänger Benedikt. «Auf der Ebene der symbolischen Kommunikation ist das eine Katastrophe. Nach katholischem Amtsverständnis gibt es nur einen Papst.» Dies moniert der bekannte Kirchenhistoriker und Autor Hubert Wolf in seinem neuen Buch «Konklave». Es gebe zwei historische Beispiele von zurückgetretenen Päpsten, die beide wieder den Purpur der Kardinäle angezogen und ihren Papstnamen abgegeben hätten. Nicht so Benedikt: Trotz seines Status als Papa emeritus hält er am Namen und am päpstlichen Weiss fest.

Warum zeigt sich der bald 90-Jährige überhaupt noch auf dem Petersplatz? Bei seinem Rücktritt im Februar vor vier Jahren hatte der deutsche Papst doch versichert, seine öffentliche Rolle abzulegen und der Kirche mit einem zurückgezogenen Leben im Gebet zu dienen.

Nur 200 Meter von Franziskus entfernt in einem Kloster der vatikanischen Gärten wohnend, frönt er gerade keinem Leben in Abgeschiedenheit. Er tritt bei Festlichkeiten auf, empfängt Besucher; Fotos davon kursieren in den Medien. Ein Eremitendasein sieht anders aus. Auch sonst hält er sich nicht zurück. Jüngst hat er in einem Interview-Buch sein achtjähriges Pontifikat in ein günstiges Licht gerückt. Als im Vatikan das Thema der wiederverheirateten Geschiedenen hochkochte, aktualisierte er einen alten Aufsatz und nahm indirekt Position gegen Franziskus ein.

Versteht sich Benedikt als Gegenpapst, der hinter den Kulissen die Strippen zieht? Ist er ein Schattenpapst oder ein zweiter Papst? Es ist sein eigener Sekretär, Georg Gänswein, der solchen Verdacht nährt. Im Mai letzten Jahres sagte er an der Universität Gregoriana: Nein, es gebe keine zwei Päpste, de facto aber ein erweitertes Papstamt – mit einem aktiven und einem kontemplativen Teilhaber. Benedikt habe seinen Stuhl geräumt, doch den Petrusdienst mit seinem Rücktritt nicht verlassen. Gänswein sprach von einem quasigemeinsamen Dienst von Benedikt und Franziskus.

Das brachte selbst den regierenden Papst in Verlegenheit. In einem Interview musste er richtigstellen, Benedikt sei der emeritierte (ausgeschiedene) Papst und nicht etwa ein zweiter Papst neben ihm. Wie auch immer: Autor Hubert Wolf fordert eine Regelung zur Amts­enthebung von Päpsten. Dank der modernen Medizin könnten immer öfter über 80-jährige Päpste regieren, die sich für das Amt zu schwach fühlten wie Benedikt oder gar dement würden. Ironie der Geschichte: Papst Benedikt XVI., der antimoderne Joseph Ratzinger, ist zugleich jener, der das Papsttum wie kein Zweiter modernisiert hat. Mit seinem Rücktritt hat er das Papstamt auf Zeit hoffähig gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 18:07 Uhr

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