Boris der Grosse

Londons Bürgermeister Boris Johnson hat beim Tory-Parteitag aus seiner Popularität weiteres Kapital geschlagen. Viele sehen den Exzentriker als Nachfolger von Premierminister David Cameron.

Die pure Zuversicht: Londons Mayor Boris Johnson.

Die pure Zuversicht: Londons Mayor Boris Johnson. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine kleine, einspaltige Karikatur im «Daily Telegraph» von gestern brachte perfekt auf den Punkt, wovon die britischen Konservativen diese Woche reden. Beim Tory-Parteitag in Birmingham steht die Limousine des Premierministers David Cameron vorm Eingang der Parteitagshalle. Ein Bediensteter fordert Camerons Chauffeur auf, Platz für einen anderen Wagen zu machen: «Boris könnte jeden Augenblick hier sein.» Ein bisschen wie die Ankunft der legendären Königin von Saba gestaltete sich Boris Johnsons Besuch bei der diesjährigen Parteiversammlung. Tory-Volk drängte sich am Dienstag, den Londoner Bürgermeister aus nächster Nähe zu erleben. «Boris! Boris!» schallten die Rufe durch die Halle.

Kein Zweifel: Johnson ist der beliebteste Politiker im konservativen Lager. Darin sind sich sämtliche Umfragen im Vereinigten Königreich einig. Während Premier Cameron nur noch mässige Sympathien verzeichnet und sein Schatzkanzler George Osborne schon jede Menge Unmut auf sich zieht, darf sich «Boris» begeisterter Empfänge oder wenigstens neugierigen Interesses bei den Seinen sicher sein. Johnson präsentiert sich als der erfolgreichste Tory seit den lang verflossenen Tagen Margaret Thatchers. Im Mai dieses Jahres ist er als Bürgermeister der grössten Stadt Europas wiedergewählt worden – in einer Stadt voller Labour-Wähler. Dieser Erfolg kann sich im Urteil seiner Partei sehen lassen. Cameron selbst verfehlte bei den Unterhauswahlen 2010 eine Mehrheit an Mandaten für die Tories und musste mit den Liberaldemokraten koalieren. Was ihm die Tory-Rechte nie vergeben hat.

Schmunzeln statt Gehässigkeiten

Inzwischen ist der Modernisierungslack bei Cameron am Blättern. Und nach zweieinhalb Jahren im Amt und vielen drakonischen Einschnitten zeichnet sich noch immer keine Besserung der Finanz- und Wirtschaftslage ab. Beides hat den Premier viel an persönlichem Zuspruch gekostet. Dagegen erfreut sich Boris Johnson beispielloser Resonanz, weit über die Grenzen seiner Partei hinaus. Bei Londons olympischen Festivitäten im Sommer stellte er den Regierungschef mit seinen vielen gut gelaunten Auftritten bei jeder Gelegenheit in den Schatten.

Dass er einmal während der Spiele in kurioser Montur an einem Kabel in der Luft festhing, trug ihm statt gehässiger Kommentare ein kollektives Schmunzeln ein. Selbst Cameron musste eingestehen, dass sich Johnson Dinge erlauben könne, die die Nation keinem anderen Politiker durchgehen lassen würde – so unterhaltsam finden die Briten den unkonventionellen, wuschelköpfigen Mayor, der scharfes politisches Kalkül mit stets neuen theatralischen Darbietungen würzt. Von grossem Vorteil ist für Johnson natürlich, dass er der Regierung nicht angehört. Er kann sich Dinge herausnehmen, die keinem Minister möglich wären.

