Bordeaux, Stadt der Sklavenhändler

Wenig hier erinnert an die Zeit des Sklavenhandels. Autor Diallo spricht von einer «Amnesie» – und führt Einheimische auf die Spuren der Vergangenheit.

«Als ich hier ankam war ich schockiert von der Amnesie der Stadt»: Aktivist und Autor Karfa Diallo bei seiner Stadtführung. Foto: Baptiste Fenouil (REA, laif)

«Als ich hier ankam war ich schockiert von der Amnesie der Stadt»: Aktivist und Autor Karfa Diallo bei seiner Stadtführung. Foto: Baptiste Fenouil (REA, laif)

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Kaum eine Postkarte aus Bordeaux verzichtet auf die Place de la Bourse. Klassizismus in Symmetrie, am Ufer der Garonne. Karfa Diallo steht auf diesem Platz und winkt eine Gruppe Rentner zu sich heran. «Kommen Sie ein paar Schritte näher, dann kann ich Ihnen erzählen, was das Tourismusbüro nicht gerne hört.» Diallo zeigt auf eine der Steinfratzen, die seit mehr als 200 Jahren auf den Platz blicken. Eine flache breite Nase, volle Lippen. Auch wenn der Sandstein grau ist, sieht man, dass dieses Gesicht schwarz sein soll. «Vor ein paar Jahren wurde eine Nachbildung dieser Fratze als Souvenir an Touristen verkauft», erzählt Diallo. Hinten auf der Tonskulptur ist ein kleiner Hinweis: «Diese Plastik bezeugt die Durchreise von Afrikanern in Bordeaux.» Die Rentner lachen. «Haha, Durchreise.» Die Rentner haben bei Diallo die Stadtführung «Bordeaux, Stadt der Sklavenhändler» gebucht. In den nächsten zwei Stunden werden sie oft verlegen lachen.

13 Millionen Menschen wurden vom 16. bis zum 19. Jahrhundert auf europäischen Sklavenschiffen von Afrika nach Amerika verschleppt. Es ist ein Verbrechen, das die USA bis heute zerreisst. In der europäischen Geschichtsschreibung aber ist es eine Randnotiz. 461-mal verliessen die Sklavenschiffe den Hafen von Bordeaux, vom Quai unweit der Place de la Bourse. Die Stadt war der wichtigste Sklavenhändlerhafen nach Nantes. Und sie war der wichtigste Umschlagplatz für Kolonialwaren, angebaut von Sklaven auf französischen Plantagen. Nantes eröffnete 2012 eine Gedenkstätte für die Abschaffung der Sklaverei. Hier an der Place de la Bourse ist das steinerne Gesicht an der Fassade das Einzige, was an diese Zeit erinnert. Es wurde angebracht von denen, die vom Reichtum der Kaufleute erzählen wollten, von exotischen Welten – nicht von denen, die im Rumpf der Schiffe und auf den Zuckerrohrfeldern starben wie Tiere.

Heute droht die Zeit, in der dieser Teil der Stadtgeschichte noch ein Tabu ist, in eine Zeit überzugehen, in der alles schon so lange her ist, dass es egal ist. Frankreichs junge Designer nähen Taschen und Jacken aus afrikanischen Stoffen, auf den Trikots der Fussballnationalmannschaft stehen Namen wie Dembélé, Umtiti, Sissoko. Und trotzdem windet sich die Politik des Landes bemerkenswert hilflos, wenn sie erzählen soll, wie es dazu kam.


Bilder: Impressionen der Sklaverei


Es gibt Bereiche der Politik, da ist Geschichte entscheidend. Ein Diskurs über Europa ohne Verweis auf einen der zwei Weltkriege? Ungewöhnlich. Eine Grundsatzrede zu afrikanischer Einwanderung, ohne zu erwähnen, dass der französische Code noir noch bis 1848 anordnete, schwarzen Menschen, die in Freiheit leben wollen, die Ohren abzuschneiden? Standard.

Vor den Heldengräbern der Nation

Es ist genau 170 Jahre her, dass Frankreich die Sklaverei abschaffte, als Präsident Emmanuel Macron am 27. April dieses Jahres etwas für ihn sehr Untypisches tut: Er schweigt. Und lässt sich dabei filmen, wie er still durchs Pariser Panthéon schreitet. Vor den Heldengräbern der Nation stehen Kinder aller Hautfarben. Die Bilder werden von einem präsidialen Facebook-Post begleitet: «Über Jahrhunderte wurden Männer, Frauen und Kinder aus ihren Häusern, ihren Familien, ihrer Kultur herausgerissen. Sie wurden zusammengepfercht und ausgehungert auf Schiffen, die noch feucht waren vom Blut und von den Tränen ihrer Vorgänger.» Er werde den Opfern der Menschenhändler ein Denkmal bauen lassen, im Tuileriengarten, mitten in Paris. Und er werde eine «Stiftung zum Gedenken an die Sklaverei» gründen, wie es schon sein Vorgänger François Hollande angekündigt hatte. Ein Museum der Sklaverei in Paris werde es aber nicht geben. Frankreich habe so ein Museum bereits – auf der Karibikinsel Guadeloupe. Die Sklaverei, schreibt Macron, ist Teil unserer Geschichte. Bordeaux gehöre zu den Gemeinden, die als Vorreiter gelten, die «starke Initiativen ergriffen haben, um die Anerkennung voranzutreiben».

