Der Banlieue-Jihadist

Analyse

Er war ein Autofreak, Partygänger und heiliger Krieger: Mohammed Merah gehörte einer neuen Generation von Terroristen an.

Ein Mensch mit wirren Gedanken: Der Attentäter von Toulouse, Mohammed Merah.

Ein Mensch mit wirren Gedanken: Der Attentäter von Toulouse, Mohammed Merah.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Der mutmassliche Serienmörder Mohammed Merah war ein Mann voller Widersprüche. Das liegt nicht nur daran, dass der als höflich und sympathisch beschriebene Franzose algerischer Herkunft mit erschreckender Kaltblütigkeit mehrere Menschen ermordet haben soll. Gemäss Aussagen von Ermittlern und Zeugen sowie Medienberichten ergibt sich das Bild eines Mannes, der sich zwar als gerechter Kämpfer für die islamische Sache sah, aber alles andere als ein Koran-gerechtes Leben führte.

Eine Frau aus Merahs Wohnquartier in Toulouse erzählte gegenüber dem Nachrichtenportal «Le Télégramme», dass er nicht als frommer Muslim in Erscheinung getreten sei. Als sie ihn vor ein paar Monaten zuletzt gesehen habe, habe der 23-jährige Merah westliche Kleidung, einen gebleichten Kamm auf dem Kopf und ein grosses Tattoo auf dem Schädel getragen.

«Er stellte vielen jungen Frauen im Quartier nach»

Die Frau, deren Sohn eine Zeit lang Kontakt zu Merah hatte, berichtet weiter, dass der mutmassliche Serienattentäter von Toulouse regelmässig Spritzfahrten mit seinem Scooter oder Auto unternommen habe. Und er habe damit geprahlt, wie auch ein Video zeigt, das der französische Fernsehsender France 2 gestern Abend ausstrahlte. «Er stellte auch vielen jungen Frauen im Quartier nach.»

Wie andere Zeugen berichten, wusste Merah den westlichen Lebensstil zu schätzen. So sei er nachts häufig zum Feiern in Nachtclubs gewesen. «Erst letzte Woche war ich mit ihm unterwegs», zitierte die französische Zeitung «Le Figaro» einen Freund von Merah. Auch das Vorleben als Kleinkrimineller mit mindestens 18 Straftaten entspricht nicht einer Lebensweise, die mit dem Koran vereinbar ist.

Polizei: «Ein einsamer Wolf des Jihad»

Der inzwischen tote Mohammed Merah gehört zu einer neuen Generation von Terroristen, die zwar als Einzelgänger in Aktion treten, sich aber auf die al-Qaida oder andere radikalislamistische Organisationen berufen. Bei den Terrorfahndern werden solche Täter als «einsame Wölfe» bezeichnet – sie sind ein Albtraum für Geheimdienste und andere Sicherheitsbehörden.

Französische Polizeikreise meinten gestern, dass der in einer Toulouser Banlieue aufgewachsene Serienattentäter ein «einsamer Wolf des Jihad» sei. Gerade die französischen Vorstädte, wo viele muslimische Einwanderer ohne Perspektiven leben, bilden einen Nährboden für politischen Radikalismus, der bei psychisch verwirrten Leuten, wie es offenbar Mohammed Merah war, in brutalste Gewalt gegen andere Menschen ausarten kann.

Al-Qaida ruft zum «Heiligen Krieg» im eigenen Land auf

Auf dem Weg zum Terroristen hatte der arbeitslose Karosseriebauer und Kleinkriminelle angeblich Kontakte zu einer salafistischen Gruppe in Toulouse. Von einer «untypischen Selbstradikalisierung» sprach Staatsanwalt François Molins. In den Jahren seiner Radikalisierung besuchte Mohammed Merah offenbar Trainingcamps für Terroristen in Afghanistan und Pakistan. Beeinflussen liess er sich schliesslich auch von der Propaganda der al-Qaida, die über das Internet verbreitet wird. In den gestrigen Verhandlungen mit der Polizei behauptete der 23-Jährige, zu al-Qaida zu gehören.

Typisch für die «einsamen Wölfe» ist, dass sie Internetvideos über die Tötung von «Gottlosen» konsumieren. Grossen Einfluss in der Jihadisten-Szene hatte in den letzten Jahren das Onlinemagazin «Inspire» von Anwar al-Awlaki, einem Amerikaner jemenitischer Herkunft. Der Chef der al-Qaida im Jemen, der letztes Jahr bei Drohnenangriffen der Amerikaner ums Leben kam, hatte junge Muslime im Westen zum «Heiligen Krieg» in ihren Ländern aufgerufen. Gemäss einem Bericht der «Jerusalem Post» empfahl al-Awlaki Anschläge auf Armeeeinrichtungen, Nachtclubs, Autobahnen oder Einkaufszentren. Zudem rief der Al-Qaida-Chef ausdrücklich dazu auf, auch Zivilisten zu töten.

Aufgrund der bisherigen Erkenntnisse hat Mohammed Merah im Sinne von al-Awlaki gehandelt. Er brachte Tod und Angst in die Region, wo er selbst lebte. Seinen «Heiligen Krieg» überlebte Mohammed Merah nicht.

DerBund.ch/Newsnet

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