Mehr Wettbewerb für Englands Schulsystem

Beim Tory-Parteitag in Birmingham suchte der Mayor aus seiner olympischen Popularität weiteres Kapital zu schlagen. So eröffnete er seinen Parteifreunden, dass er Armeeangehörigen in Uniform freie Fahrt im Londoner Verkehrsnetz verschaffen wolle: als Dank für den bewundernswerten Einsatz der Streitkräfte bei den Olympischen Spielen. Zugleich sprach sich der Eton- und Oxford-Absolvent für eine Rückkehr zu einem «selektiveren», wettbewerbsmässigen Schulsystem für England aus. Auch bei den Spielen habe man deren Teilnehmer dazu angehalten, «Erster, Zweiter oder Dritter zu werden». Kein anderer Tory-Politiker war auf die Idee gekommen, es so simpel auszudrücken.

Auch hier wieder warmer Beifall von den Delegierten. Der Wettbewerbspromoter, Truppenbewunderer, City-Verbündete und Euroverächter ist so recht nach dem Herzen vieler Konservativer, die Cameron am liebsten heute schon durch «Boris» ersetzen würden – erstaunlich gewillt, über clowneske Eigenheiten und einige im Grunde liberale Ansichten Johnsons in sozialen Dingen hinwegzusehen.

Die Ära der Entbehrungen

Johnson selbst hütete sich in Birmingham, «Dave», seinen ehemaligen Schulkameraden und Unikommilitonen, offen zu provozieren. «Niemand», versicherte er, «sollte Grund zum Zweifel an meiner Bewunderung für David Cameron haben.» Er unterstütze Cameron hundertprozentig. Worum es gehe, sei, von der Ära der Labour-Exzesse durch die gegenwärtige Ära der Entbehrungen zu einer Ära neuer britischer Unternehmungslust zu gelangen. So viel Zuversicht mitten in einer schweren Krise ist Labsal für die britischen Konservativen. Niemand vermag die Partei mit solchem Optimismus zu erfüllen. Niemand in der Partei bezweifelt aber auch, dass Boris Johnson spätestens zu den nächsten Unterhauswahlen im Jahr 2015 seinen Bürgermeisterposten vorzeitig verlassen und wieder ins Parlament einziehen wird – um bei einem erneut schwachen Ergebnis Camerons als dessen Nachfolger zur Verfügung zu stehen.

Cameron seinerseits ist zu dem Schluss gekommen, dass es «keinen Zweck hat, dass man versucht, Boris im Zaum zu halten». Er neide seinem alten Kumpel und Rivalen auch keineswegs dessen «Rockstar-Qualitäten». Er, Cameron, nehme «relativ gelassen» zur Kenntnis, «dass der blonde Mopp sich von Zeit zu Zeit Gehör verschaffen muss», meinte der Premierminister. «Wenn ich ein blonder Mopp bin», revanchierte sich Johnson, «dann bist du, Dave, ein starker Besen.» Zusammen mit all den ministeriellen Kehrschaufeln, Schwämmen und Staubtüchern kehre man den Dreck zusammen, den die letzte Labour-Regierung hinterlassen habe.

Wieder ein Lacherfolg, mit simplen Utensilien-Witzeleien. Johnson, der Altphilologe, weiss viele Sprachen zu sprechen. Auch die der Strasse. Anders als David Cameron. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.10.2012, 07:09 Uhr

Artikel zum Thema

Cameron blamiert sich vor Millionenpublikum

David Cameron hat gestern auf dem Stuhl neben David Letterman Platz genommen. Bei Fragen zur britischen Geschichte kam der britische Premier ins Straucheln – und gab augenzwinkernd das Ende seiner Karriere bekannt. Mehr...

Londons cleverster Medaillenanwärter

Geschickt nutzt Bürgermeister Boris Johnson die Olympischen Spiele zur Selbstdarstellung – und stiehlt Premierminister David Cameron die Show. Kein anderer britischer Politiker weiss sich so in Szene zu rücken wie er. Mehr...

Hohn und Spott für Pannen-Boris

Der Londoner Bürgermeister ist bei einem Drahtseilakt grandios gescheitert. Im Social Web macht man sich über ihn lustig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...