Wenn man nach Bordeaux fährt, findet man nur eine starke Initiative: Karfa Diallo. Diallo sitzt im Anzug und mit Sonnenhut vor einem Café in der Altstadt. Er trägt dasselbe Brillenmodell wie Malcolm X, halbrunde Gläser unter einem geraden, schwarzen Rand. «Als ich hier ankam», sagt er, «war ich schockiert von der Amnesie der Stadt.» Es ist Mitte der 90er-Jahre, und der gebürtige Senegalese Diallo will in Bordeaux sein Jurastudium abschliessen. Er kennt die Geschichte der Stadt. Er weiss, dass sie nicht nur reich ist wegen der Weingüter im Umland. Sondern wegen der Zuckerinseln, auf denen Schwarze selten älter wurden als 30 Jahre, weil sie sich auf den Plantagen zu Tode arbeiteten.

Diallo ahnt nicht, wie egal der Stadt dieser Umstand ist. 1998 beginnt er, seine ersten Demonstrationen zu organisieren. Die Abschaffung der Sklaverei jährt sich zum 150. Mal, und kein französischer Politiker legt einen Kranz nieder oder hält eine Rede. 40'000 Menschen gehen daraufhin in Paris auf die Strasse, Diallo und seine Freunde laufen mit Plakaten durch Bordeaux: «Hafen der Sklavenhändler, stell dich deiner Vergangenheit». Heute ist Diallo 47 Jahre alt, ein Autor und Aktivist, fast jedes Wochenende führt er Einheimische und Touristen durch die Stadt, für zehn Franken pro Person. Er will den Menschen zeigen, auf welchen Strassenschildern die Namen von Sklavenhändlern stehen – ohne dass Plaketten darauf hinwiesen. Was ihn antreibt? «Wut», sagt Diallo und lächelt höflich.


Bilder: Noch heute gibt es Millionen von Sklaven


Marik Fetouh jongliert im Rathaus von Bordeaux die Forderungen all derer, die zusammengerechnet die grosse Mehrheit der Gesellschaft ausmachen, aber trotzdem unter Minderheiten zusammengefasst werden. Frauen, Lesben, Schwule, Schwarze, Araber, Muslime, Juden, Behinderte. Man kann sagen, dass Fetouh keine Lust hat, sich an allen Fronten gleichzeitig zu verausgaben. Fetouh ist stellvertretender Bürgermeister und laut Jobbeschreibung «beauftragt mit dem Kampf gegen Diskriminierung». Es ist ein Kampf, in dem Diallo im Boxring steht und Fetouh von der Seitenlinie aus mahnend nachfragt, ob man nicht lieber knuffen statt schlagen könne.

«Wie viele andere Zivilisationen auch betrieben afrikanische Gesellschaften Sklavenhandel, europäische Nachfrage verstärkte dieses Treiben.»Stadtmuseum Bordeaux

Seit zwei Jahren hat das Rathaus in Bordeaux eine Kommission, die darüber nachdenkt, wie die Stadt ihrer Rolle bei der Versklavung von Millionen Menschen gedenken könnte und ob es eventuell Zeit wäre, erklärende Plaketten an einigen Strassenschildern anzubringen. Zum Beispiel könnte in der Rue de Gramont erwähnt werden, dass ebendieser Monsieur de Gramont nicht nur Vorsitzender der Handelskammer und Bürgermeister der Stadt war, sondern dass 1783 und 1803 in seinem Namen mehrere Schiffe von Bordeaux aus losfuhren, um Sklaven zu kaufen.

«Die Gesellschaft ist noch nicht so weit»

Fetouh fängt schnell von selbst an, über Diallo zu sprechen. Diallo wurde aus der Kommission ausgeschlossen. «Weil ich denen zu unbequem bin», sagt Diallo. «Wegen eines Interessenkonflikts», sagt Fetouh. Als Fetouh in einer öffentlichen Facebook-Diskussion darauf hingewiesen wird, dass nach Diallos Ausschluss aus der Kommission «keine Betroffenen» mehr über die Geschichte der Sklaverei diskutieren, schreibt Fetouh: «Muss man Afrikaner sein, um sich in dieser Frage äussern zu können?» Ein anderes Kommissionsmitglied nennt Diallo in einem Gespräch rassistisch, weil er seine schwarze Hautfarbe gegen die der Weissen ausspiele. Seit Frankreich den Rassismus offiziell abgeschafft hat, gehört es zum guten Ton, so zu tun, als sei man farbenblind.


