Der Garant der andorranischen Moral

Der Bischof Joan Enric Vives i Sicília müsste auf Befehl des Papstes als Co-Fürst von Andorra abdanken, sollte es die Abtreibung liberalisieren.

Spielball der Politik respektive Moral: Joan Enric Vives i Sicília. Foto: Arxiu ANA

Spielball der Politik respektive Moral: Joan Enric Vives i Sicília. Foto: Arxiu ANA

Michael Meier@tagesanzeiger

Ein Erzbischof als Staatsoberhaupt, das gibt es ausser im Vatikan nur in Andorra. Der Bischof des katalanischen Bistums Urgell ist seit 1278 immer auch Co-Fürst des zwischen Spanien und Frankreich gelegenen Zwergstaats. Doch nun droht dem aktuellen Co-Fürsten Joan Enric Vives i Sicília die Absetzung, und dies ausgerechnet durch Papst Franziskus. Dieser hat nämlich den Regierungschef von Andorra, Antoni Martí, vor wenigen Tagen am Telefon gewarnt, sollte das Land die Abtreibung legalisieren, müsste der Co-Fürst abdanken.

Zurzeit wird im andorranischen Parlament über eine Verfassungsänderung debattiert, die den Weg für ein liberales Abtreibungsgesetz frei machen soll. Mit dem Slogan «Kein Co-Fürst entscheidet über uns» kämpfen feministische Gruppen für die Freigabe der Abtreibung. Papst Franziskus kontert, es sei völlig undenkbar, dass der Bischof von Urgell ein Gesetz in Kraft setze, das die Tötung Ungeborener legalisiere. Das Lebensrecht für Kinder sei nicht verhandelbar, so Franziskus, der kürzlich die Abtreibung mit einem Auftragsmord gleichstellte.

Die Abdankung des Bischofs würde die tausendjährige Staatsform Andorras abschaffen und das Land in eine Verfassungskrise stürzen.

Gewollt oder ungewollt wird Joan Enric Vives i Sicília nun zum Spielball der Politik respektive der Moral. 1949 wurde er in Barcelona geboren. Nach dem Studium der Theologie und der Philosophie machte er sich als Professor für Philosophiegeschichte einen Namen. Nachdem er 1993 Weihbischof von Barcelona geworden war, liess er immer wieder Sympathien für die Unabhängigkeit Kataloniens erkennen. 2003 wurde er Bischof von Urgell und damit automatisch Co-Fürst des Fürstentums in den Pyrenäen mit 486 Quadratkilometern Fläche und 8000 Einwohnern. Die Staatsform von Andorra ist einzigartig: Es ist ein parlamentarisches Co-Fürstentum mit zwei Co-Fürsten, die das Amt des Staatsoberhaupts teilen: Der eine ist der Bischof von Urgell, der andere der jeweils amtierende Staatspräsident Frankreichs.

Darum hoffen andorranische Politiker jetzt auf die Vermittlung durch Co-Fürst Emmanuel Macron, wie der französische Radiosender France Bleu berichtet. Schon in den 90er-Jahren hatte es in Andorra einen Konflikt um die Einführung der Ehescheidung gegeben. Damals unterzeichnete nur der französische Präsident das Gesetz, während sich der Bischof von Urgell der Stimme enthielt. Einen solchen Kompromiss aber hält Vives i Sicília in der Abtreibungsfrage nicht für möglich. Abtreibung sei Gift für das Fürstentum, wird er zitiert.

Die Abdankung des Bischofs würde die tausendjährige Staatsform Andorras abschaffen und das Land in eine grosse Verfassungskrise stürzen. Ausserdem würde sie wohl die Schatten in der Vita des Erzbischofs neuerlich sichtbar machen. Der Journalist Pepe Rodríguez hatte schon vor mehr als 20 Jahren im Buch «Das Sexualleben des Klerus» Joan Enric Vives i Sicílias mögliche Verstrickung in einen Missbrauchsskandal aufgedeckt. Und zwar soll er als früherer Weihbischof von Barcelona von den Übergriffen Geistlicher auf Minderjährige am dortigen Seminar Casa Santiago gewusst, aber nichts unternommen haben. Um so doppelbödiger wäre sein Amtsverzicht um der katholischen Moral willen.

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