Der General hat, was Macron will

Einst war Pierre de Villiers der höchste Offizier. Nun ist er so beliebt, dass er dem Präsidenten gefährlich wird.

Für seine Bewunderer das Gegenteil eines Egoisten: Pierre de Villiers, hier mit Emmanuel Macron am 14. Juli 2017. Foto: Stéphane Mahé (Reuters)

Für seine Bewunderer das Gegenteil eines Egoisten: Pierre de Villiers, hier mit Emmanuel Macron am 14. Juli 2017. Foto: Stéphane Mahé (Reuters)

Pierre de Villiers war 61 Jahre alt, als er seine Karriere als Bestsellerautor begann. «Dienen» hiess sein erstes Werk, erschienen im November 2017. Genau ein Jahr später folgte «Was ist ein Chef?» Naheliegende Titel für einen, der 40 Jahre lang Soldat war und auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Oberster General die französische Armee befehligte. Er hat gedient, er war ein Chef.

Überraschender als de Villiers’ Bücher ist ihre Rezeption. Innerhalb von drei Monaten verkaufte sich seine Anleitung zum Chefsein mehr als 150'000-mal. Das Buch kam genau zu dem Zeitpunkt auf den Markt, als sich in Frankreich Hunderttausende entschieden, eine gelbe Warnweste überzuziehen und gegen Präsident Emmanuel Macron auf die Strasse zu gehen. Nicht nur gegen seine Politik, auch gegen seine Person. De Villiers stand auf Platz drei der französischen Bestsellerliste, als sich ein prominenter Vertreter der Gelb­westen Anfang ­vergangenen ­Dezember in einem Fernseh­interview wünschte, der General ausser Dienst möge die Führung des Staates übernehmen.

«Ich werde nicht in die Politik gehen»

De Villiers steht hinter einem Plexiglaspult vor einem übervollen Saal im schicken Zentrum von Paris. Er stellt die Thesen seines Buchs in einer zügigen Powerpoint-Präsentation vor («Begreifen. Überzeugen. Führen. Kontrollieren.») und sagt dann, was er an jedem dieser Abende sagt: «Ich werde nicht in die Politik gehen.» Das ist halb eine ernst gemeinte Absage, halb ein Flirt mit der Tatsache, dass ihm sehr bewusst ist, wie viele sich das wünschen. Nicht nur Menschen, die als «gilets jaunes» den Aufstand proben und gleichzeitig von einer «eisernen Hand» träumen. Auch das katholische, gut situierte Bürgertum, das an diesem Abend unterm Kronleuchter beisammensitzt, verehrt de Villiers. Schliesslich ist er einer von ihnen.

An dem Tag, an dem de Villiers’ Aufstieg zum fiktiven ­Lieblingschef vieler Franzosen begann, endete für den echten Chef eine Erfolgsserie. Emmanuel ­Macron war erst zwei Monate im Amt, als er mit seinem damaligen Armeechef aneinandergeriet. Im Wahlkampf hatte Macron noch eine Steigerung des Verteidigungsetats angekündigt, nun sollte die Armee sparen – wie alle anderen auch. De Villiers kommentierte das hinter verschlossenen Türen derb bis ­vulgär, und Macron nutzte anschliessend das jährliche Sommerfest der Streitkräfte, um den Obersten General öffentlich zu demütigen. «Ich bin Ihr Chef», sagte der 39-jährige Neu-Präsident zum altgedienten Soldaten vor laufenden Kameras. Fünf Tage später trat de Villiers zurück. Kurz darauf fiel Macrons Beliebtheit in den Umfragen um zehn Prozent.

Keine originellen Texte

De Villiers’ Antwort auf die von ihm selbst gestellte Frage «Was ist ein Chef?» lautet nicht nur: ich. Sie lautet zwischen den Zeilen immer auch: nicht ­Macron. «Eigentlich sollte mein Buch erst im Frühjahr herauskommen», erzählt de Villiers, «aber ich habe gespürt, dass der Unmut wächst.» Der General als ­Prophet, der die Gelbwesten kommen sah.

Und tatsächlich könnten die ersten Seiten seines Buchs genauso in jeder Analyse der aktuellen Lage des Landes stehen: «Chefs kleiner Betriebe, Vereinsvorsitzende, Bauern, Selbstständige, Beamte, alle haben mir anvertraut, wie isoliert und unsicher sie sich fühlen, wie viele Sorgen sie sich im Alltag machen, dass sie sich von allen Formen der Autorität verlassen fühlen.» De Villiers beschreibt, wie er auf Lesereise für sein erstes Buch durch Frankreich fährt und dabei vor allen Dingen auf Verzweifelte trifft. Das hat damit zu tun, dass seine Sicht auf die Welt, die von einer Sehnsucht nach einer guten alten Zeit geprägt ist, diejenigen anzieht, die sich in finsteren Beschreibungen der Gegenwart wiedererkennen. Aber auch damit, dass die Gruppe derer, die das Gefühl haben, dass sich der Staat weder für sie interessiert noch einsetzt, so gross ist, dass sie seit Mitte November eine soziale Bewegung auf die Strasse bringt, wie Frankreich sie seit Jahrzehnten nicht erlebt hat.

Die Diagnosen und Lösungen, die de Villiers bietet, sind nicht originell. Aber sie trösten. «Man muss den Menschen wieder ins Zentrum stellen», schreibt er. Digitalisierung und Globalisierung sind in de Villiers’ Werk Gründe, es mit der Angst zu bekommen. Und wer sich fürchtet, braucht Führung: «Ein Chef übernimmt Verantwortung, damit es allen besser geht.»

Kein König, aber vielleicht ein zweiter Charles de Gaulle

Der ehemals ranghöchste Soldat ist weder demokratiefeindlich noch grössenwahnsinnig, er rüttelt nie an den Grundfesten der Republik. Doch in der Bewunderung für de Villiers spiegelt sich die Sehnsucht nach einem guten König wieder. Und wenn schon kein König, dann vielleicht ein zweiter Charles de Gaulle. Einer, der über allem steht, der keine Partei braucht. Der wie der General de Gaulle im Krieg bewiesen hat, dass er für sein Land kämpfen will.

Nach seinem Vortrag sitzt de Villiers hinter einem Bücher­stapel und beginnt mit Signieren. Schmaler, dunkler Anzug, das Haar akkurat gescheitelt, für jeden ein Lächeln. Frage an einen, der ansteht: Warum ist de Villiers ein guter Chef? «Weil er die Menschen mag. Macron ist ein Egoist, de Villiers ist das Gegenteil.»

Der Glaube an die Politik ist erloschen

Der Hype um den General ist für Macron aus zwei Gründen unangenehm. Zum einen, weil es ein ungünstiger Zeitpunkt ist, einen Mann zum Feind zu haben, der sich als Publikumsmagnet entpuppt. Zum anderen, weil die beiden Männer sich in vielen Punkten ähneln. Nur löst de Villiers genau die Begeisterung aus, die dem Präsidenten versagt bleibt.

Macron bemüht sich ständig, sich in eine Kontinuitätslinie mit de Gaulle zu stellen, angefangen bei der Behauptung, weder links noch rechts zu sein. Doch während die Menschen in de Villiers die Wiederkehr des grossen Generals erblicken, sehen sie in Macron einen jungen Mann, der sich ungehörig grosse Vorbilder aussucht. «Mein Erfolg ist ein Zeichen der Verzweiflung», sagt de Villiers. Die Menschen lesen ihn, weil sie nicht mehr an die Politik glauben.

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