Der Clown befreit sich

Beppe Grillo entkoppelt seinen Blog von der Partei Cinque Stelle. Das ist ein Abschied.

«Ihr sollt nicht alle auf meinen Schultern sitzen»: Der bald 70-jährige Komiker Beppe Grillo. Foto: Reuters

«Ihr sollt nicht alle auf meinen Schultern sitzen»: Der bald 70-jährige Komiker Beppe Grillo. Foto: Reuters

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Die ganze Botschaft in einem Wort: Liberazione, Befreiung. Der italienische Komiker Beppe Grillo hat fünf Wochen vor den Parlamentswahlen seinen berühmten Blog von der Protestpartei Cinque Stelle, seiner Kreatur, losgelöst und erlebt diesen Entscheid wie eine grosse Erleichterung.

«Jetzt beginnt ein grandioses Abenteuer der Befreiung», sagt er in einem Videoauftritt auf Beppegrillo.it, der nun rot und weiss leuchtet statt gelb und schwarz, «eine Befreiung des Kopfes, der Fantasie, der Utopien, der Träume, der Visionen.» Zehn Minuten lang dauert die furiose Kaskade an euphorischen Gefühlsregungen des bald Siebzigjährigen. Am Ende sagt er noch: «Ihr sollt nicht alle auf meinen Schultern sitzen. Ich kann doch nicht der Referent eurer Zukunft sein, eure Zukunft müsst ihr schon selber gestalten.» So hört sich Abschied an.

Opponieren macht mehr Spass

Der Clown möchte seine Leichtigkeit zurück, sein Leben. Die artfremde Nummer, die er seit elf Jahren aufführt, ist ihm wohl zu dröge geworden. Oder zu schwer? Bedrückt ihn etwa die Verantwortung, die ihm der unerhörte Erfolg seiner systemkritischen Bewegung beschert?

«Für die Grillini war ‹normal› bis jetzt ein Schimpfwort.»

Das Regieren jedenfalls macht deutlich weniger Spass als das Opponieren, wie Rom und Turin zeigen, zwei Städte mit Bürgermeisterinnen der Cinque Stelle. Und bei den nationalen Wahlen vom 4. März könnten die Sterne nun sogar von allen Parteien am meisten Stimmen gewinnen. So viele wie noch nie, etwa 27 Prozent. Unlängst sagte Grillo, er sei «ein bisschen müde». Der Bruch hatte sich also abgezeichnet. Doch dass er ihn ausgerechnet so kurz vor den wichtigsten Wahlen seiner Partei vollzieht, in diesem Tonfall zudem, das ist dann doch sehr erstaunlich.

Grillos parallele Öffentlichkeit

Die Geschichte von Grillos Blog ist zentral für das Verständnis der Fünf Sterne. Aufgeschaltet wurde er 2005. Es gab eine Zeit, da war er der erfolgreichste Blog weltweit. Millionen schalteten sich zu, jeden Tag. Er war bald alles zugleich: Zentralorgan von Grillos Denken, Kommentarforum für die Basis, Regieanstalt für alle möglichen Formen der direkten Demokratie. Eine politische Heimat war dieser Blog. Wer sich darin bewegte, befand sich in einer parallelen Öffentlichkeit. In Grillos Welt.

Betrieben wurde die Site von der Mailänder Internetfirma Casaleggio Associati, dem kleinen Unternehmen von Grillos Freund Gianroberto Casaleggio. Der war es gewesen, der im Komiker das Talent zum charismatischen Politiker erkannt hatte. Casaleggio galt auf seinem Gebiet als Visionär. Der Programmierer bot Grillo aber nicht nur die Technik an, sondern auch eine ideologische Klammer für das Wachstum der heterogenen Bewegung, die da entstand. Als er vor zwei Jahren starb, war diese Klammer weg. Sohn Davide, der die Rolle des Vaters übernahm, als wären Unternehmen und Partei eine Erbdynastie, mag ein guter Informatiker sein. Doch zum inspirierenden Souffleur taugte der spröde Junior nie.

Die guten alten «Vaffa-Days»

Der revolutionäre Geist der Anfänge ist verflogen. Vorbei sind auch die Zeiten, da Grillo an sogenannten Vaffa-Days alle Mächtigen zur Hölle wünschte, sich in einem Gummiboot über die Köpfe der Massen tragen liess und auch mal über die Meerenge von Messina schwamm. Unter Luigi Di Maio, dem politischen Chef, entwickeln sich die Cinque Stelle zusehends zur normalen Partei.

Das mag gut sein für den politischen Wettbewerb in Italien. Doch ob der Basis die Verwandlung gefällt, ist nicht so klar.

Im Sprachgebrauch der «Grillini» war «normal» bislang ein Schimpfwort, es reimte sich auf «etabliert». Plötzlich schliesst die Spitze der Cinque Stelle nicht mehr aus, dass sie sich mit anderen Parteien zusammentun könnte. Früher wäre das undenkbar gewesen. Grillo sagte vor ein paar Tagen erst: «Das wäre, als würde ein Panda zum Fleischfresser.» Di Maio nahm auch das Referendum über den Verbleib im Euro aus dem Wahlprogramm – einfach so, ohne interne Abstimmung. Auch das wäre vor einigen Monaten noch undenkbar gewesen, vor der spektakulären Selbstbefreiung des Kabarettisten aus Genua.

Oben rechts auf seinem neuem Blog, gut sichtbar, stehen nun die Daten seiner Tournee. Das Programm heisst «Schlaflosigkeit».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 18:54 Uhr

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