Chaostage in Athen

Mal nein, mal ja, dann wieder nein: Was geht eigentlich in Alexis Tsipras' Kopf vor? Drei Erklärungsversuche.

Dieser Mann gibt Rätsel auf: Welchen Plan verfolgt Alexis Tsipras?

Dieser Mann gibt Rätsel auf: Welchen Plan verfolgt Alexis Tsipras? Bild: Yannis Kolesidis/Keystone

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Täglich, ja beinahe stündlich erreichen uns Neuigkeiten zum Schuldenstreit zwischen Griechenland und seinen Gläubigern. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten. So lässt der griechische Regierungschef Tsipras beispielsweise verlauten, er würde die Vorschläge der Gläubigerstaaten nun doch mit wenigen Abstrichen akzeptieren, nur um kurze Zeit später in einer Fernsehansprache seine Landsleute aufzufordern, die Spar- und Reformauflagen im sonntäglichen Referendum abzulehnen. Einmal mehr hat Tsipras den Verhandlungen damit einen Dämpfer verpasst. Ist das Teil seiner Strategie, oder hat er eine solche ohnehin längst über Bord geworfen? Was geht im Kopf dieses Mannes vor? Hier sind drei mögliche Antworten:

Über den Kopf gewachsen

Die ganze Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Als Tsipras für das Amt des griechischen Ministerpräsidenten kandidierte, machte er seinen Landsleuten ein utopisches Wahlversprechen: Wir bleiben in der Eurozone, aber ohne die für Griechenland ungünstigen Konditionen. Eine Zusicherung, von der er eigentlich hätte wissen müssen, dass er sie nicht einhalten kann. Aus Angst, sich nach seiner Wahl innenpolitisch unbeliebt zu machen, blieb er gegenüber den Gläubigern stets hart. Gleichzeitig wollte er die Verhandlungen nicht platzen lassen, weil Griechenland auf die Hilfspakete angewiesen ist. Dieser Spagat könnte Tsipras nun zum Verhängnis werden. Die Dinge haben sich nicht so entwickelt, wie er sich das vorgestellt oder gewünscht hat. Er will, dass die EU ihm hilft, weigert sich aber, seine Fehler einzugestehen. Diese widersprüchliche Haltung macht es der EU unmöglich, mit Athen eine Lösung zu vereinbaren. Tspiras' Regierung scheint in die Ecke gedrängt zunehmend planlos zu agieren und der Sache nicht mehr gewachsen zu sein. Das erweckt den Eindruck von Inkompetenz.

Zu hoch gepokert

Das ewige Hin und Her ist Taktik. Eine Taktik, die allerdings nicht aufzugehen scheint. Tsipras und sein Finanzminister Giannis Varoufakis waren davon überzeugt, durch eine harte Haltung in den Verhandlungen bessere Konditionen für Griechenland erwirken zu können. Lange kamen die Gläubiger den Griechen entgegen, machten mehr Zugeständnisse als gewollt und ursprünglich geplant. In Athen hat das wohl den Eindruck erweckt, dass die Gläubigerstaaten einen Austritt der Griechen aus der Eurozone um jeden Preis verhindern wollen und wenn nötig weitere Abstriche machen. Mit dieser Einschätzung lag die griechische Regierung daneben. Die Schmerzgrenze der Gläubiger ist erreicht, sie haben genug von der Wankelmütigkeit Tsipras' und stellen auf stur. Der griechische Regierungschef hat sich überschätzt und zu hoch gepokert.

Den Euroaustritt angepeilt

Hinter dem Vorgehen der Griechen steckt politisches Kalkül. Tsipras und seine Regierung waren trotz anderslautender Bekundungen nie an einer Einigung im Schuldenstreit interessiert, sondern haben von Anfang an den Austritt aus der Eurozone angestrebt. So stellten sie absichtlich Forderungen, von denen sie wussten, dass sie die Gläubigerstaaten auf keinen Fall akzeptieren können. Gleichzeitig wurden die Bedingungen der Gläubiger stets als nicht annehmbar bezeichnet, um diese als Schuldige der Krise darzustellen und damit die griechische Bevölkerung gegen die Währungsunion aufzubringen. Langfristiges Ziel war von Beginn weg die Aufgabe der Mitgliedschaft im Euroraum. Tsipras strebt demnach die (Wieder-)Einführung einer eigenen Währung an. Davon verspricht er sich langfristig neue Wettbewerbsfähigkeit in der Volkswirtschaft und eine Stabilisierung und Erholung der griechischen Wirtschaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2015, 13:48 Uhr

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