Video: «Strassen Bordeaux' tragen Namen von Sklavenhändlern»

Will die Erinnerung erhalten: Karfa Diallo. Video: YouTube / France 3


Und was wäre, wenn man die Sklavenhändlerstrassen umbenennt, so wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Strassen der Nazi-Kollaborateure? «Die Gesellschaft ist noch nicht so weit», sagt Fetouh. «Niemand ist bereit, zuzugeben, dass er Rassist ist. Wir erreichen nichts, wenn wir die Bürger jetzt überfordern.» Er empfiehlt einen Besuch im Stadtmuseum. Seit 2009 haben sie dort vier Säle der Sklaverei gewidmet. «Dort wird alles sehr gut erklärt.» Im ersten Stock des Museums werden die Ausstellungsobjekte nur sparsam beleuchtet. Dunkle Räume für die dunkle Geschichte. «Der Sklavenhandel», steht rot auf weiss auf der ersten Erklärtafel. «Wie viele andere Zivilisationen auch betrieben afrikanische Gesellschaften Sklavenhandel, europäische Nachfrage verstärkte dieses Treiben.»

«Die Plantagen umfassten Gebäude, in denen man lebte, und Gebäude für den Arbeitsbedarf wie Sklaven, Tiere und Werkzeuge.»Stadtmuseum Bordeaux

Nichts an diesem Satz ist falsch, doch wenig an diesem Satz ist richtig. Wenigstens dann nicht, wenn er dazu dienen soll, zu zeigen, wie sehr Weisse davon profitierten, dass sie Schwarze zu Ware abwerteten. Zwischen Schiffsmodellen, Logbüchern und historischen Fussfesseln lernt man viel darüber, wie viel ein Sklave wert war (10 Längen indischer Baumwolle oder 25 Pistolen oder 40 Eisenbarren oder 600 Liter Brandy oder 100'000 Kaurimuscheln), wie er transportiert wurde (nackt, gefesselt, liegend) und wie viele Sklaven den Transport von Afrika nach Amerika nicht überlebten (zwischen 15 und 25 Prozent).

Wer optimistisch sein will, kann die Ausstellung einen Fortschritt nennen. Früher war hier dem sogenannten Dreieckshandel nur ein Globus gewidmet, auf dem die Seewege der Sklavenschiffe eingezeichnet waren: mit Waffen und Tuch an Bord nach Afrika, dort die Ware gegen Sklaven tauschen. Dann die Sklaven in der Karibik verkaufen, den Profit in Rum und Rohrzucker investieren. Dann zurück nach Bordeaux.

Wer weniger optimistisch sein will, liest mit Unwohlsein die Erklärtexte: «Die Plantagen umfassten Gebäude, in denen man lebte, und Gebäude für den Arbeitsbedarf wie Sklaven, Tiere und Werkzeuge.» Es gibt keine Täter in diesem Museum, es gibt nur historische Umstände. Und unten im Museumsshop warten für etwa zwei Franken Postkarten, die Schiffe der Sklavenhändler mit stolz gehissten Segeln zeigen. Auch Diallo empfiehlt am Anfang seines Stadtrundgangs das Museum. «Es ist besser als nichts.»

Die eingeschworene Bourgeoisie

Für jemanden, der es schafft, das gesamte Rathaus gegen sich aufzubringen, wirkt Diallo erstaunlich gelassen. 17 Menschen folgen ihm an diesem Samstagvormittag durch die Gassen von Bordeaux. Die 15 skeptischen Rentner aus dem Umland, die einmal im Monat gemeinsam einen «historischen Ausflug mit anschliessendem Restaurantbesuch» machen. Und ein junges Paar aus Bordeaux. «Ich bin hier zur Schule und zur Universität gegangen, und in all den Jahren habe ich nichts über den Sklavenhandel gehört», sagt sie. Warum sich so wenig bewegt? «Die reichsten, einflussreichsten Familien der Stadt sind heute dieselben wie vor 200 Jahren», sagt er. Jeder erzählt hier von der eingeschworenen Bourgeoisie der Stadt, von den mächtigen Familien, der konservativen Wählerschaft, die keiner verschrecken will. Doch auf der Stadtführung wird klar, dass das Wegducken vor der Geschichte etwas ganz Beiläufiges ist. Nichts, wofür man besondere Macht brauchte.

Die kleine Tafel auf Kniehöhe, einen zehnminütigen Spaziergang von der Place de la Bourse entfernt, ist das einzige sichtbare Zeichen, das in den Strassen Bordeaux’ an den Sklavenhandel erinnert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2018, 10:30 Uhr

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